Archiv Tipp

März-Tipps von Irene Scheurer

Isabel Allende: Was wir Frauen wollen

Isabel Allende hat ihr neustes Buch während des Lockdowns im März 2020 geschrieben. Sie nutzt die Pandemie, die so vieles in Frage stellt, als Zeit zum Nachdenken und fragt sich: Was für eine Welt wollen wir?

Anhand von verschiedenen Beispielen und Lebenserfahrungen zeigt die 79-jährige chilenische Autorin in ihrem Essay auf, dass die Gleichstellung der Frauen in vielen Bereichen und Ländern bei weitem noch nicht erreicht ist.

Die Erfahrung ihrer Mutter, die mit drei kleinen Kindern von ihrem Ehemann in Peru sitzen gelassen worden ist, hat sie geprägt und ihre Auflehnung gegen die Herrschaft von Männern schon früh entfacht. Sie sei schon im Kindergarten Feministin gewesen, schreibt sie einleitend. Isabel Allende ist fest entschlossen, für ein Leben zu kämpfen, das ihre Mutter nicht haben konnte. Sie möchte die jungen Frauen von heute ermutigen und wünscht sich, dass sie Wahlmöglichkeiten haben und angstfrei leben können. Ihr engagiertes Plädoyer am Ende des Buches lautet: Wir wollen eine Gesellschaftsordnung im Gleichgewicht, die nachhaltig ist und auf Respekt füreinander, für andere Spezies und die Umwelt insgesamt gründen. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung, die alle einschliesst und keinen bevorzugt, in der niemand diskriminiert wird aufgrund von Geschlecht, Klassenzugehörigkeit, Alter oder sonst einem Etikett, das uns auseinanderbringt. Wir wollen eine freundliche Welt, in der Frieder herrscht, Einfühlungsvermögen, Anstand, Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Und vor allem wollen wir eine fröhliche Welt.

Jean-Paul Dubois: Jeder bewohnt die Welt auf seine Weise

Paul ist ein engagierter, hilfsbereiter Mann, der jahrzehntelang die Wohnresidenz «Excelsior» als engagierter Oberverwalter gehegt und gepflegt hat. Er ist nicht nur technisch versiert, sondern kümmerte sich auch - obwohl das nicht in seinem Pflichtenheft stand - einfühlsam um die vielen betagten Wohneigentümer.

Doch dieser friedfertige, fleissige, unauffällige Mann sitzt nun in der Strafanstalt Montreal eine zweijährige Strafe ab und teilt die Zelle mit dem Hells-Angel-Biker Patrick Horton. Wie und weshalb ist ein so freundlicher Mensch strafffällig geworden, fragt man sich bei der Lektüre.

Während der Langsamkeit der Tage im Gefängnis hat Paul viel Zeit, sein Leben Revue passieren zu lassen. Er reflektiert über seine Kindheit in Toulouse als Sohn eines dänischen Pastors und einer Französin, die mit Leidenschaft ein Kino betrieben hat, über seine spätere aufopfernde und erfüllende Zeit als Hausmeister in Kanada und sein spätes Glück mit Winona und Nouk. Am Ende des Romans wird klar, was ihn in Rage gebracht hat und hat sehr viel Verständnis für seine Tat.

Andreas Neeser: Wie wir gehen

Mona versucht, ihrem krebskranken, verwitweten Vater Johannes näherzukommen und einen Weg aus der Sprachlosigkeit zu finden. Er ist ihr in vielen Belangen fremd. Sie realisiert: Du bist mein Vater und ich weiss so wenig über dich, am wenigsten von früher.

Um ihn besser verstehen zu können, bittet sie ihn, seine Geschichte auf ein Diktiergerät zu sprechen. Sie möchte nachvollziehen können, welche Prägungen er erhalten hat und wie diese in ihre Erziehung eingeflossen sind. In vielen Rückblenden wird klar, dass Johannes als viertes Kind einer sehr armen Familie als Verdingbub eine sehr schwierige Kindheit verlebt hat.

Der Roman von Andreas Neeser zeigt auf, dass Erfahrungen der einen Generation der nächsten weitergegeben werden, die dann ein Stück weit diesen Fussstapfen folgt, aber immer auch ihren eigenen Weg finden muss.

Januar-Tipps von Pia Kinner

Cihan Acar: Hawaii

Es ist Sommer und eine brütende Hitze lastet über Heilbronn. Der junge Kemal sucht den Neuanfang in seinem Leben, nachdem ein selbstverschuldeter Autounfall abrupt seine hoffnungsvolle Karriere als Fussballer beendet hat. Auf seinem Weg durch die Stadt trifft er unversehens allerlei Menschen. Diese Begegnungen zeigen, wer Kemal in den Augen der anderen ist oder sein soll. Parallel zu der sich in seinem Inneren aufstauenden Verzweiflung formieren sich in der Stadt zwei verfeindete Gruppen aus Migranten und einer deutschen Bürgerwehr, der Konflikt eskaliert gewalttätig.

Der Autor Cihan Acar studierte Rechtswissenschaften und publizierte bereits Sachbücher über Sportthemen, Hawaii ist sein erster Roman. Leichtfüssig und temporeich schildert er die Probleme eines jungen Menschen, der in zwei Kulturen zuhause ist, dem Ausgrenzung und daraus resultierende Perspektivlosigkeit widerfährt. Ein höchst empfehlenswertes Buch, das mich beim zweiten Lesen nochmals genauso fesselte und berührte.

Katja Oskamp: Marzahn mon amour. Geschichten einer Fusspflegerin

Gleich zu Beginn des Buches verrät uns Katja Oskamp ihr ungefähres Geburtsdatum und es liegt sehr nah bei meinem! Das reicht schon, um die ersten Seiten zu lesen. Katja Oskamp schildert ihr Leben, das im mittleren Alter fad geworden ist. «Die mittleren Jahre, in denen du weder jung noch alt bist, sind verschwommene Jahre. Du kannst das Ufer nicht mehr sehen, von dem du einst gestartet bist, und jenes Ufer, auf das zu zusteuerst, erkennt du noch nicht deutlich genug.» Die Schriftstellerin Katja Oskamp wagt den Neuanfang, absolviert die Ausbildung zur Podologin und beginnt im Berliner Stadtteil Marzahn in einer Praxis.

Marzahn ist vor allem bekannt geworden durch die dank industrieller Vorfertigung in Höchsttempo erstellen Hochhäuser im Osten Berlins. Katja Oskamp nähert sich diesen Menschen von ihren nackten Füssen her. Die Berührung dieser Körperteile, für die sich laut ihren Schilderungen sehr viele Menschen schämen, und ihre sorgfältige Behandlung scheint Katja Oskamp den direkten Weg zum Herzen und der Zunge dieser Menschen zu öffnen. Warmherzig und liebevoll portraitiert sie die Ostberliner und gibt so den Menschen in diesen anonymen Plattenbauten ein Gesicht. Ein höchst lesenswertes Buch für Menschen in jedem Alter.

Daniel Lenz: Flamme rouge

Die auch als Teufelslappen bekannte Flamme Rouge signalisiert bei Velostrassenrennen den Beginn des letzten Kilometers vor dem Ziel. Der Schlussspurt, der nochmals alles von den Athleten verlangt, entscheidet über Sieg und Niederlage. Welche Dramen sich auf diesem einen Kilometer ereignen können, zeigen die beiden Autoren Daniel Lenz und Florian Summerer anhand von kurzweiligen Interviews mit Radprofis. Sie lassen neben bekannten Stars auch Aussenseiter und andere Beteiligte zu Wort kommen wie zum Beispiel den Fotographen Hennes Roth oder den Streckenplaner Fabian Wegmann.

Anhand ihrer Schilderungen werden die Strassenrennen von langwierigen Veloausflügen zu taktischen Mannschaftsspielchen. Durch die persönlichen Schilderungen der Athleten löst sich unsere Fernsehperspektive auf und schärft unseren Blick auf die körperlichen und charakterlichen Stärken und Schwächen der Radsportler. Ein Buch, das sowohl die Vorfreude auf eigene "Pedaliererei" wie auch auf Fernsehübertragungen weckt und sich perfekt für die Lektüre an einem nassen Wintertag eignet.

November-Tipps von Petra Schweizer

Andrea Weidlich: Liebesgedöns - der geile Scheiss vom Suchen und Finden

Eine humorvolle, scharfsinnige Geschichte über "den geilen Scheiss vom Suchen und Finden", erzählt nach wahren Begebenheiten.

Andrea nimmt an einem Liebesseminar teil, das ihr bester Freund ihr zum Geburtstag aufgedrückt hat. Hier soll sie herausfinden, wie sie in sieben Schritten die Liebe findet. Und genau wie Andrea, finde auch ich, dass das Wort Seminar abschreckend und langweilig klingt. Zum Glück habe ich das Buch aber nicht gleich zugeschlagen, sondern mich, wie Andrea, darauf eingelassen, was da kommen mag.

Sind anfangs alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch zurückhaltend und unsicher, was da auf sie zukommt, geht es dann doch ganz schnell ans Eingemachte. Wir erfahren viel über die verletzte, verworrene, verschmähte Liebe der Paare und Singles. Über die Angst verlassen zu werden, nicht genug zu sein, alten Schmerz wieder zu erleben, aber auch über Selbstliebe, den eigenen Wert und die Macht der Entscheidung.

Mit viel Souveränität, Ruhe und ohne Wertung führt Dr. phil. Paul Goldbach die Teilnehmenden durch das Seminar und man bekommt den Eindruck, dass dieser Mann auf alles die passende Frage oder Antwort hat. Sind wir selbst am Anfang noch voreingenommen gegenüber manchen Anwesenden, so entdecken wir plötzlich, dass deren Geschichte vielleicht gar nicht so weit von unserer entfernt ist und Abneigung schlägt in Sympathie um.

Dieses Buch hat mich berührt, begeistert, zum Nachdenken und in mich Hineinhorchen gebracht. Ich habe nur eine Bitte: Lesen Sie es!

Christiane Wünsche: Aber Töchter sind wir für immer (Hörbuch)

Eine Geschichte über die Auswirkung, die traumatische Ereignisse auf einzelne Familienmitglieder, deren Bindung zueinander und das Familiengefüge als Ganzes haben.

Die drei Schwestern Johanna, Britta und Heike verbindet nichts als die Familie. Zu verschieden sind sie. Als sie zum 80. Geburtstag ihres Vaters im Haus am Bahndamm zusammenkommen, haben sie sich schon lange nicht mehr gesehen. Jede erinnert sich an ihre Kindheit, die gemeinsamen Jahre der Familie und an ihre früh verstorbene Schwester Hermine. Hier in diesem Haus lauern viele versteckte Emotionen, viel Verschwiegenes und falsch Verstandenes.

Die Geschichte wird anhand der Lebensgeschichten der einzelnen Familienmitglieder erzählt. Die Erzählstränge führen uns von den Kriegs- und Nachkriegsjahren bis zum heutigen Tag. Unterwegs verknüpfen sie sich und zeigen Ereignisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln, abhängig davon, wie ihre Position in der Familie und die Bindung zu ihren Eltern war.

Carsten Henn: Der Buchspazierer

Ein unterhaltsames Wohlfühlbuch über Freundschaft und die Liebe zur Literatur.

Carl Christian Kollhoff ist ein Buchhändler der alten Schule. Er kennt seine Kunden ganz genau und wichtiger als das Verkaufen ist ihm, das richtige Buch zum richtigen Leser zu bringen. Er ist stadtbekannt für seine Bücherspaziergänge, auf denen er jeden Abend nach Geschäftsschluss seine speziellen Kunden mit neuen Büchern beliefert. Für sie ist er die wichtigste Verbindung zur Aussenwelt und sie für ihn so etwas wie Freunde.

Doch die Zeiten ändern sich und für die persönliche Kundenbetreuung nach Carls Art scheint in der heutigen Zeit immer weniger Platz zu sein. Seine junge Chefin, die Tochter des alten Geschäftsführers, zu dem Carl eine spezielle Bindung hatte, ist eifersüchtig auf eben diese. Unter dem Deckmantel der Modernisierung und Effizienz versucht sie Carl loszuwerden und kündigt diesem schlussendlich.

Carl verliert seinen wichtigsten Lebensinhalt und hat das Gefühl, seine Kunden im Stich zu lassen. Es bedarf der Macht des geschriebenen Wortes und der Hilfe eines eigenwilligen neunjährigen Mädchens, um sie alle dazu zu bringen aufeinander zuzugehen. Sie fassen den Mut, die liebevollen, aber zarten Verbindungen, die durch die gemeinsame Liebe zur Literatur entstanden sind, zu vertiefen und sich als Freunde beizustehen.

September-Tipps von Rahel Buchter

Graham Swift: Da sind wir

Graham Swift zum Zweiten. Und wieder mit einem - diesmal im wahrsten Sinne des Wortes - zauberhaften Buch.
Die Geschichte beginnt 1939. Dann nämlich wird Ronnie Dean, wie viele andere Londoner Kinder auch, an einen sicheren Ort auf dem Land gebracht und von einem rätselhaften, liebevollen Ehepaar aufgenommen, welches ein grosses Haus mit dem wohlklingenden Namen Evergrene bewohnt.
Er verbringt sechs glückliche Jahre bei den beiden, während deren er von seinem Pflegevater – einem professionellen Zauberer, wie man allmählich erfährt - in die Kunst der Zauberei eingeführt wird.
Zwanzig Jahre später wird Ronnie Dean gemeinsam mit seiner Verlobten Eve White und dem Unterhaltungskünstler Jack Robbins auf den Piers vom Seebad Brighton seine Zauberkünste erfolgreich vor Publikum darbieten, bis es zur Liaison zwischen Eve und Jack kommt.
Eine klassische Dreiecksgeschichte? Auch. Aber dieser Roman beinhaltet noch viel mehr. Es geht um die Rolle der Mütter, um einen abwesenden Vater, um einen Papagei. Um England. Das Verschwinden. Die Erinnerung. Die Magie der Wörter. Das Rätsel des Lebens.
Der britische Autor Graham Swift hat bereits diverse Romane und Erzählbände veröffentlicht.
1996 wurde ihm für seinen Roman ‘Letzte Runde’ der Booker Prize verliehen.
Für mich ist er einer der ganz grossen Schriftsteller unserer Zeit.
Seine Figurenzeichnung ist stets empathisch und er selbst ein Meister darin, elegant und mit zarten Zwischentönen von einer Zeitebene zur anderen zu wechseln, ohne dadurch den Erzählfluss auch nur im Geringsten zu stören. Im Gegenteil: Zeitweise wähnt man sich beim Lesen selbst schwebend in einer Art Spiegelkabinett oder staunend in ein schillerndes Kaleidoskop blickend.

Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds

Die Autorin, Ärztin und Psychiaterin Melitta Breznik hat einen sehr berührenden, autobiografisch gefärbten Roman über das Sterben geschrieben.
Wie die Ich-Erzählerin hat auch sie sich vor einigen Jahren eine berufliche Auszeit genommen, um ihre kranke Mutter in deren letzten Lebenswochen zu pflegen und ins Sterben zu begleiten. In einem unaufgeregten Erzählton nimmt man am Alltag und dem langsamen Abschied der beiden teil. Dass dabei medizinische Details nicht ausgespart werden, unterstreicht die Authentizität des Textes. Es handelt sich um ein zartes, tröstliches Buch, welches eine grosse Ruhe ausstrahlt.
Zugleich ist es ein Plädoyer für ein – wenn möglich – gut begleitetes und wohlbehütetes Sterben.

Tyler Nilson und Michael Schwartz: Peanut Butter Falcon (DVD)

Ein US-amerikanischer Film von denselben Produzenten wie ‘Little Miss Sunshine’.
Der 22-jährige Zak hat ein Down-Syndrom und wurde mangels anderer Möglichkeiten in einem Altersheim untergebracht. Inspiriert von einem Film, den er sich täglich ansieht, verfolgt er ein ganz anderes Ziel: Er möchte sich zum Wrestler ausbilden lassen. Spärlich bekleidet reisst er aus und trifft auf Tyler, der mit seinem Boot unterwegs und ebenfalls auf der Flucht ist. 
Sie machen sich auf zur weiten Reise Richtung Wrestling-Schule und während ihres gemeinsamen Trips wachsen beide über sich selbst hinaus. Tyler wird zum Freund und Coach von Zak. Dieser entdeckt neue Kraft und Lebensfreude und entwickelt sich zu einem wilden, starken Wrestler namens Peatnut Butter Falcon.
Ein Film mit märchenhaftem Ende, zwei beeindruckenden Hauptdarstellern und wunderschön passender Filmmusik.

Juli-Tipps von Colette Fehlmann

Rutger Bregman: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit

Ist von Natur aus 'der Mensch dem Menschen ein Wolf', wie es der Philosoph Thomas Hobbes seiner Staatstheorie zugrundelegt, und schützen uns nur eine dünne Schicht von Zivilisation und eine starke Staatsmacht vor rücksichtslosem Egoismus und Gewalt?

Der niederländische Historiker Rutger Bregman, der am Davoser Symposium 2019 den Herrschenden schon mal auf erfrischende, unerschrockene Art den Spiegel vorgehalten hat (nachzuschauen auf Youtube), stellt dieses jahrhundertealte Vorurteil auf den Kopf. Seine These ist: Das Menschenbild, das eine Gesellschaft favorisiert und in Strukturen verfestigt, hat entscheidenden Einfluss darauf, wie sich Menschen verhalten.

Anhand von Forschungen aus Psychologie, Geschichte, Biologie und Archäologie zeigt er auf, dass der Mensch nur aufgrund von Kooperation über Jahrtausende fortschreiten konnte. Von Grund auf sind die meisten Menschen nämlich mitfühlend und hilfsbereit, was sich in Katastrophensituationen besonders deutlich zeigt. Da Macht hingegen zwangsläufig korrumpiert, muss sie anders verteilt werden, z.B. in Form von «Commons» oder «Bürgerhaushalten». Mag sein Ansatz auf den ersten Blick naiv erscheinen angesichts der Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen immer und immer wieder zufügen: Er gibt uns eine Fülle von Belegen aus Geschichte und Gegenwart, dass und wie es anders ginge.

Bregman ist ein begnadeter und witziger Erzähler und präsentiert seine Erkenntnisse in einer Vielzahl von Geschichten. Eine mitreissende Lektüre.

Fabio Andina: Tage mit Felice

Leontica, das Dorf hoch über dem Bleniotal. Jeden Morgen, zu jeder Jahreszeit, bricht der Felice noch vor der Morgendämmerung auf und wandert eine Stunde hoch zu einer Wanne des Bergbaches, wo er ins eiskalte Wasser taucht, er lässt sich vom Wind trocknen und steigt wieder ab. Im Dorf wird darüber gemunkelt. Nur der Erzähler wird ihn während sieben Tagen dabei begleiten und gleichzeitig den Tagesablauf mit ihm teilen, «um ein bisschen so zu leben wie er». Felice ist 90 Jahre alt. Man trifft sich in der Bar, auf der Strasse, man schaut beim Nachbarn herein, fährt ins Tal in den Gasthof und wieder hinauf. So begegnen wir jedem und jeder der Dorfbewohner immer wieder, bis sie uns selber familiär geworden sind. Wir nehmen teil am Tagewerk und Zusammenleben von Menschen und Tieren im Dorf. Man schaut zueinander - und man lässt einander leben in aller Verschiedenheit, weiss von den Lebensgeschichten und Bürden der andern. Keine Idyllisierung.

Das Zentrum aber bildet Felice. Sein Lebensrhythmus in der selbstbestimmten Einfachheit, seine Aufmerksamkeit gegenüber den Dingen, den Tieren und den Menschen um ihn. Seine Geradlinigkeit. Alles ist aufs absolut Essenzielle reduziert. Zero vaste. Mit Sorgfalt werden die einfachen Speisen und die diversen Kräutertees zubereitet. Der Erzähler eignet sich das eine oder andere an. Dazwischen gibt es Schweigen, Stille, Nachdenken.

Andinas wunderbare Sprache, der Rhythmus der Wiederholungen und knappen Dialoge haben die Wirkung von Minimal Music, die einen in ihren Bann zieht. Nach der letzten Seite möchte man wieder von vorne beginnen.

Caroline Fink: Sihlwald

Seit nunmehr zwanzig Jahren wird der Sihlwald sich selber überlassen und verwandelt sich vor unseren Augen in Wildnis - den Wildnispark Zürich. Dazu ist soeben dieser prächtige Portraitband erschienen. Dieser Wald ist nicht «aufgeräumt». Ein Merkmal des Naturwaldes ist das «Totholz», das, abgesehen von seiner ästhetischen Schönheit, vielen verschiedensten Tieren und Pilzen Nahrung und Unterschlupf bietet. Gespräche mit Forschern und Forscherinnen geben spannende Einblicke in das Projekt, und neben allem Wissenswerten zur Tier- und Pflanzenwelt im neuen, alten Sihlwald lese ich auch, was der junge Beruf einer Rangerin im Schutzgebiet ist. Fantastische Bilder von grosser Suggestion lassen einen eintauchen ins Gehölz und rufen danach, diese Wildnis vor unserer Haustür neu zu entdecken und auf uns wirken zu lassen.

Von der gleichen Autorin und Fotografin gibt es den ebenso eindrücklichen Bildband und Wanderführer "Welten aus Eis. Unterwegs zu den eindrücklichsten Gletscherlandschaften der Schweiz" (2016), denen man die gleiche Rückkehr in ihren Ur-Zustand wünschen möchte.

Mai-Tipps von Pia Kinner

Dave Goulson: Wildlife Gardening

Der englische Biologe Dave Goulson hat sich einen Namen als Insektenforscher gemacht und verschiedene äusserst lesenswerte Bücher über diese geheimnisvollen Tiere veröffentlicht. Nun wendet er sich unseren Gärten zu und beschreibt in kurzweiliger Manier, wie wir auch auf wenigen Quadratmetern viel für Tiere, Umwelt und uns bewirken können. Die Kapitel beginnen jeweils mit einem einfachen Kochrezept und behandeln anschliessend unterschiedliche Aspekte des Gärtners wie Teiche, Kompost, Würmer, Ameisen oder Schädlingsbekämpfung. Seine Beispiele sind vielfältig und oft einfach umsetzbar. Beispielsweise erklärt er prägnant, nach welchen Kriterien man im Gartencenter die Blumen auswählen kann: nicht nach Aussehen, Blütenzahl oder Preis, sondern anhand der Insekten, die sich auf den offenen Blüten tummeln. Nebenbei streift er Themen wie Landwirtschaft oder Politik und deren Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt.

Besonders gefällt mir sein unterhaltsamer, gut verständlicher Erzählstil, der das Buch auch für passionierte Nicht-Gärtner lesenswert macht.

Das Buch ist auch als e-Book verfügbar.

Maude White: Die Weisheit des Rotkehlchens

Die junge amerikanische Papierkünstlerin Maude White porträtiert in ihrem neusten Buch verschiedene Vögel in Bild und einem kurzem Text. Dabei geht es jedoch nicht um die üblichen Merkmale wie Aussehen, Lebensraum, Futter oder Fortpflanzung, sondern um eine Charaktereigenschaft dieser Vögel. Von dieser leitet sie ab, was auch uns Menschen gut tun könnte, und verfasst kurze Botschaften zu Themen wie z. B. Austausch, Kreativität, Geduld oder Veränderung. Als Beispiel aufgeführt sei hier der Laubenvogel, der in Australien und auf Neuguinea lebt. Das Männchen baut mit grossem Aufwand aus feinen Ästchen richtige Lauben, die er anschliessend ausschmückt. Dabei wählt er häufig Objekte der gleichen Farbe. Maude White schreibt dazu: „Hör nicht auf, Räume zu schaffen, die dich glücklich machen! Wir alle sind Künstler und Schönheit zu kreieren, bringt uns Freude.“

Die Abbilder der Vögel hat Maude White auf weissem Papier skizziert und anschliessend mit einer Klinge ausgeschnitten. Auf diese Weise sind sehr filigrane und detailreiche Bilder entstanden, die man immer wieder gerne anschaut. Botschaften, die für meinen Geschmack die Tiere zu sehr vermenschlichen, kann man überblättern und sich ins nächste Porträt vertiefen. Ein Buch, das sich weniger zum Lesen als zum Schmökern und ganz sicher als schönes Geschenk eignet.

Christoph Biemann: Buchstabenzauber

Der leidenschaftliche Leser und Fernsehmoderator (Sendung mit der Maus) Christoph Biemann ist vielen Erwachsenen und Kindern bestens bekannt, wobei sein Schnauz und sein grüner Pulli sicher berühmter sind als sein Name. Neben der Wissensvermittlung im Fernsehen ist ihm ebenfalls die Begeisterung der Kinder fürs Lesen eine Herzensangelegenheit. In diesem Buch stellt er vor, wie er selber als Kind zum passionierten Leser wurde und seine Faszination für Bücher später seinen Kindern und Grosskindern weitergegeben hat.

Wie viele Eltern bereits erfahren mussten, sind nicht alle Kinder einfach für das Lesen zu gewinnen. Auch Christoph Biemann liefert keine schnellen Rezepte, sondern zeigt die Bedeutung von Zuwendung, Kreativität und Geduld auf. Einige Anregungen waren bereits bekannt, andere verursachten beim Selbstversuch grosse Heiterkeit und lösten weitere kreative Ideen aus.

Ein empfehlenswertes Buch für Eltern, die sich gerne die Zeit nehmen, mit ihren jüngeren und älteren Kindern in die Welt der Buchstaben, Wörter und Geschichten aufzubrechen.

März-Tipps von Irene Scheurer

Daniel Mason: Wintersoldat

Der ehrgeizige und hochbegabte Wiener Medizinstudent Lucius Krzelewski, Sohn aus einer reichen österreichisch-polnischer Familie, ist 22 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg ausbricht. In der Hoffnung mit interessanten medizinischen Fällen konfrontiert zu werden, meldet er sich freiwillig zum Einsatz. Doch er wird nicht in ein gut eingerichtetes Lazarett eingeteilt, sondern in ein improvisiertes Hospital in einer Kirche in einem abgelegenen Dorf in den Karpaten. In der Realität des Krieges angekommen, merkt Lucius, wie weit Theorie und Praxis auseinanderklaffen und wie unerfahren er ist. Zusammen mit der jungen Nonne Magarete muss er die Verletzten versorgen und sie möglichst schnell wieder fronttauglich machen. Er lernt von ihr, mit den wenigen medizinischen Mitteln die Verletzten bestmöglich zu versorgen und Operationen - meist Amputationen – auszuführen. Seite an Seite kämpfen sie unter schwierigsten Umständen um das Überleben der verletzten Soldaten und verlieben sich ineinander. Doch eine folgenschwere Entscheidung um einen traumatisierten Wintersoldat beieinflusst ihre weiteren Lebenswege.

Jostein Gaarder: Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht

Albert erhält unerwartet die Diagnose, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet. Die Nachricht erschüttert ihn und er weiss, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor. Er zieht sich ins einsam gelegene Wochenendhaus am See zurück und sinniert über die Anfänge seiner Liebe, seine Ehe mit Eirin, über ihre gemeinsamen Pläne und Träume. Er ringt mit dem Gedanken, sein Leben selbst zu beenden, bevor es die Krankheit tut. In einer langen Nacht versucht er, mit sich ins Reine zu kommen und zu wertschätzen, was in seinem Leben genau richtig verlaufen ist.

Harald Lesch und Klaus Kamphausen: Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln für eine Welt, in der wir leben wollen

Der Klimawandel hat – wie wir alle wissen - dramatische Auswirkungen auf unseren Planeten und unser Leben. Nachrichten aus der ganzen Welt führen uns dies täglich vor Augen. Im Buch «Wenn nicht jetzt, wann dann?» geht es aber nicht nur um eine Bestandesaufnahme, sondern nach dem Motto «Verzagen gilt nicht» haben die Autoren Harald Lesch und Klaus Kamphausen zusammen mit verschiedenen Experten informative Vorschläge zusammengestellt, wie den prekären Umständen entgegengewirkt werden kann. Es sind Visionen, wie ökologisch richtiges Handeln und gedeihliches Zusammenleben aussehen kann.

Gemäss den Autoren ist es jedoch unbedingt notwendig, dass Regierungen, die Industrie sowie jeder einzelne Mensch sein Handeln reflektieren und ökologisch weitaus bewusster leben muss als bisher. Das Buch macht aber auch Mut, im Kleinen zu wirken, denn auch wer lokal tätig ist, kann global wirken.

Januar-Tipps von Ulla Schiesser

Sarah Kuttner: Kurt

Lena und Kurt - ein Paar mit Herausforderungen, denn zum „grossen Kurt“ gehört der „kleine Kurt“, ein Sechsjähriger, der zwischen seinen Eltern pendelt, eine Woche bei seiner Mutter lebt, dann wieder eine Woche bei Lena und Kurt. Das Paar ist aus Berlin weg in ein Haus auf dem Land gezogen, um nahe beim kleinen Kurt zu leben. Dort renovieren sie das Haus und bepflanzen den Garten, aber vor allem leben sie sich ein, in dieses seltsame „Patchwork“ genannte Gebilde, in dem jeder seinen Platz finden muss. Grossartig zeigt Kuttner auf, welche Fragen in solchen Konstellationen aufkommen, wenn die Erwachsenen denn bereit sind, darüber nachzudenken: Darf ich dieses Kind so sehr lieben? Wo mische ich mich ein? Ist es zu intim, mit nacktem Hintern herumzulaufen, wenn der Zwerg es sieht? Als sie sich gerade aneinander gewöhnen, passiert das Unfassbare: Bei einem ganz banalen Spielplatzunfall stirbt der wunderbare, kleine Kurt und die Trauer wütet im Leben der Erwachsenen. Kurt erstickt beinahe daran, trinkt, ist oft mit der Mutter des Jungen zusammen und Lena weiss weder ihm noch sich zu helfen. Wie kann man das aushalten, wie weitermachen? Gibt es noch ein wir und wo ist Platz für Lenas Gefühle? Was macht eine Familie aus, was eine Liebe? Zum Glück hat Lena, haben alle Figuren “a Herz wie a Bergwerk“ und es geht irgendwie, stolpernd, fallend, aber es geht. Davon erzählt Sarah Kuttner ganz geradeaus, manchmal schnodderig, aber im Untergrund schwingt eine zarte, innige Melodie, die den Text vielschichtig und lesenswert macht. 

Per Petterson: Männer in meiner Lage

Klug, schnörkellos und mit der ihm eigenen Melancholie beschreibt Per Petterson einen Mann in der Krise. Arvid - Sie kennen ihn vielleicht aus früheren Romanen -  hat bei einem Schiffsunglück Eltern und Bruder verloren. Kurz darauf verlässt ihn seine Frau mit den Töchtern. Sie hat neue Freunde, ein neues Leben gefunden, sich mit den „Farbenfrohen“ eingelassen, wie Arvid sie insgeheim nennt. Er verbringt seine Zeit mit langen Autofahrten und Ausflügen in die Stadt, sucht Kneipen auf, findet dort Frauen für eine Nacht, lässt sich treiben und gehen, ohne gegen seine existentiellen Nöte zu kämpfen. Seine einzigen vertrauten Freunde, so sagt er es einmal, seien seine Bücher: "Jeder Rücken eine Tür, die sich zu einem Leben öffnete, das nicht meins war, es vielleicht aber hätte sein können und es irgendwie doch war, denn ich hatte sie alle an einer Boje in meinem Herzen vertäut, jedes einzelne". Still und vorsichtig zieht Petterson seine Kreise um den Verletzten, für den es aber auch Hoffnung gibt.

Claire Lombardo: Der grösste Spass, den wir hatten

Diesen grossen, amerikanischen Familienroman habe ich mir mit grösstem Vergnügen angehört. Marilyn und David Sorensen, seit vierzig Jahren glücklich verheiratet, haben vier erwachsene Töchter, die eines gemeinsam haben: Sie scheitern an sich und ihren Vorstellungen von einem glücklichen Leben, die geprägt sind durch die scheinbar perfekte Ehe der Eltern. Wendy, früh verwitwet, tröstet sich mit Alkohol und jungen Männern. Violet, die Ehrgeizige, Strebsame, tauscht ihre Arbeit als Prozessanwältin gegen ein Dasein als perfekte Vollzeitmutter. Liza, die ebenfalls früh Karriere macht, lebt in einer schwierigen Beziehung mit einem depressiven Mann. Sie ist schwanger und muss Entscheidungen treffen. Und dann ist da noch die Jüngste, die sich in einem Netz aus Lügen verfangen hat, um den vermeintlichen Ansprüchen der anderen zu genügen und nicht weiss, wie sie da wieder herausfinden soll. Der Familienvulkan ist also schön am Brodeln, als Jonah in die Geschichte platzt, der verschwiegene, uneheliche Sohn von Violet, den sie fünfzehn Jahre davor zur Adoption freigegeben hatte.   

Juli-Tipps von Colette Fehlmann

Jewgeni Wodolaskin: Luftgänger

Ein Mann erwacht im Spitalbett ohne jegliche Erinnerung. Der Arzt lädt ihn ein, Tagebuch zu führen und Erinnerungs-Bruchstücke, die aufkommen, festzuhalten. Er will ihn bewusst nicht ‘informieren’ über seine Lebensumstände, damit er die Chance hat zu seiner authentischen Geschichte zurückzufinden. Das ist spannend wie ein Krimi und faszinierend in der Beschreibung der Erinnerungen, die fragmentarisch, aber ganz unmittelbar und sinnlich vor ihm und vor uns erstehen. Zauberhafte Bilder etwa aus der Kindheit im vorrevolutionären Russland.

Innokenti Platonow erfährt eine Zeitreise, als er, Jahrgang 1900, bei seinem Erwachen ins Jahr 1999 katapultiert wird. Was das mit seiner Deportation in die Straflager der Solowki-Inseln unter Stalin zu tun hat, sei hier nicht verraten.

Der zweite Teil widmet sich vor allem der gegenwärtigen Zeit und wird abwechselnd aus drei Perspektiven erzählt. Das geht nicht ohne satirisch-melancholische Schlaglichter auf die nachsowjetische Gesellschaft.

Es wäre kein russischer Roman, wenn nicht in philosophischen, auch selbstironisch-witzigen Dialogen zwischen dem «Patienten» Innokenti und seinem Arzt die russische Leidensgeschichte des 20. Jahrhunderts, das Verhältnis von Kunst und Erinnerung, von Wissenschaft und Religion, von Recht und Unrecht, das Glück und die Verlorenheit des Menschen verhandelt würden.

Jessica Braun: Atmen

Atmen ist eine Vitalfunkion – aber auch viel mehr! Es passiert nicht nur nebenbei, wir können den Atem variieren und nutzen und ihn und damit uns selbst unterschiedlich erfahren. Die Journalistin und Autorin Jessica Braun nimmt uns mit auf eine einzigartige Erkundungstour: Was passiert beim ersten Atemzug eines Neugeborenen? Wie kam der Sauerstoff evolutionsgeschichtlich überhaupt auf die Erde? Wie reagiert der Körper, wenn auf dem Mount Everest die Luft zu dünn wird? Wie wirkt Meditation, was verrät unsere Atemluft über unseren Gesundheitszustand und wie wird aus Atem das Wunderwerk Stimme? Der Schluss widmet sich sehr berührend auch unserem letzten Atemzug.

Bei allem Pathos, das das Thema in sich hat, und aller Menge an wissenschaftlichen Fakten schreibt die Autorin mit einer wohltuenden Portion Ironie, sehr locker und mit viel Sprachwitz. Die Atemübungen im Anhang laden dazu ein, das Gelesene an sich selber zu erproben.

Rose Ausländer: Wirf deine Angst in die Luft

Der Atem spielt eine zentrale Rolle auch im Werk von Rose Ausländer, der grossen jüdisch-deutschen Lyrikerin. Mein Atem heisst jetzt und Im Atemhaus wohnen heissen zwei ihrer Gedichtbände. Wie Paul Celan, dem sie einige Gedichte gewidmet hat, ist sie in Czernowitz in der Bukowina geboren. Als eine der wenigen ihrer Familie hat sie Ghetto und Deportation überlebt – als Nomadin zwischen Amerika und Europa und viele Jahre bis zu ihrem Tod 1988 in Deutschland.

Zum 20. Todestag ist dieses Hörbuch entstanden. Es verbindet ihre Lyrik mit Musik von Jan Rohlfing. Von Klezmer bis zu jazzigen Klängen begleiten und spiegeln Klarinette, Klavier, Schlagzeug, Cello u.a. die Gedichte wunderbar. Dazwischen hören wir Rose Ausländer im Originalton, wie sie ihre Lyrik und andere Texte liest. Sie handeln von Verlust und Trauer, aber auch von Liebe und Glück.

Ein Glück ist es auch, ihren Worten zu lauschen.

Mai-Tipps von Petra Schweizer

John Ironmonger: Der Wal und da Ende der Welt

Eines Tages überschlagen sich die Ereignisse im abgeschiedenen Fischerdorf St. Piran, irgendwo in Cornwall.

Ein riesiger Finnwal taucht an der Küste auf und kurz darauf wird ein nackter Mann am Strand angespült. Die Dorfbewohner eilen dem Halbtoten zu Hilfe und pflegen ihn wieder gesund. Als dann auch noch der Wal strandet, ist es ausgerechnet der Fremde, der eine Rettungsaktion startet und koordiniert. Unter grossen gemeinsamen Anstrengungen gelingt es den Einwohnern wie durch ein Wunder den Wal zurück ins Meer zu schieben.

Der junge Mann Joe Haak ist Mathematiker und arbeitet in einer Londoner Bank als Analyst. Er entwickelte ein Computerprogramm namens Cassie, das mithilfe weltweiter Wirtschaftsdaten Zukunftsprognosen erstellt. Alle durchgespielten Szenarien deuten auf das Ende der uns bekannten Welt hin. Als seine Firma aufgrund seiner Empfehlungen grosse Finanzielle Verluste einfährt, flüchtet er aus London und gerät bei einem leichtsinnigen Bad im kalten Ozean in Lebensgefahr.

Aufgenommen in die spezielle liebevolle Gemeinschaft der Dorfbewohner, beginnt Joe sich auf die Katastrophe vorzubereiten. Er legt im Kirchturm ein riesiges Lager haltbarer Lebensmittel an.

Cassie geht davon aus, dass der Mensch, wenn die Krise kommt, egoistisch handelt und auf der ganzen Welt kämpfe ausbrechen. Doch anders als prognostiziert, setzen sich Menschlichkeit und Altruismus gegen Egoismus durch. Mit seinem philosophischen, mit englischem Humor gespickten, Roman zeigt John Ironmonger eindrücklich, wie eine Gemeinschaft mit Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft selbst das Ende der Welt überstehen kann.

Ein hervorragendes Buch, das zum Nachdenken und immer wieder Lesen einlädt.

Gena Showalter: Immerwelten - Der Anfang (Band 1)

Tenley ist 17 Jahre alt und sitzt in der Psychiatrie. Nicht weil sie geisteskrank ist, sondern weil sie sich gegen die Wünsche ihrer Eltern sperrt. Sie muss sich bis zu ihrem 18. Geburtstag entscheiden, in welche der beiden verfeindeten Nachwelten sie nach ihrem Tod eintreten wird. Nach Myriads Überzeugung ist Macht gleich Recht und sie versprechen ihren Anhängern Ruhm und Reichtum im ersten Leben. In Troika ist jeder gleich und Liebe und Gemeinschaft stehen über allem.

Als Anhänger Myriads haben Tenleys Eltern grossen Reichtum und einflussreiche Positionen erhalten, die sie verlieren, wenn sie ihre Tochter nicht dazu bringen, ebenfalls bei Myriad zu unterschreiben. Dazu scheint ihnen jedes Mittel recht zu sein, selbst die grausamen Umerziehungsmethoden der Anstalt.

Mit Hilfe zweier Mitinsassen gelingt Tenley die Flucht. Ein aufreibendes Abenteuer beginnt, bei dem jede Seite hart dafür kämpft, die junge Frau für sich zu gewinnen. Wie sich herausstellt, sind ihre beiden Fluchtgefährten Agenten aus der Nachwelt, die auf sie angesetzt wurden, um sie auf die «richtige» Seite zu ziehen. Auch Tenley kämpft mit sich: Geht es ihr wirklich nur um den freien Willen oder fürchtet sie sich davor, eine Entscheidung zu treffen? Welcher Weg ist der richtige? Welche Konsequenzen ist sie bereit zu tragen? Gibt es überhaupt eine Wahrheit, oder ist sie nur eine bequeme Ausrede, um nicht genauer hinschauen zu müssen?

Gena Showalter ist vor allem für ihre Romantasy für Erwachsene bekannt. Mit der Immerwelt-Trilogie zeigt sie aber deutlich, dass sie sich auch durchaus auf ernsthaftere Themen versteht. Mit einer völlig neu gedachten Nachwelt-Dystopie wagt sie sich an eine wertfreie Sicht auf moralische Zwiespälte, religiöse Dogmen, Fanatismus und blinden Gehorsam. Trotz des actionreichen Tempos lässt die Geschichte immer wieder Platz für Nachdenken und Selbstreflektion. Wie nicht anders erwartet, hat sie auch hier wieder sehr präsente, vielschichtige und starke Charaktere geschaffen, die trotz aller seelischen Narben die Kraft zur Liebe finden.

Agnieszka Hollend: Die Spur (DVD)

In einem kleinen abgelegenen Bergdorf im Südwesten Polens sind alte Gepflogenheiten noch fest verwurzelt und geraten immer häufiger in Konflikt mit den Ansichten der modernen Welt. Frauen haben hier wenig zu melden. Der Ort wird von den wohlhabenden Männern regiert. Korruption ist an der Tagesordnung, ihre Freizeitvergnügen sind gemeinsame Jagden, bei denen sie zum Spass Tiere töten.

Als nacheinander mehrere dieser Männer grausamen Morden zum Opfer fallen, entdeckt die Polizei auffällige Tierspuren bei den Leichen. Wurden die Wildtiere so lange getötet, gequält und gehäutet, bis sie schliesslich zurückschlugen? Ein Verdacht, der von der exzentrischen Einzelgängerin Janina Duszejko (Agnieszka Mandat-Grabka) vehement vertreten wird. Der tierliebenden Dorflehrerin sind die Jagdgesellschaften mit ihrer rücksichtslosen, machohaften Zurschaustellung der Kadaver zuwider. Als ihre beiden Hunde spurlos verschwinden, ist sie sich sicher, dass die Jäger dahinterstecken. Sie plädiert für ein sofortiges Jagdverbot, um das sinnlose Töten zu beenden und das mysteriöse Unheil vom Dorf abzuwenden. Als renitente und wahnhafte Alte abgetan, wird sie von der örtlichen Polizei nicht ernst genommen, bis sie schliesslich selber ins Fadenkreuz der Ermittler gerät.

Der Film erscheint zu Anfang wie einer jener düsteren skandinavischen Krimis, mit abgründigen verdorbenen Charakteren, kühlen trostlosen Landschaften und einem guten Schuss Mystik. Allerdings wandelt er sich zu einem immer hoffnungsvolleren Ende hin, das schon fast utopisch anmutet. Mit jedem grausigen Mord erscheinen neue positivere Figuren auf der Bildfläche, die Janina in ihrem Kampf gegen das sinnlose Töten unterstützen. Hält man sie am Anfang noch für leicht verrückt, gerät man doch bald in den Bann ihrer unerschütterlichen Menschlichkeit.

Die Verfilmung von Olga Tokarczuks Thriller «Der Gesang der Fledermäuse» ist in vielerlei Hinsicht aussergewöhnlich - nicht zuletzt wegen des provokant-schönen Endes.

März-Tipps von Pia Kinner

Mick Herron: Slow Horses

Der zum Spion ausgebildete River Cartwright hat in seiner Karriere beim britischen Inlandsgeheimdient MI5 einen einzigen Fehler begangen, einen entscheidenden jedoch. Er wird aufgrund dieses Missgeschicks ausgemustert und nach Slough House versetzt. In diesem herunterkommen Haus arbeiten Männer und Frauen, die Rivers Schicksal teilen, auch sie standen im Dienst von MI5 und wurden nach einem Fehltritt strafversetzt. Trotz ihrer hervorragenden Ausbildung erhalten sie nervtötend langweilige Drecksarbeiten. Die Stimmung im Team ist mies. Ihr Vorgesetzter, Jackson Lamb, befehligt die Truppe. Seine Rolle wird im Laufe der Handlung zunehmend unklarer, ist er wirklich der schäbige Vorgesetzte, der nur an seinem eigenen Vorteil interessiert ist?

Die Entführung eines muslimischen Jungen, dessen Enthauptung live gestreamt werden soll, bringt die Gefüge des Teams durcheinander. Mick Herron siedelt seinen Spionageroman am Rand der Gesellschaft an und lenkt damit den Fokus auf Menschen, die gestrauchelt sind. Ein spannender, gut geschriebener Spionageroman.

Shanbhag Vivek: Ghachar Ghochar

Der indische Ingenieur Vivek Shanbhag nimmt die Lesenden mit in seine Heimat Indien mit. Die Familie des Teehändler kommt mehr schlecht als recht über die Runden. Das Geld wird in die Ausbildung seines Bruders gesteckt. Als dieser in den Grosshandel mit Gewürzen einsteigt, wird die Familie praktisch über Nacht reich. Sie wechselt Wohngegend und Bekanntenkreis. Der finanziellen Sicherheit und dem damit verbundenen sozialen Aufstieg der Familie fällt die Moral zum Opfer. Die in die Familie einheiratende Anita wagt, an der glänzenden Oberfläche zu kratzen und die unangenehmen Fragen zu stellen.

Einerseits spiegelt diese Geschichte die Entwicklung Indiens wieder, anderseits ist sie allgemeingültig und bringt uns immer wieder zurück zur Frage: Welchen Stellenwert will ich dem materiellen Erfolg zugestehen? Eine eindringlich geschriebene Familiengeschichte aus dem heutigen Indien.

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält

Schlappe 439 Jahre alt ist der Ich-Erzähler dieses Buches Tom Hazard. Die Langlebigkeit bringt zwar Vorteile mit sich, etwa wenn man wie Tom Hazard als Geschichtslehrer arbeitet und beneidenswert lebendig von viel früheren Zeiten erzählen kann. Ebenso hat er verschiedene historische Persönlichkeiten wie beispielsweise die Schriftsteller Shakespeare oder Scott F. Fitzgerald kennengelernt und sich eine tiefe Menschenkenntnis angeeignet. Doch die Nachteile sind mindestens eben so gewichtig: alle acht Jahre muss Tom Hazard eine neue Identität annehmen und seine Erlebnisse häufen sich schwer in seinem Gedächtnis an und verursachen häufige Erinnerungs- oder Lebensschmerzen. Seine soziale Einsamkeit wird gekrönt von Regel Nummer eins: Verliebe dich nicht!

Leichtfüssig lässt Matt Haig die Lesenden teilnehmen an einem Streifzug durch 400 Jahre Weltgeschichte und 400 Jahre Leben inklusive der Zutaten Abenteuer, Freundschaft, Liebe und Familie. Ein Buch, das sich hervorragend eignet, die sonnigen Frühlingstage im Lesestuhl zu verbringen.

Januar-Tipps von Rahel Buchter

Francesca Melandri: Alle, ausser mir

Dieses Buch ist das Produkt einer 10-jährigen Recherche- und Schreibarbeit, in welchem die Autorin ein dunkles Kapitel der italienischen Kolonialgeschichte beleuchtet. Sie spannt den Bogen vom Abessinienkrieg im Ostafrika der 30er-Jahre bis zur aktuellen Flüchtlingsproblematik und zeigt auf, wie stark beides miteinander verknüpft ist.
Die Geschichte beginnt 2010 in Rom, wo die 46-jährige Lehrerin Ilaria vom Besuch eines jungen Äthiopiers überrascht wird, welcher behauptet, ihr Neffe zu sein. Sie forscht nach und stösst auf einige Ungereimtheiten im Leben ihres Vaters. Bislang hatte sie immer geglaubt, er hätte während des 2. Weltkrieges für die Partisanen gekämpft. In Wahrheit aber war er ein überzeugter Vertreter der faschistischen Rassenlehre und zu dieser Zeit in Ostafrika stationiert gewesen. Dort hatte er während des Krieges mit einer einheimischen Frau zusammengelebt und einen Sohn gezeugt…
Frau Melandri schreibt gegen die Verdrängung an.

Sie ist eine präzise Erzählerin, die der Sache auf den Grund geht und man erfährt einiges über diesen völkerrechtswidrigen Krieg, der etwa 750'000 Todesopfer forderte, darunter sehr viele Frauen und Kinder.
Kein Buch, das sich einfach so nebenbei lesen lässt. Unter anderem auch, weil es neugierig macht und zu eigenen Recherchen animiert.

Spike Lee: Blackkklansman (DVD)

Eine zweite Chance für diejenigen, welche die Filmvorführung im Kinofoyer Lux verpasst haben!
Colorado Springs, 1972: Ron Stallworth erhält als erster Schwarzer eine Stelle als Polizist und beginnt bald darauf, den Ku-Kluks-Klan zu unterwandern, indem er sich beim Klan bewirbt und mit dessen Mittelsmännern in telefonische Verbindung tritt. Als er sich dann leibhaftig vorstellig machen müsste, springt sein von der Hautfarbe her weniger verdächtige jüdische Kollege Flip, ebenfalls ein Undercover-Polizist, ein…
Der Film beruht auf den autobiografischen Aufzeichnungen von Ron Stallworth. Er kommt ganz leichtfüssig, mit teils deftigem Humor erzählt daher und das Ganze wirkt wie ein sympathischer Schelmenstreich. Trotzdem verliert Spike Lee nie den Ernst der Sache aus den Augen und nimmt ganz klar Bezug zur aktuellen politischen Situation.
Ausstattung, Mode und Frisuren in wunderschönster 70er-Jahr-Manier.
Besetzung und Musik sind vom Feinsten. Ein Film, den man sich gerne immer wieder mal anschaut.

Wolf Haas: Junge Mann

Ebenfalls in den 70er-Jahren, aber diesmal im ländlichen Österreich, ist dieser autobiografisch gefärbte Roman angesiedelt:
Ein leicht übergewichtiger Teenager jobbt während seiner Internatsferien an einer Tankstelle. Dabei lernt er die um einige Jahre ältere und mit dem Fernfahrer Tscho verheiratete Elsa kennen, verliebt sich in sie und beschliesst kurzerhand, sich einer strengen Diät zu unterziehen…
Wolf Haas lässt uns rückblickend in die Erlebniswelt eines liebenswerten, intelligenten und manchmal sehr einfach zu verunsichernden 13-Jährigen eintauchen.
Die Geschichte ist Sozialstudie und Road-Trip zugleich. Zudem ist sie charmant, warmherzig, raffiniert und mit Schmäh erzählt. Einfach wunderbar.

November-Tipps von Ulla Schiesser

Delphine de Vigan: Loyalitäten

Vierstimmig wird in diesem schmalen, dichten Roman von einem unauffälligen 12-Jährigen erzählt, der zwischen seinen getrennten Eltern laviert und wöchentlich pendelt. Theo muss mit der Verbitterung und Stummheit seiner Mutter klarkommen und mit dem rasanten, sozialen Abstieg seines arbeitslosen, vereinsamten und apathischen Vaters. Er geht mit beiden loyal und liebevoll um, spricht mit niemandem über die familiäre Misere und weicht dem unerträglichen Druck aus, indem er sich immer wieder heftig betrinkt, sich an den Rand des Bewusstseins säuft und hofft, die Geräusche in seinem Kopf und seine Gedankenkreise würden sich durch den Alkohol beruhigen.

Helène, seine Lehrerin, beobachtet den Rückzug des stillen Jungen mit diffuser, aber heftiger Sorge. Sie verhält sich wunderbar unprofessionell und mischt sich ein, wobei sie Ansehen und Beruf riskiert, um an das Kind heranzukommen.

Mathis, Theos Freund, hält lange Zeit mit bei den Trinkspielen im Geheimen, aber er fängt an zu begreifen, dass die Kurve steil nach unten führt und sorgt sich um Theo, will ihn aber nicht verraten.

Die vierte Erzählstimme gehört der Mutter von Mathis, die aus der Ferne misstrauisch über die innige Freundschaft der beiden Jungs wacht. Sie spürt, dass etwas im Argen ist, ohne genau zu wissen was. Ihre Ehe ist in einem desolaten Zustand und sie führt unglaublich schräge, aber ergreifende Selbstgespräche.

Delphine de Vigans Bericht über die Schäden, die Menschen aneinander nehmen können, ist sehr einfühlsam und radikal und das eindrücklichste Buch, das ich 2018 gelesen habe.

Emily Friedlund: Eine Geschichte der Wölfe

Ein eindrücklicher Erstling der jungen Autorin, die in Minnesota, an der Grenze zu Kanada, aufgewachsen ist. Dort ist dann auch die Geschichte der 14-jährigen Linda angesiedelt. In der Schule ist sie eine Aussenseiterin, die sich in Phantasien und in heftiger Zuneigung zu ihrem Lehrer und einer Klassenkameradin verstrickt und bitter enttäuscht wird. Von ihren alternden Hippie-Eltern bekommt sie weder Halt noch viel Wärme, denn die sind damit beschäftigt, ihre Träume vom besseren Leben in einer Kommune zu begraben und zu überleben. Linda streift durch die Wälder, schwimmt in kalten Seen, fischt, und die Natur ist ihre unerbittliche Erzieherin. Eine neu zugezogene Familie durchbricht die Isolation des Mädchens. Sie engagieren sie als Babysitterin, gewähren ihr nach und nach Familienanschluss und Linda fühlt sich endlich aufgehoben. Dass etwas oder vieles in dem Familiengefüge nicht in Ordnung ist, spürt sie schnell. Das Kind ist seltsam altklug und herrisch, die Mutter unsicher, der Vater ist Mitglied einer Sekte, mal von kalter, starrer Frömmigkeit, dann wieder wohlwollend und freundlich zu Linda. Als der Junge schwer erkrankt, kommt es zu einer Katastrophe, die Lindas restliches Leben beeinflussen wird. 

Die Geschichte der Wölfe ist ein feines, ruhiges, manchmal unheimliches Buch, in aussergewöhnlich schöner Sprache und Übersetzung.

Abchordis Ensemble: Dies irae (CD)

Das junge Basler Ensemble, das sich der alten Musik verschrieben hat, hat seine zweite CD veröffentlicht. Unter der Leitung von Andrea Buccarella, dem Dirigenten, Organisten und Cembalisten, präsentiert Abchordis wunderbare Barockmusik aus dem alten Neapel, instrumental und vokal. Eine CD, die Sie sich an einem der kommenden, kalten Abende anhören sollten; wärmend und aufregend zugleich. 

September-Tipps von Irene Scheurer

Philippe Claudel: Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens

Der Erzähler, ein fünfzigjähriger Filmemacher, erfährt nach einer Reise überraschend von der Krebserkrankung seines besten Freundes Eugène. Der lebenslustige Filmproduzent, der fünf Kinder aus verschiedenen Beziehungen hat, glaubt, die Krankheit besiegen zu können – doch sie kehrt zurück und kurze Zeit später stirbt er.

Der Abschied von Eugène, mit dem sich der Erzähler zutiefst verbunden fühlt, wird für ihn zum Anlass, über die wichtigen Fragen des Lebens nachzudenken.

Es ist ein Buch der leisen Töne und der grossen Gedanken. Leben und Tod, die beiden Pole des Daseins, tauchen in der tiefsinnigen Gedankenreise des Erzählers immer wieder auf und regen zum eigenen Nachdenken an. Ein Buch, das einen trotz des sehr ernsten Themas eine grosse Dankbarkeit spüren lässt.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

Immer, wenn die alte Selma aus Westerwald von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf innerhalb des nächsten Tages. Unklar ist jedoch, wen es treffen wird. So versuchen alle, in dieser Frist endlich das auszusprechen und zu regeln, was sie ihr Leben lang bisher versäumt haben.

Die Geschichte wird aus der Perspektive der zu Beginn des Buches 10-jährigen Enkelin Louise erzählt und zeichnet ein Porträt eines kleinen, ländlichen Dorfes mit skurrilen Persönlichkeiten, die einem immer mehr ans Herz wachen. Alle fühlen sich untereinander – trotz Widrigkeiten und Eigenheiten – stark verbunden.

Als Erwachsene macht auch Louise die Erfahrung, dass die Liebe verschlungene Pfade geht und scheinbar die ungünstigsten Bedingungen wählt. Der Titel des Buches zeigt auf, dass vom eigenen Standpunkt aus nie alles sichtbar und in seiner Bedeutung offenbar werden kann.

Ein märchenhaftes, feinfühlig geschriebenes Buch.

Erwin Messmer: Nur schnell das Glück streicheln

Was ist Glück? Dieser Frage geht der in Bern lebende Autor und Organist Erwin Messmer in seinem neusten Lyrikband nach. Er spürt Glücksmomente im Alltäglichen auf und fasst sie in Worte. Es sind flüchtige Glanzpunkte des Lebens, die in vielerlei Gestalt auftreten können: als leuchtendes Herbstblatt, als Reh, als Sprung ins glitzernde Wasser des Flusses, als Musikstück und verborgene Sehnsucht.

Erwin Messmer tastet die Wörter nach verschiedenen Bedeutungen ab und mag es, sie in ungewohnte Zusammenhänge zu stellen, sodass plötzlich zwischen den Zeilen ungewohnte, neue Wirklichkeiten aufleuchten.

Eine Wirklichkeit, die immer wieder aufblitzt, ist die schmerzliche Erkenntnis, dass das Glück vergänglich ist.

Matthew Johnstone: Den Geist beruhigen. Eine illustrierte Einführung in die Meditation

Das schlanke, schön gestaltete Büchlein „Den Geist beruhigen“ von Matthew Johnstone lässt die Lesenden teilhaben an seinen Erfahrungen, wie es ihm gelungen ist, das Gedankenkarussell zu stoppen, den Geist zu beruhigen und am Ende mit positiven Gedanken zu füllen.

Mit wenigen Worten macht Matthew Johnstone das Vorgehen der Zentrierung und Achtsamkeit verständlich und zeigt Möglichkeiten auf, sie in den eigenen Alltag zu übertragen. Die witzigen und anschaulichen Illustrationen bringen die Aussagen auf den Punkt und laden zum Üben ein.

Juli-Tipps von Rahel Buchter

John Carrol Lynn: Lucky (DVD)

Der Schauspieler Harry Dean Stanton als 90-Jähriger in seiner letzten grossen Rolle; er verstarb kurz nach den Dreharbeiten. Bisher war sein Gesicht vor allem aus "Paris, Texas" sowie aus diversen Nebenrollen bekannt. In dem Regiedebut von John Carrol Lynch spielt er einen alten Mann namens Lucky, einen in der Wüste lebenden Eigenbrötler, der nicht einsam, aber gern allein ist. Seine Tage sind von den immer gleichen Ritualen geprägt: Erst rasiert und wäscht er sich, kämmt sorgfältig sein schütteres Haar, trinkt Kaffee, macht seine fünf Yoga-Übungen, gönnt sich dazwischen einen Zug seiner im Aschenbecher dahinglimmenden Zigarette und danach ein Glas Milch. Später löst er Kreuzworträtsel, hält sich in einem seiner Stammlokale im Kaff auf, wo man ihn kennt und schätzt, trinkt einen Bloody Mary oder sieht sich laut mitratend im Fernsehen eine Quiz-Sendung an. Bis er eines Morgens überraschend einen Schwächeanfall erleidet und sich mit seiner Sterblichkeit und philosophischen Sinnfragen auseinanderzusetzen beginnt. Trotz - oder gerade wegen - der vielen lakonischen Dialoge und skurrilen Figuren ein zarter, berührender Film. Eine Hommage an Harry Dean Stanton, an die Filmkunst und an das Leben. Selten hat man ein schöneres Lächeln auf der Leinwand gesehen als seines.

Fernando Aramburu: Patria

Ein grossartiges Buch! Der Autor ist im Baskenland aufgewachsen und hat den Terror hautnah miterlebt. Anhand der Geschichte zweier baskischer Familien, angesiedelt im selben fiktiven Dorf, spiegelt Fernando Aramburu wider, wie sich das Leben zu Zeiten der ETA für die Bevölkerung angefühlt haben könnte. Dabei bewegt er sich sprachlich virtuos zwischen verschiedensten Erzählperspektiven, lässt sowohl Opfer wie Täter zu Wort kommen und springt in der zeitlichen Abfolge immer wieder vor und zurück, bis sich einem allmählich die Handlung des 700-Seiten-Romans erschliesst und die Figuren an Tiefe und Schärfe gewinnen.

Amy Liptrot: Nachtlichter

Autobiografischer Bericht einer Journalistin über Sucht und Heilung. Als Farmerstochter unter familiär schwierigen Verhältnissen auf den Orkney Inseln aufgewachsen, verschlägt es Amy Liptrot mit Anfang zwanzig nach Edinburgh und London, wo sie sich ins Partyleben stürzt. Die Stadt überfordert sie und der Konkurrenzdruck im Job ist riesig. Sie flüchtet sich in den Alkohol und verliert immer wieder von neuem Arbeit, Wohnung und Freunde. Zehn Jahre später kehrt sie nach einer mehrmonatigen Entziehungskur auf die Orkneys zurück, bewohnt ein einfaches Cottage auf der Insel Papa Westray und findet einen Job als Vogelwartin. Durch die Nähe zur Natur und die intensive physische Erfahrung der Elementarkräfte gelingt es ihr - immer im Bewusstsein des nahen Abgrundes - wieder zu ihrer inneren Ruhe zu finden und Fuss zu fassen im eigenen Leben. Sie schwimmt täglich im eiskalten Wasser, wandert bei jeder Witterung, setzt sich Wind und Regen aus, beobachtet Vögel, schnorchelt, sucht nach "Merry Dancers" (Polarlichter), beschäftigt sich mit Astronomie, Nautik und eignet sich ein grosses Wissen über Geschichte und Mythen der Inseln an. Ausserdem nimmt sie aktiv am Leben der kleinen Inselbewohnergemeinschaft teil. Ein kraftvolles Buch, das Lust auf Naturerfahrungen und ein einfaches, ruhiges Leben macht.

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers

Deutschland, 1945: Einerseits wird von Flüchtlingen, Verwundeten und Versehrten das Kriegsende herbeigesehnt wird, andererseits herrscht noch immer ein verbissenes Nazitum, welches am Glauben an den baldigen Endsieg festhält. Hauptfigur ist die 12-jährige Luisa, ein starkes, integres Mädchen, das einem trotz apokalyptischer Stimmung Hoffnung gibt und an das Gute im Menschen glauben lässt. Luisas Kraftquelle sind ihre Bücher. Sie liest sich quer durch die Klassiker, mag Karl May, Cervantes, Bronte, Mitchell. Zusammen mit Mutter und Schwester ist sie aus dem zerbombten Kiel aufs Landgut ihres Schwagers, eines SS-Offiziers, geflohen, wo versucht wird, den Schein zu wahren und einen einigermassen normalen Alltag aufrecht zu halten… Obwohl die Geschichte in einer tristen Zeit spielt, habe ich auch dieses Buch von Ralf Rothmann wieder mit grossem Genuss gelesen. Er pflegt einen sehr bildhaften, lustvollen Erzählstil. Mag sein, dass seine Figuren manchmal etwas überzeichnet daherkommen – das verzeih ich ihm gern. Mit diesem Buch knüpft er übrigens an den Roman "Im Sommer sterben" an, welcher im selben Jahr spielt.

Mai-Tipps von Petra Schweizer

Isabell May: Close to you (für Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren)

Violet und Aiden fühlen sich von ihren Eltern und Freunden missverstanden, verraten und alleingelassen. In sich selbst zurückgezogen haben beide grosse Mühe, anderen zu vertrauen und sich zu öffnen. Um vor ihren Problemen zu fliehen, bewirbt sich Violet an einem weit entfernten College und Aiden kapselt sich von seiner Umwelt ab. Doch die Angst und die Wut lassen sich nicht so einfach abschütteln.

Violet getraut sich kaum unter Menschen. Sie fühlt sich verfolgt und leidet unter schweren Panikattacken. Trotz seiner feindseligen und wortkargen Art fühlt sie sich zu Aiden hingezogen. Es entsteht eine komplizierte Beziehung, in der sich keiner dem anderen öffnen will. In ihrem Versuch, dem anderen zu helfen, finden sie langsam zu sich selbst und entdecken den Mut, sich ihren Problemen zu stellen.

Mit "Close to you" hat Isabell May einen wunderschönen, romantischen Collegeroman geschrieben. Es ist eine feinfühlige Geschichte darüber, was passiert, wenn junge Menschen ihren Rückhalt und ihr Vertrauen verlieren.

Colleen Hoover & Tarryn Fisher: Never never (Jugend 13 bis 16 Jahre)

Charlie und Silas möchten sich nur zu gern daran erinnern, wie es sich anfühlt, einander zu lieben, aber sie haben jede Erinnerung an ihre bisherige Beziehung und auch an ihr ganzes Leben verloren. Sie wissen weder wo, noch wer sie sind.

Gemeinsam versuchen sie, das Rätsel um ihren gemeinsamen Erinnerungsverlust zu lösen. Doch es ist nicht einfach, sich seiner eigenen und doch so fremden Vergangenheit zu stellen und zu erkennen, wer man war und wie einem die anderen gesehen haben. Es stellt sich die Frage, will man sich überhaupt an alles erinnern? Will man wieder Charlie und Silas sein? Und was hat der Streit zwischen ihren Familien mit der ganzen Sache zu tun? Wieso sitzt Charlies Vater im Gefängnis und weshalb ist sie bei Silas zu Hause nicht mehr willkommen?

Doch gerade als sich das Puzzle langsam zusammensetzt, geschieht es wieder und dieses Mal ist Charlie verschwunden.

Mit diesem Jugendroman ist Colleen Hoover in Zusammenarbeit mit Tarryn Fisher erneut ein Meisterwerk gelungen. Die romantische Story ist packend bis zum Schluss und macht Lust auf mehr.

Karls Olsberg: Boy in a white room (Jugend 13 bis 16 Jahre / nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis)

Wo bin ich? Dies ist sein erster bewusster Gedanke. Ein Junge wacht in einem weissen Raum, ohne Fenster und Türen auf. Er hat keine Erinnerung an sich selbst. Er kann weder fühlen noch riechen und wenn er spricht, erklingt eine emotionslose Computerstimme.

Sein einziger Kontakt zur Aussenwelt ist eine weibliche Stimme, die sich als Alice vorstellt und mit deren Hilfe er sich frei im Internet bewegen kann. Stück für Stück findet Manuel heraus, wer er ist und was mit ihm passiert ist. Er erfährt von der missglückten Entführung, bei der er lebensgefährlich verletzt wurde und lernt seinen Vater kennen, der sein schwer beschädigtes Gehirn mithilfe von Computertechnologie zu retten versucht.

Doch was ist das für ein Leben, in dem andere uneingeschränkte Macht über ihn haben? Wenn alles, was er sieht, von anderen programmiert wird, was ist dann real? Wem kann er trauen? Existiert überhaupt irgendetwas von dem, was er glaubt, und wer ist Manuel eigentlich wirklich? Nur eines ist für ihn ganz klar: Ich denke, also bin ich.

Karl Olsbergs Roman "Boy in a white room" ist zu recht für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Es ist ein packender Thriller, der sich auf philosophische Weise mit den Gefahren und den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz beschäftigt.

März-Tipps von Colette Fehlmann

Teodor Currentzis und MusicAeterna: P. I. Tschaikowsky, Sinfonie Nr. 6

Die ‘Pathétique’, Tschaikovkys 6. und letzte Sinfonie, 1893 ein paar Tage vor dem Tod des Komponisten unter seiner eigenen Leitung uraufgeführt, enthält alles, was ein Menschenleben an Verzweiflung und Schönheit erfahren kann. Wie dies der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis mit seinem Orchester MusicAeterna hörbar und erfahrbar macht, ist von einer zupackenden Dringlichkeit, die einem den Atem raubt. Er setzt musikalische Akzente wie Messerstiche, das Allegro des 1. Satzes ist ein Orkan, der alles in den Abgrund zu reissen droht. Es folgt die unendliche Leichtigkeit im walzerartigen 2. Satz, ein reiner Tanz, den der Dirigent mit seinem Orchester in Szene setzt. Was für eine Trauer und was für eine nicht abbrechen wollende Steigerung schliesslich im Finale. Adagio lamentoso, deren Posaunentöne einen zerreissen – im Wechsel mit unendlicher Ruhe, Klarheit, Schönheit, dem Pochen eines Herzens, einem aufseufzenden Atmen.
Diese CD-Aufnahme ist ein unerhörtes Hör-Erlebnis, wie jede weitere Aufnahme und jeder Auftritt von Teodor Currentzis.

Schafe - Ein Portrait von Eckhard Fuhr (Naturkunden Nr. 31)

‘Naturkunden’ ist eine Reihe wunderschön gestalteter Bücher, herausgegeben von Judith Schalansky. Die bibliophilen Einzelbände widmen sich je einem Tier, einer Pflanze und allen möglichen Naturerscheinungen und ihrem Verhältnis zum Menschen. Im Bändchen ‘Schafe’ erzählt uns der Autor in einer für die Reihe typischen Natur- und Kulturgeschichte zunächst, wie Mensch und Schaf zusammenkamen. Von da geht’s direkt zur religionsgeschichtlichen Überhöhung des Lammes zum Agnus Dei als Symbol für den gekreuzigten Christus. Spannend wiederum, wie es dazu kam. Das Wiederauftreten des Wolfes in unseren Zonen darf nicht fehlen – ein Ereignis von grosser Tragweite! Mit viel Witz, Empathie und sozialhistorischem Wissen zieht so der Autor mit uns und den Schafen durch die Jahrhunderte. Eines der für mich schönsten Kapitel ist dem System «Schaf-Schäfer-Hütehund» und der einzigartigen Beziehung untereinander gewidmet. Schliesslich zeigt uns Eckhard Fuhr, wie wir mit Schafen klug werden. Das Schaf lehrt uns einen klugen Blick auf die Mechanismen der globalisierten Agrarindustrie. Den Schlussteil des Büchleins bildet eine Reihe schön bebilderter Portraits verschiedener Schafarten mit Karten zu ihrem geografischen Vorkommen.
Ein Büchlein, das Lust macht auf mehr NATURKUNDEN!

Bernhard Kegel: Die Herrscher der Welt. Wie Mikroben unser Leben bestimmen

Anlässlich der Neugestaltung unserer Abteilung Naturwissenschaften kommt es zu vielerlei Neuentdeckungen: Bernhard Kegel, promovierter Chemiker und Biologe, war als Forscher, als ökologischer Gutachter und Lehrbeauftragter tätig. Seit 1993 ist er auch Romanautor, weiterhin Wissenschaftspublizist – und Jazzmusiker. Das auf den ersten Blick etwas sperrige Thema ‘Mikroben’ entpuppt sich als hochspannende Lektüre, die einen von der ersten bis zur letzten Seite in Staunen versetzt. Er erzählt uns vom spektakulären und unverzichtbaren Zusammenleben von Lebewesen, wie u.a. dem Menschen, mit ihren mikrobiellen Bewohnern. Erst neueste Technologien machen es möglich, diese bisher weitgehend unsichtbare Welt zu entschlüsseln. Kein Lebewesen ist mit sich allein, sondern besiedelt von Abertausenden von uralten Mikroorganismen, die wir lange primär als Krankheitserreger wahrgenommen haben, mit denen wir aber vielfältigste Kooperationen und Symbiosen eingehen. Und wir tun gut daran, unsern mikrobiellen Partnern nicht zu grossen Schaden zuzufügen!
Nach dieser überaus lehrreichen und anregenden Lektüre greife ich als nächstes zu seinem Wissenschaftsthriller «Abgrund», der vor der Kulisse der Galapagos-Inseln spielen soll.

Januar-Tipps von Pia Kinner

Noah Trevor: Farbenblind

Von einem ausgestellten Buch lächelt mich verschmitzt ein junger Mann an. Es ist Trevor Noah, der in diesem Buch die Geschichte seiner Kindheit und Jugend in Südafrika erzählt. Er hat das grosse Pech, dass er während dem Apartheid-Regime als Sohn eines Schweizers und einer farbigen Südafrikanerin geboren wird. Eine derartige Verbindung war zu damaliger Zeit gesetzlich verboten: „Während die meisten Kinder ein Beweis für die Liebe ihrer Eltern sind, war ich der Beweis ihrer Kriminalität.“

Somit startete der Junge mit dem Handicap einer verbotenen Hautfarbe und keiner eindeutigen ethnischen Zugehörigkeit ins Leben. In dramatischen Worten schildert Trevor Noah seine Erlebnisse und beschreibt mit Klarheit und Humor die nachhaltige Wirkung der Rassentrennung. Er zeigt die Möglichkeiten auf, die Angehörigen der mittellosen Unterschicht offen stehen. Dank seiner Intelligenz, seiner beharrlichen Mutter und wohl der einen oder anderen Prise Glück gelingen ihm der Aufstieg aus seiner Herkunftsschicht und der soziale Aufstieg. Mittlerweile ist er auch in der Schweiz als geistreicher Politkommentator und Comedian berühmt.

Hedingen 2017. Unsere Werkhofmitarbeiter

Der Gemeindeverein Hedingen gibt im 2-Jahres-Rhythmus ein kleines Büchlein heraus. 2017 war es den Mitarbeitern des Werkhofs gewidmet. Das Buch porträtiert die vier Männer (in Hedingen gehört keine Frau zum Team) ausführlich. So erfährt man, dass sie sehr verschiedene berufliche Hintergründe haben und wann sie zum Team gestossen sind. Zudem werden die Maschinen, die zu pflegenden Liegenschaften und Anlagen sowie die externen Firmen vorgestellt. Obwohl ich als passionierte Fussgängerin die Werkhofmitarbeitenden ab und zu im Dorf sehe, überrascht mich die Bandbreite ihrer Aufgaben. Gerne spaziere ich den Hofibach entlang. Was sich unter dem unscheinbaren Schachtdeckel verbirgt, ist auch aus dem Buch zu erfahren. Ein liebevoll geschriebenes, interessantes Buch über Gemeindearbeitende und unsere Umwelt.

Maxence Fermine: die schwarze Violine

Ein schmales Buch erzählt in eindringlichen, kurzen Kapiteln die Geschichte eines Geigers aus dem 18. Jahrhundert. Als begabtes Wunderkind wurde Johannes Karelsky zuerst an Europas Höfen gefeiert. Nachdem er als Erwachsener in Vergessenheit geriet, liess er sich in Paris nieder. Er wollte sich ganz seiner Leidenschaft, eine Oper zu komponieren, widmen. Der Krieg spülte ihn aber nach Venedig, wo er bei einem alten Geigenbauer wohnte. An der Wand hing eine schwarze Geige und eines Abends erzählte der Geigenbauer die dazugehörige Geschichte.

In schlichten Worten erzählt Maxime Fermine diese spannende, lebendige Geschichte. Bereits nach wenigen Seiten steckt man mitten in der Handlung und möchte das Buch nicht mehr weglegen. Ein wunderbarer Roman über Träume und Leidenschaft.

November-Tipps von Irene Scheurer

Birgit Vanderbeke: Wer dann noch lachen kann

In ihrem neusten Roman springt Birgit Vanderbeke virtuos zwischen der Zeitebene der erwachsenen Erzählerin und ihrer Vergangenheit hin und her. Nach einem Autounfall leidet die Protagonistin unter chronischen Schmerzen. Erst Jahre später begibt sie sich in eine Therapie, die ihr augenblicklich hilft und Themen aus der Kindheit hochkommen lässt, die lange verschwiegen wurden. Sie merkt, dass der gewalttätige Vater und die tablettensüchtige Mutter, die auch die Tochter mit Medikamenten ruhigstellen will, tiefe Spuren hinterlassen haben und dass alles im Leben miteinander in Verbindung steht. Birgit Vanderbeke nähert sich mit diesem Buch ihrer eigenen Familiengeschichte, die sie mit dem ersten Teil „Ich freue mich, dass ich geboren bin“ begonnen hat und als dreibändigen Zyklus mit einem weiteren Teil im nächsten Jahr abschliessen wird.

Erling Kagge: Stille. Ein Wegweiser

Das neuste Buch des norwegischen Abenteurers, Verlegers und Autors Erling Kagge ist ein Plädoyer für ein kostbares Gut: die Stille. Er geht der Frage nach, was Stille überhaupt ist und weshalb sie so wichtig ist. Auf seinen Expeditionen zum Süd- und Nordpol oder auf den Mount Everest hat er sie gefunden und als bereichernde Kraft erlebt. In unserer modernen, geschäftigen Welt ist die Stille jedoch etwas Rares, Luxeriöses und Exklusives geworden.

Wir leben in Zeiten des Lärms, der uns weit weg von uns selbst bringt. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir auch im Alltag beruhigende Momente der Stille suchen, in denen es gelingt, die Welt ein wenig deutlicher zu sehen und das, was man tut, von innen zu betrachten. Erling Kagge bezeichnet die Stille als Schlüssel, mit dem sich neue Arten des Denkens erschliessen lassen; so ist sie eine praktische Ressource für ein reicheres Leben.

Jehuda Bacon und Manfred Lütz: "Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden." Leben nach Auschwitz

Im Gespräch mit dem Psychiater Manfred Lütz erzählt der israelische Künstler Jehuda Bacon auf berührende Weise von seinen Erlebnissen im KZ, die er im Alter von 13 bis 16 Jahren gemacht hat. Tief beeindruckend am Schicksal von Jehuda Bacon ist, dass es ihm gelungen ist, trotz der entsetzlichen Erfahrungen, die er gemacht hat, an das Gute im Menschen glauben zu können. Er ist davon überzeugt, dass es in jedem Menschen einen unauslöschlichen Funken gebe. Im Gesprächsband erzählt er von Menschen und Situationen, die ihn wieder ins menschliche Leben zurückgeholt und es ihm ermöglicht haben, wieder Zuversicht zu schöpfen. Der Text ist ein faszinierendes Zeugnis, wie es einem Menschen, der das Schlimmste erlebt hat, was Menschen einander antun können, gelungen ist, nicht daran zu zerbrechen; er hat den Funken durch seine ganze Existenz zum Leuchten gebracht.

Cowspiracy: Das Geheimnis der Nachhaltigkeit

Die DVD, die bei mir in den letzten Monaten unbestritten am meisten Nachhall hatte, ist der Dokumentarfilm „Cowspiracy“. Er thematisiert die verheerenden Auswirkungen der industriellen Viehwirtschaft auf unseren Planeten. Gemäss eines offiziellen Berichts des Worldwatch Institutes geht hervor, dass weltweit mehr als die Hälfte aller in der Erdatmosphäre freigesetzten Treibhausgas-Emissionen durch Nutztiere verursacht werden und lediglich 13 Prozent auf den Transportsektor entfallen. Wie ist es möglich, dass der Klima-Killer Nummer 1 auch bei namhaften Umweltschutzorganisatoren nicht thematisiert wird?!

Ein Film, der einen zwingt, den eigenen Fleischkonsum zu überdenken.

September-Tipps von Rahel Buchter

Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt

Wie unvermittelt und einschneidend sich das Leben doch verändern kann… Während der Renovationsarbeiten ihrer ersten gemeinsamen Wohnung fällt Ulrike Edschmids Lebensgefährte von einer Leiter und ist seither querschnittgelähmt. Die Geschichte beginnt im Jahr 1986 in Berlin-Charlottenburg. Sie wird in knappem, verdichtetem Stil erzählt, und geht einem beim Lesen wohl gerade darum so unter die Haut, weil sie ohne jegliche Sentimentalitäten auskommt. Wir fiebern mit dem Protagonisten mit, wenn er seine ersten schmerzhaften Schritte tut. Staunen, mit welcher Willenskraft er unter grösster Kraftanstrengung Treppen bewältigt, nach diversen Stürzen immer wieder aufsteht und weitergeht. Allmählich wächst er in seine Krankheit hinein, wie in eine zweite Haut. ‚Zuweilen erstaune es ihn, schreibt er, dass er bei der erzwungenen Verzögerung seiner Schritte auf eine innere, längst vorhandene Langsamkeit stosse, die er früher hinter einer zum Lebensstil gewordenen Eile habe verschwinden lassen.‘ Währenddessen geht das Weltgeschehen weiter, die Mauer fällt und in der grossen Stadt brodelt es. Ein lebendiges Buch. Und eine grosse Liebesgeschichte.

Graham Swift: Ein Festtag. Novelle

Die Geschichte der Jane Fairchild, Findelkind, Dienstmädchen und schliesslich Schriftstellerin. Eine Begebenheit wird besonders ausführlich erzählt. Sie spielt sich am Muttertag des Jahres 1924 in einem englischen Herrenhaus ab. Die Besitzer sind ausgeflogen und sämtliche Bedienstete wurden für einen Besuch bei ihren Müttern freigestellt. Jane trifft sich mit Paul, dem Sohn des Hauses nach langjährigen heimlichen Treffen zum ersten und letzten Mal in dessen Schlafzimmer, später wird er mit seiner standesgemässen Verlobten zu Mittag essen, welche er in zwei Wochen ehelichen soll… Der Autor versteht es meisterhaft, verschiedene zeitliche Ebenen kunstvoll und elegant miteinander zu verweben. So befinden wir Leser uns zeitweise bei der bald hundertjährigen, schalkhaften Autorin, dann wieder voller Spannung bei der jungen Jane, die nach Pauls Weggang nackt und lustvoll langsam durchs fremde Haus wandelt und dabei ihre Gedanken schweifen lässt, während das Drama unweigerlich seinen Lauf nimmt. Eine wunderbare Frauenfigur - mutig, sinnlich, Abenteuerromane liebend, feinfühlig, klug und ihrer inneren Stimme folgend. Besonders schön: die feinen Beobachtungen und Gedanken über Bedienstete und Herrschaften. Ich habe dieses Buch mit grosser Bewunderung für den Autor und dessen sorgsamen Umgang mit Sprache gelesen. Elegant, philosophisch, sinnlich. Es hat mich bezaubert.

Joseph Conrad: Die Schattenlinie. Ein Bekenntnis. Zwei kommentierte Erzählungen

Dieses Jahr neu aufgelegt in wunderschöner Ausstattung: zwei Seefahrer-Romane vom Feinsten! In der autobiografisch gefärbten Titelgeschichte übernimmt ein junger Kapitän in Bangkok sein erstes Kommando und sieht sich auf dem Schiff sogleich widrigen Umständen gegenüber: Die Hälfte der Mannschaft ist an einem Tropenfieber erkrankt und der Wind bleibt aus. Wie wird er diese Herausforderung meistern? Und wird er dabei die SCHATTENLINIE, den Grat zwischen Jugend und Erwachsensein überschreiten? Was für ein Genuss, sich lesenderweise auf hohe See zu begeben und in wilde Abenteuer zu stürzen!

Christopher Papakaliatis: Worlds Apart. Die Liebe in drei Generationen (DVD)

Drei einzelne Liebesgeschichten, mitten aus dem pochenden Leben von Athen. In der ersten Episode wird eine junge Frau überfallen und von einem syrischen Flüchtling gerettet. Unvergesslich romantisch die Liebesszene in einem Flugzeug des stillgelegten Flughafens, wo sich Flüchtlinge versteckt halten und auf ihre Weiterreise warten. Leider ebenso unvergesslich: Der Hass einiger griechischer Landsleute auf die unerwünschten Einwanderer. In der zweiten Episode geht es nebst leidenschaftlicher Liebe um wirtschaftliche Umstrukturierung und um Angst vor Verlust der Arbeitsstelle. Und im dritten Teil schliesslich finden zwei ältere Menschen, eine Griechin und ein Deutscher, zusammen. Einerseits ist dies ein Film über die wirtschaftlichen und politischen Probleme, mit denen Griechenland zur Zeit zu kämpfen hat, andererseits eine Hymne an die Kraft der Liebe. Erst zum Schluss erfährt man die verblüffende Verbindung der drei Geschichten. Ein berührender Film. In Griechenland ein Grosserfolg.

Juli-Tipps von Colette Fehlmann

Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten! Die Autobiographie

Die Autobiographie des Dichters und Liedermachers Wolf Biermann ist ein Ereignis, wie es auch seine Buchvorstellung in Zürich dieses Jahr war! In seiner Familiengeschichte reflektieren sich die politischen Kämpfe, Totalitarismen, Utopien, die Lebenslust und der Widerstand im 20. Jahrhundert und die Kraft von ‘Bleistift und Gitarre’ bis heute: 1936 in Hamburg geboren; sein Vater, Kommunist und Jude, wird 1943 in Ausschwitz ermordet; 1953 Umzug in die DDR; seit 1965 Auftrittsverbot; 1976 ausgebürgert; am 1. Dez. 1989 erstes Konzert in Leipzig vor 5000 Menschen, vier Tage später wird sein zweitjüngstes Kind geboren.
Wolf Biermann erzählt uns dieses Leben, diese Geschichtslektion, im Stil seiner Balladen: zärtlich-rauh, sarkastisch-witzig, analytisch-poetisch.
Dass er auch Angst hatte, aber die Angst nicht ihn, und dass er oft weiter ging und mutiger was als andere, ist das Erbe seines Vaters, «der so lebendig tot war», seiner beiden Eltern, die im Widerstand waren - das «schwarze Glück» seiner Biographie.

I Am Not Your Negro (Regie: Raoul Peck)

Eben ist die DVD zum preisgekrönten Doku-Film von Regisseur Raoul Peck erschienen. Der Film basiert auf einem unvollendeten Manuskript von James Baldwin (1924–1987), des wohl wichtigsten afro-amerikanischen Autors des 20. Jahrhunderts. Er setzt sich darin mit dem Leben seiner drei durch Attentate getöteten Freunde Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King auseinander und mit seiner eigenen Lebenserfahrung als schwarzer Amerikaner. Barack Obama hat Baldwin als einen seiner geistigen Väter bezeichnet. Raoul Peck schreibt die Geschichte fort bis in unsere Gegenwart. Ein grossartiger, ein unverzichtbarer Film.

Wie ein Schaf in der Wüste. Als James Baldwin die Schweiz besuchte (Hörbuch)

Parallel zum Film entdecke ich in unserer Bibliothek das Hörbuch über James Baldwins Besuch des Walliser Bergdorfes Leukerbad Anfang der 50-er Jahre! Wo dieser Tage das 22. Internationale Literaturfestival Leukerbad Autorinnen und Autoren aus aller Welt erwartet, begegnete die Bevölkerung von damals zum ersten Mal überhaupt einem dunkelhäutigen Menschen. Baldwin, der Dank seiner Freundlichkeit und Zugänglichkeit schnell die Sympathien der Bergler gewinnt, studiert wie ein Ethnologe die Reaktionen der Leute und wird darüber seinen Essay «Der Fremde im Dorf» schreiben. Neben diesem Text und Baldwins Stimme im O-Ton kommen im Hörspiel Zeitzeugen und ehemalige Freunde Baldwins zu Wort – es entsteht eine spannende Sprach- und Musik-Collage auf Englisch, Französisch und schönstem Walliserdeutsch.

Alberto Nessi: Miló. Erzählung

Mit Alberto Nessi, der uns kürzlich in der Bibliothek Rifferswil einen äusserst charmanten, engagierten und poetischen Abend bescherte, haben wir einen Schweizer Autor, der uns Geschichten zu erzählen weiss, die uns in der Deutschschweiz weniger vertraut sind: Geschichten aus dem Grenzraum Italien-Schweiz. In der Titelerzählung erleben wir mit Miló und seiner Mutter Joséphine die Arbeiterkämpfe in Genf und Lausanne der 30er Jahre und, als sich Miló nach seiner Ausweisung aus der Schweiz den Partisanen in den Bergen des Aostatals anschliesst, deren verzweifelten Widerstand gegen das faschistische Mussolini-Regime. Weitere Protagonisten in den Erzählungen aus dem Tessin sind die Bergler mit ihrer Schwermut, die Schmuggler rund ums Muggio-Tal, die Frauen, welche härtesten Lebens­um­ständen und Schicksalsschlägen ausgesetzt sind, die irgendwie vom Leben Versehrten – die Lebenden und die Toten. Und immer wieder fliessen Beobachtungen ein zu heutigen Flüchtlingsszenen rund um Chiasso und Mendrisio, der Heimat des Autors.

Nessi sieht all die vermeintlich unscheinbaren Menschen und gibt ihnen eine Stimme. Es sind harte, verstörende Geschichten, die er uns zumutet, aber sie sind durchdrungen vom Humor und von der Menschenfreundlichkeit, die auch bei seiner Lesung aus den Augen des Autors blitzen.
‘Miló’ ist in der Bibliothek auf Deutsch und in der italienischen Originalausgabe vorhanden.

Mai-Tipps von Gabi Scherer

Francesca Sanna: Die Flucht

In ihrem Bilderbuch „Die Flucht“ beschreibt die Illustratorin Francesca Sanna die Odyssee einer Flüchtlingsfamilie: Eine zerbombte Stadt, eine entwurzelte Familie, eine Flucht ins Unbekannte: nicht unbedingt ein Thema, das sich für ein Bilderbuch eignet. Im Buch erzählt die Autorin die Geschichte einer Familie, die vor dem Krieg in ihrem Land flüchten muss.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Kindern erzählt. Sie beschreiben eine Reise, die wie ein

Abenteuer erscheint, eine Reise in ein Land, wo sie keine Angst mehr haben müssen, wo sie in

Sicherheit sein werden. Die Reise selber ist aber gefährlich. Die mehrtägige Fahrt auf dem Boot übers Meer zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen ist kaum auszuhalten. Auf der Überfahrt erzählen sie einander Geschichten von Ungeheuern, um sich vor der eigenen Angst abzulenken.

Das Buch ist zugleich Sannas Masterarbeit in Design mit Spezialisierung auf Illustration an der Hochschule Luzern.

Francesca Sanna stammt aus Sardinien und lebt in Zürich. Sie selbst ist Migrantin und kennt im kleineren Rahmen die kulturellen, sprachlichen und administrativen Probleme in einem fremden Land. Für ihr Bilderbuchdebüt wurde sie mit der renommierten Goldmedaille der Society of Illustrators in New York ausgezeichnet.

Claude K. Dubois: Akim rennt

Claude K. Dubois, eine preisgekrönte Autorin und Illustratorin aus Belgien, zeigt auf, welche Auswirkungen der Krieg auf Kinder und Erwachsene haben kann.

Die Erzählung lebt von Bleistift- und Kohlezeichnungen, die inhaltlich weit über das Gesagte hinausgehen. Die Bilder wirken wie schemenhafte, unvollständige Skizzen. Vielleicht ist es für den Betrachter so einfacher, die schreckliche Situation von Akim im Bilderbuch anzuschauen:

Akim erlebt Bombeneinschläge, Qualm, Chaos. Er gerät in Gefangenschaft von Soldaten. Es gelingt ihm die Flucht, er rennt stundenlang, bis er es in die Sicherheit eines Flüchtlingslagers

schafft.

Die Geschichte macht deutlich, weshalb Menschen alles zurücklassen und fliehen, damit sie an einem sicheren Ort in Freiheit leben können.

Für das Buch erhielt die Autorin 2014 den Deutschen Kinder- und Jugendbuchpreis.

Giancarlo Macri und Carolina Zanotti (illustriert von Clara Zanotti): Punkte

Giancarlo Macri und Carolina Zanotti versuchen in ihrem Bilderbuch zu erklären, was Flucht bedeutet, wie man mit der Situation umgehen könnte. Die beiden Autoren haben es „auf den Punkt gebracht“. Anhand von Punkten zeigen sie, wie wir leben und wie die Menschen in den Fluchtländern leben.

Ein Punkt, viele Punkte, Familie, Freunde, weitere Punkte, andere Punkte…. Den einen geht es gut, den anderen nicht. Zusammen kann man etwas verändern.

Mit dem einfachen Element Punkt erklären die Autoren und die Illustratorin das Thema Flucht für kleine Kinder. Ein gepunktetes Bilderbuch, welches das Thema Flucht leicht verständlich auf den Punkt bringt.

März-Tipps von Ulla Schiesser

Hans-Günter Weess: Die schlaflose Gesellschaft. Wege zu erholsamem Schlaf und mehr Leistungsvermögen

Mein Interesse an diesem Buch ist sowohl beruflicher, als auch persönlicher Natur. Beruflich, weil wir den Autor am Donnerstag, 1. Juni 2017, zu uns in die Bibliothek eingeladen haben. Der Psychologe und Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster wird mit seinem Vortrag „Was uns den Schlaf raubt – und was Sie dagegen tun können!“ Licht ins Dunkel unserer schlaflosen Nächte bringen. Die persönlichen Gründe liegen auf der Hand; habe ich früher oft schon geschlafen bevor ich alle Knochen sortiert hatte, nutze ich heute die Nächte oft zum Lesen und ich weiss, dass ich damit nicht alleine bin.

Dieses Buch beantwortet unzählige Fragen zum Thema Schlaf. Der Autor beleuchtet das grosse Spektrum der unterschiedlichen Schlafstörungen, gibt Anleitung zur Selbsthilfe und Einblick in die Erkenntnisse der aktuellen Schlafforschung.

Zudem verweist Hans-Günter Weess auch auf die gesellschaftlichen Hintergründe, die zu unserer unausgeschlafenen Gesellschaft geführt haben und die weitreichenden, damit verbundenen Risiken und Kosten.

Ein sehr umfassendes, erhellendes Buch zu einem aktuellen Thema.

Max Porter: Trauer ist das Ding mit Federn

Eine junge Frau stirbt. Zurück bleiben zwei kleine Söhne, ihr Mann und  „Trauerstaub“ auf allem. Da taucht eines Nachts Krähe auf, ein riesiger, stinkender, schwarzer Vogel, der den verstörten Mann in seinem Flügel birgt und verspricht zu bleiben, bis er nicht mehr gebraucht wird. Krähe ist eine Zumutung. Er konfrontiert seine Nestlinge mit Erinnerungen und Geschichten, flucht, reisst schräge Witze, ist anarchistisch und vulgär und berichtet in seiner ganz eigenen, expressiven Sprache aus dem Alltag im Epizentrum der Trauer.

Dazwischen berichtet „Dad“ von seinen Gehversuchen und der grosszügigen, bedingungslosen Liebe, die ihm seine kleinen Söhne entgegenbringen. Von den Jungs wiederum erfährt man, wie die Lebenslust sich ihren Weg bahnt und durch die dicken, kalten Mauern der Verstörung sickert. Es ist ein leuchtender, wilder, aber trotzdem strukturierter Text, etwas zwischen Klagelied, Gedicht und Abrechnung. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt mit starken Bildern und berauschender Sprache.

True Detective, Staffel 1 / Regie: Nic Pizzolatto

Vorsicht, Suchtpotential! Wer wenig freie Zeit hat, sollte lieber die Finger von dieser spannenden Serie lassen, denn vor allem die erste Staffel zeichnet sich aus durch hervorragende Hauptdarsteller, kunstvolle Bilder und Dialoge, die man mitschreiben möchte. Intelligente Spannung für Melancholiker und Leute, die es mögen, wenn Geschichten erzählt und Figuren langsam entwickelt werden. Allerbeste Begleitung durch schlaflose Nächte (siehe 1. Titel).

Januar-Tipps von Karin Wieler

Antoine Laurin: Liebe mit zwei Unbekannten (Grossdruck)

Mit französischem Charme lässt der Autor die Lesenden in eine liebenswerte Geschichte um zwei Menschen eintauchen, die sich (noch) nicht kennen. Laurent findet eines Tages eine Damenhandtasche. Nach langem Überlegen – es schickt sich ja nicht, dass ein Mann das tut! – öffnet er die Handtasche und findet darin unter typisch weiblichen Gegenständen ein Notizbuch. Er liest darin, beginnt sich ein Bild von der Frau zu machen – und verliebt sich in sie. Höchst vergnüglich nun die Suche nach Laure – geniessen Sie sie und lesen Sie weitere zwei Bände von Antoine Laurain!

Sue Hubbel: Leben auf dem Land

Dies ist ein wunderbar leicht geschriebenes Buch, das viel Lehrreiches zu Tier- und Pflanzenwelt bietet. Sue Hubbell ist aber weit davon entfernt, belehren zu wollen. Sie schreibt in einfachen, klaren Sätzen, was sie denkt. Sei es die Betrachtung von Vögeln – in aller Ruhe und mit viel Geduld schafft sie das auch ohne Fernglas - seien es Gedanken über so unansehnliche Tiere wie z.B. Schaben und natürlich immer wieder die Beschreibungen ihrer Arbeit als Bienenzüchterin und Honigproduzentin. Berührend auch, wie sie ihre Gefühle als verlassene Ehefrau andeutet oder ihr neues Leben auf eigenen Füssen mit Arbeiten schildert, die eigentlich Männer verrichten müssten. Immer präsent sind ihre grosse Liebe zur Natur und ihr Respekt vor der Existenz jeglichen Lebens.

Burak Özdemir: Sampling_Baroque / Handel

Lust auf ein Experiment? Die Frage ist, was Georg Friedrich Händel wohl zu dieser Interpretation seiner Musik sagen würde. Ich freue mich immer wieder, wenn junge Musikerinnen und Musiker es wagen, klassische Musik neu zu spielen, zu verfremden, zu verändern. Da entsteht Ungewohntes, Gewöhnungsbedürftiges, aber ein Abweichen von der traditionellen Aufführungspraxis eröffnet uns auch neue Sichten! Das Ensemble Musica Sequenza, sieben junge Leute, spielen auf Barockinstrumenten, was mit der elektronischen Komponente einen reizvollen Zusammenklang ergibt. Burak Özdemir ist auch Komponist –  seine drei Stücke bergen ebenfalls Spannendes!

Paolo Fresu / Daniele di Bonaventura: In maggiore

Fast meditativ, ruhig, eindringlich, in verschiedensten Klangvariationen klingt die Musik, die die beiden Musiker Paolo Fresu (Trompete und Flügelhorn) und Daniele di Bonaventura (Bandoneon) uns präsentieren. Sowohl die klassische Musik als auch der Jazz sind Heimat für die beiden Musiker und dies macht diese CD so speziell. 

November-Tipps von Irene Scheurer

Sascha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie

Der Schweizer Soziologe und Journalist Sacha Batthyanys stösst auf Unterlagen, die belegen, dass seine Grosstante in eines der schrecklichsten Nazi-Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs verwickelt ist. Er beginnt zu forschen und realisiert bei der Lektüre der Tagebücher seiner Grossmutter, dass auch sie Zeugin eines Massakers geworden ist – und ebenfalls geschwiegen und nichts unternommen hat. Immer intensiver beschäftigt ihn die Frage, was die ganze Familiengeschichte mit ihm zu tun hat. Was hätte er gemacht? Wäre auch er ein „Maulwurf“ gewesen, der sich geduckt und weggeschaut hätte? Prägen die Traumata der früheren Generationen unser Leben? Sascha Batthyany wirft viele Fragen auf, die er auch nach intensiven Nachforschungen und Reisen nach Ungarn, Sibirien und Buenos Aires sowie zahlreichen Sitzungen beim Psychoanalytiker nicht restlos klären kann.

Dörte Hansen: Altes Land

„Dit Huus is mien un doch nich mien, de no mi kummt, nennt’t ook noch sien.“  (Dieses Haus ist nicht meines und auch nicht deines, denn derjenige, der nach mir kommt, nennt es auch seines.) Dieser plattdeutsche Satz steht als Inschrift am Giebel eines verwitterten Hauses in der Elbmarsch südlich von Hamburg, in dem Hildegard und ihre kleine Tochter Vera als Flüchtlinge aus Ostpreussen im Frühling 1945 Aufnahme finden. Sie werden von der Hausherrin als „Polacken“ beschimpft und nur ungern geduldet. Obschon Hildegard später deren Sohn heiratet, wird sie nie heimisch im Haus und der neuen Umgebung. Hildegard verlässt schliesslich Mann und Tochter und zieht nach Hamburg. Da keine weiteren Verwandten da sind, erbt Vera nach dem Tod des Stiefvaters das Haus. Sie wohnt sechs Jahrzehnte darin und fühlt sich dennoch wie „eine Flechte“: Sie existiert, kann aber keine Wurzeln schlagen. Als ihre Nichte Anna mit ihrem kleinen Sohn unerwartet bei ihr einzieht und das alte Haus zu renovieren beginnt, weicht endlich das Gefühl der Heimatlosigkeit.

Evi Hartmann: Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral

Rund eineinhalb Milliarden privilegierter Menschen im Westen konsumieren rund 80 Prozent aller Güter dieser Welt. 80 Prozent der Menschheit kriegen nur den kümmerlichen Rest auf den Teller. Unsere Wirtschaft macht uns zu Sklavenhaltern, das führt uns jedes 3-Euro-T-Shirt vor Augen.

Wenn wir Kleidung tragen, Nahrung zu uns nehmen, ein Auto fahren und ein Smartphone haben, arbeiten derzeit ungefähr 60 Sklaven für uns, meint Evi Hartmann, Professorin für Betriebswirtschaftslehre. Wir können die Globalisierung nicht abschaffen, aber die Autorin zeigt in ihrem Buch auf, wie Fairplay möglich ist.

September-Tipps von Rahel Buchter

Ramita Navai: Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran

Soeben habe ich nach intensiver Lektüre staunend die Buchdeckel geschlossen: Welch ein Buch!

Des etwas provokanten Titels wegen könnte man meinen, es handle sich um eine brisante Aufdeckungsgeschichte. Dem ist aber nicht so. Ramita Navai liebt diese Stadt, das spürt man.

Die Autorin wurde in Teheran geboren und ist als Achtjährige mit ihren Eltern vor der islamischen Revolution geflüchtet. Als Times-Korrespondentin ist sie von 2003-2006 in den Iran zurückgekehrt und hat in dieser Zeit diverse Gespräche mit Stadtbewohnern geführt, deren Geschichten sie hier einfühlsam und äusserst differenziert nach- oder umerzählt. In acht einzelnen, in sich abgeschlossenen Episoden erhalten wir Einblick in die vielfältigen Lebensweisen dieser Menschen. Bei der Lektüre wird klar: Die Gesellschaftsstruktur Teherans ist äusserst komplex und die Bevölkerung dieser pulsierenden Stadt nicht kategorisierbar.

Ob ‘Jahel‘ (Gangster aus der Arbeiterschicht mit striktem Ehrenkodex, die sogar einen eigenen Tanzstil pflegen), geschiedene Frau, Mullah, Revuetänzerin, Blogger oder Hermaphrodit, sie alle täuschen, um zu überleben, lügen, um sich selbst letztendlich treu bleiben zu können.

Übrigens: Haben Sie gewusst, dass es in kaum einer anderen Stadt so viele Nasenkorrekturen gibt wie in Teheran?

Zora del Buono: Gotthard. Novelle

Es empfiehlt sich, diesen schmalen Band gleich zweimal zu lesen. Die Geschichte ist so dicht erzählt, dass einem beim ersten Durchgang leicht einige vergnüglichen Details entgehen könnten.

Die Autorin führt uns in den Mikrokosmos einer Bauarbeitergemeinschaft des Gotthardbasistunnels im Tessin.

In flirrender, trockener Hitze und dem dunklen Sog des Berges ausgesetzt, lässt sie die verschiedensten Personen aufeinanderprallen: Fritz Bergundthal, einen gepflegten Junggesellen, Mittfünfziger und Eisenbahnfan. Die Lastwagenfahrerin Flavia. Deren übertrieben geschminkt und herausgeputzte Mutter Dora. Aldo und Tonino, die zusammen ein dunkles Geheimnis teilen. Robert Filz, ein von obsessiver Lust auf Frauen besessener Lokführer. Monica, die nicht mehr ganz junge brasilianische Prostituierte. Thomas Oberholzer, ein Bücher liebender Mineur. Und natürlich mit dabei: die heilige Barbara.

Stilsicher, pointiert und mit viel Sinn für atmosphärische Details erzählt Zora del Buono eine klassisch aufgebaute Novelle, deren Fäden sich innerhalb des einen Tages, in der die Geschichte spielt, immer mehr zusammenziehen, bis es schliesslich zu einem fulminanten Ende kommt.

Gut zu wissen, dass demnächst ein neues Buch dieser Autorin erscheinen wird.

Ciro Guerra: El Abrazo de la Serpiente (DVD)

Ein auf Tagebuchaufzeichnungen eines deutschen Ethnologen und eines amerikanischen Botanikers basierender Spielfilm.

Die beiden Forscher haben sich zu unterschiedlichen Zeiten (1906/1940) ins Herz des Amazonas vorgewagt, um nach einer geheimnisvollen Pflanze zu suchen und werden dabei vom selben Schamanen begleitet.

Ein beeindruckender Film! Alles in Schwarz-Weiss gedreht. Betörend schöne Bilder.

Hat man geträumt? Nach dieser zweistündigen, langsamen Kamerafahrt in die Unendlichkeit des Amazonasbeckens braucht man etwas Zeit, um in die Realität zurückzufinden…

Verstörende Szenen bei den Kautschuksklaven und in einer christlichen Missionsstation lassen uns einmal mehr über die Zwiespältigkeit des Kolonialismus nachdenken.

Für mich der bisher stärkste Film in diesem Jahr. War übrigens für einen Oscar nominiert.

John Crowley: Brooklyn (DVD)

Und zum Schluss: Balsam für Herz und Augen!

Irland 1952: Da für die junge Eilish (Saoirse Ronan) im eigenen Land nur sehr beschränkte Zukunftsperspektiven vorhanden sind, nimmt sie die durch einen Priester vermittelte Gelegenheit wahr, um nach New York auszureisen. Dort wohnt sie in einer Unterkunft für junge Frauen und arbeitet in einem Warenhaus. Anfänglich bedrückt und unter grossem Heimweh leidend, findet sie allmählich zu neuer Lebenslust und zu Tony, einem italienischstämmigen jungen Mann.

Der plötzliche Tod ihrer Schwester bedingt Beistand für ihre Mutter und sie tritt eine Reise in ihre alte Heimat an…

Sentimentalität kann glücklich machen. Dieser Film hat etwas Leuchtendes, Erhellendes.

Dank der wunderbaren Besetzung und Ausstattung und nicht zuletzt der wohlklingenden irischen Sprache wegen (einmal mehr: unbedingt in Originalsprache schauen!), wirkt der Film authentisch und keineswegs kitschig, obwohl er genau dies sein könnte.

Eine gelungene Adaption der gleichnamigen Roman-Vorlage von Colm Toibin, die etwas verhaltener daherkommt und ebenfalls sehr empfehlenswert ist.

Juli-Tipps von Colette Fehlmann

Swetlana Alexijewitsch: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Die Literaturnobelpreis-Trägerin 2015 mag wieder aus den Schlagzeilen verschwunden sein. Umso mehr will ich an ihre einmaligen Gesprächsprotokolle erinnern, in diesem Fall aus dem Innern von 70 Jahren Leben in der Sowjetunion und vom Leben nach deren Zerfall. Eins zu eins nehmen wir teil am «sozialistischen Drama», indem Alexijewitsch versucht, «alle Beteiligten, mit denen ich mich treffe, fair anzuhören...». Wir bekommen eine Ahnung von der hohen Identifikation mit den Idealen des Sozialismus - und dem Ausmass an Opferbereitschaft für dessen Aufbau. Umso erschütternder die Berichte über das Grauen des Krieges und die Gräuel der stalinistischen Lagerhaften. Und wir erleben nochmals die hochdramatische Zeit von Gorbatschows Versuch der Perestroika bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion. Bisher war die legendäre «russische Küche» das Zentrum der Diskussions- und Dissidentenkultur. Plötzlich aber tauchten ganz andere Leute auf, «mit neuen Spielregeln: Wenn du Geld hast, bist du ein Mensch, hast du keins, bist du ein Niemand». Die Menschen erleben die totale Entwertung ihrer bisherigen Biografien. Wir bekommen aber auch von den schönsten Liebesgeschichten zu hören: Wie wichtig es ist, geliebt zu werden!
In knappen Klammerbemerkungen ist die Autorin präsent als Gesprächspartnerin, die es sehr vielen Menschen zum ersten Mal überhaupt ermöglicht, ihre Geschichte zu erzählen. Wer Russland verstehen will, lese dieses Buch!

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt

Mit seinem Essay «Plädoyer für Reparationen» hat der Journalist und Buchautor Ta-Nehisi Coates in den USA bereits eine Diskussion über die Aufarbeitung der Sklaverei ausgelöst. Dieser Essay findet sich im zweiten Teil des Buches. Auch «Zwischen mir und der Welt» ist eine Analyse des fortdauernden Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft. Coates schreibt sie in Form eines Briefes an seinen Sohn in dessen 15. Lebensjahr, als dieser erlebt, wie Schwarze, auch Jugendliche, von Polizisten erschossen werden, und weint, nachdem er hört, dass gegen die Täter keine Anklage erhoben wird. Coates erzählt ihm und uns über seine eigene Lebensgeschichte, was es heisst, in diesem seinem Land in einem schwarzen Körper zu leben. Die Angst, die sich durch 250 Jahre der Sklaverei in die Körper eingeschrieben hat, ist immer da. Sie war schon da in seiner Jugend in Baltimore gegenüber den brutalen Ritualen der Strasse und der Erfahrung, dass das Gesetz nicht zu seinem Schutz da war; und auch «jetzt, in deiner Zeit, ist das Gesetz zu einem Vorwand verkommen, dich anzuhalten und zu filzen, den Angriff auf deinen Körper fortzusetzen», schreibt er an seinen Sohn. Sprachkraft und Sprachrhythmus dieses Plädoyers gegen Rassismus gehen unter die Haut.

Daniel Fueter (Klavier und Rezitation), Leila Pfister (Mezzosopran), Samuel Zünd (Bariton): Züri-Lieder

Schon 2009 aufgenommen, aber neu in unserer Bibliothek ist die CD mit Züri-Liedern wie «Mis Dach isch de Himmel vo Züri», «O mein Papa», «Oerlikon» oder «Mis Chind» - mit Musik des unvergesslichen Paul Burkhard u.a.
Alle drei MusikerInnen sind im Chanson, im klassischen Gesang und in der Theaterwelt gleichermassen zu Hause. Wunderbar, wie sie den Balanceakt schaffen, diese Ohrwürmer mit grosser musikalischer Sorgfalt neu zu interpretieren. Sentimental, ja, aber auch verschmitzt! Mit welch zärtlichen Girlanden der ehemalige Rektor der Musikhochschule und Dozent für Liedgestaltung Daniel Fueter in «Lili’s Lied» die klare Stimme von Leila Pfister umspielt! Von ihm stammen Lied-Kompositionen zu Texten von Martin Suter.
Und wer will, wird im einen oder andern Lied von Ferne die Stimmen von Margrit Rainer, Ruedi Walter und Zarli Cariget mithören.

Mai-Tipps von Gabi Scherer

Owen Sheers: I saw a man

Nach dem tragischen Tod seiner Frau Caroline, die als Journalistin bei einem Aufenthalt in Afghanistan stirbt, erträgt Michael es nicht mehr länger am bisherigen Wohnort in Wales.

Michael zieht nach London, wo er als Schriftsteller arbeitet.

An seinem neuen Wohnort freundet er sich mit seinen Nachbarn, den Nelsons, an. Josh, Samantha und ihre zwei Töchter wohnen im Haus nebenan und es entwickelt sich schnell

ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Michael und der Familie Nelson.

Michael geht bei den Nelsons wie selbstverständlich ein und aus. An einem Samstag Nachmittag findet er die Hintertür ihres Hauses offen vor, aber das Haus scheint leer zu sein.

Michael hat das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und er betritt das Haus. Er wird Zeuge eines Unfalls der kleinen Tochter der Nelsons, die alleine zu Hause ist. Michael verlässt das Haus, er stiehlt sich aus der Verantwortung.

Dieses Buch ist sehr packend und spannend geschrieben. Es zeigt, wie eine unscheinbare Handlung das Leben aller Beteiligten für immer verändern kann.

 

Der Roman ist in der Bibliothek auch als Hörbuch (gelesen von Devid Striesow) vorhanden.

Isabel Bogdan: Der Pfau

Isabel Bogdan ist preisgekrönte Übersetzerin englischer Literatur. Das Genre der britischen Romane hat es ihr angetan und sie hat selber einen humorvollen Roman verfasst:

Ein Team aus einer Bank will seine Zusammenarbeit bei einem Workshop verbessern. Die Chefin Liz wählt für das Wochenende ein Schloss im ländlichen Schottland aus. Lord und Lady McIntosh vermieten den Investmentbankern den Westflügel ihres herrschaftlichen Hauses.

Das Wochenende verläuft ziemlich chaotisch: Ein Pfau spielt verrückt, es kommt zu einem überraschenden Wintereinbruch, daher können die Banker nicht abreisen. Im Haus gibt es kaum heisses Wasser und die Chefin Liz muss mit einer Grippe das Bett hüten.

Es geschehen urkomische Dinge und es entstehen viele Missverständnisse.

 

Auch als Hörbuch (gelesen von Christoph Maria Herbst) vorhanden.

Jane Gardam: Eine treue Frau

Dieser Roman ist der zweite Teil einer Trilogie. (Titel des ersten Teils: Ein untadeliger Mann)

Die Trilogie ist in England in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts erschienen.

Betty, so heisst die Hauptperson im Roman, reist nach Hongkong. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg taucht sie wieder ein in die geliebte, glanzvolle Welt des fernen Ostens, wo sie aufgewachsen ist. Diese Liebe zum fernen Osten verbindet sie tief mit ihrem Ehemann Edward Feathers, dem jungen Star unter den Richtern in Hongkong.

Als Betty Edward ewige Treue verspricht, weiss sie intuitiv, dass ihre Ehe kaum auf wilder Leidenschaft gründen wird. Kann sie diesen untadeligen, schönen Mann lieben oder liebt sie seinen schlimmsten Feind, den smarten Veneering?

Betty ist für ihren Mann nicht die grosse Liebe, sondern der grosse Halt. Ohne Betty würde er zusammenbrechen. Und umgekehrt ist es ähnlich. Beide sind sie Waisen, im fernen Osten geboren und beide sind heimatlos.

 

Auch als Hörbuch (gelesen von Eva Mattes) vorhanden.

März-Tipps von Barbara Schläfli

Isabel Allende: Der japanische Liebhaber

Lark House, Kalifornien. Hier trifft die 23-jährige Aushilfskraft Irina Bazili aus Moldawien die Protagonistin des Romans, Alma Belasco, 82 Jahre alt.

Vor drei Jahren hat die Lady von einem Tag auf den anderen ihre noble Villa nahe der Golden Gate Bridge verkauft und ein nüchternes Appartement in Lark House bezogen. Hier gibt sich die alte Dame aristokratisch und hält Distanz zu den übrigen Heimbewohnern. Sie und ihre alte Katze Neko sind einander genug. Ihr Lebenswandel gibt Anlass zu allerhand Gerede und Vermutungen. Ab und zu verschwindet sie gleich für ein paar Tage, ohne irgendwelche Angaben dazu zu hinterlassen. Am seltsamsten freilich: Einmal in der Woche erhält sie einen gelben Umschlag und ein Kistchen mit drei Gardenien – beides ohne Absender.

Auch um sich von den eigenen Lebenssorgen abzulenken, folgt Irina den Spuren, und es beginnt eine abenteuerliche Reise bis weit in die Vergangenheit von Alma Belasco. Nach und nach erfahren wir Almas Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichte.

Isabel Allende erzählt von Freundschaft und der unentrinnbaren Kraft einer lebenslangen Liebe. Davon, wie Zeit und Zwänge über eine solche Liebe hinweggehen und sie verwandeln, in Verbundenheit, Wehmut und ein leises Staunen darüber, schon so lange gemeinsam unterwegs zu sein.

„Es liegt an uns, ob die Liebe ewig währt!“

Jacques à Bâle: 20 Regeln für Sylvie (DVD)

Die kleine Sylvie (Viola von Scarpatetti) hat einen treusorgenden Papa. Adalbert, ein Mann mit Rauschebart und Prinzipien (Carlos Leal). Sie wohnen in den Alpes Vaudoises, ins Dorf hinab fährt die Seilbahn. Die Mama ist vor Jahren gestorben. Zum Trost füttert Papa seine Sylvie vor dem Zubettgehen mit Pom-Bärli und wenn das nur ginge, würde er sie am liebsten in der rosaroten Kuscheltierphase einbalsamieren. Das ist aber nicht möglich, denn die kleine Sylvie zählt nämlich schon stolze 20 Jahre. Demnächst fängt für sie das Leben an, mit dem ersten Semester an der Uni Basel.

Vor diesem Tag graut es Adalbert. In seiner Not listet er „20 Regeln für Sylvie“ auf. Kein Sex, weder Partys noch Konzerte. Nicht mit Jungs knutschen. Nicht mal Lippenstift. „Das ist die Einstiegsdroge“, glaubt Adalbert. Um sicher zu gehen, dass Sylvie keine der Regeln bricht, folgt er ihr insgeheim in die Grossstadt, wo er sich bald mit ein paar Studenten anfreundet und eine Regel nach der anderen selber bricht.

Ein erfrischender, witziger und unterhaltsamer Schweizer Film!

Clemens Ettenauer / Johanna Bergmayr (Hg.): Cartoons über Hunde

Cartoonisten sind wie Hunde – verspielt, ihrer Leserschaft treu ergeben und manchmal auch ein bisschen ungezogen. Das erklärt, wie sie es schaffen, so derart tiefe Einblicke in das Wesen des Hundes (und seines Herrchens), geben zu können.

In diesem Buch erfahren Sie alles über Hunde: vom Dilemma eines Poststreiks, über die Probleme des Raucherdackels bis zu autofahrenden Hunden mit Rot-Grün-Blindheit.

Zum Schmunzeln und Lachen, aber auch gewürzt mit einer Prise schwarzem Humor!

 

Tipp: Die Cartoon-Abteilung ist erweitert und erneuert worden. Auch ohne ausgeprägte Schnüffelnase findet man dort allerlei Witziges und Unterhaltsames.

Januar-Tipps von Karin Wieler

Yuja Wang: Ravel

Mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Lionel Bringuier spielt die 1987 in Peking geborene Pianistin Yuja Wang zwei Konzerte von Maurice Ravel und eine Ballade von Gabriel Fauré. Sowohl das Konzert in G-Dur, das mit einem Peitschenknall beginnt, als auch die Ballade sind ein Genuss, aber das Konzert für die linke Hand in D-Dur verblüfft uns Zuhörende: Man würde nicht glauben, dass Yuja Wang nur mit der linken Hand spielt, wenn es nicht so angegeben wäre. Ravel komponierte es im Auftrag des kriegsversehrten Pianisten Paul Wittgenstein, der es 1932 zur Uraufführung brachte. Diese grandiose Technik, die grosse Musikalität, die Interpretation der vom bereits in Europa aufblühenden Jazz inspirierten Musik Ravels sind beeindruckend. Lionel Bringuier, 1986 geboren, ist ein vielversprechender Chefdirigent und mit Yuja Wang ist mit dieser CD ein wunderbares Werk entstanden.

Anna Enquist: Streichquartett

Musik kann über vieles hinwegtrösten, kann ablenken, Energie spenden, Verbundenheit der gemeinsam Musizierenden schaffen. Anna Enquist gibt jedem Mitglied des Streichquartetts Raum, seine Situation darzustellen. Hugo, der auf einem Hausboot lebt, Heleen, seine Cousine, die als Pflegefachfrau in Caroliens Arztpraxis arbeitet, Jochem, Caroliens Ehemann und Geigenbauer, sie alle haben schwer zu tragen und hadern mit ihrem Leben, mit der Gesellschaft und deren Entwicklung. Im Zusammenspiel, in der Arbeit an der Musik finden sie sich und für uns als Lesende mit etwas Musikerfahrung sind diese Passagen fast hörbar. Anna Enquist studierte nach einem Psychologiestudium Klavier und Cello und verwebt ihre Erfahrungen einmal mehr sehr gekonnt in den Text. Berührend sind auch die Kapitel über Reinier, den Cellolehrer Caroliens, der mit dem Altwerden Ängste entwickelt, die man niemandem wünscht. Die Handlung des Buches verdichtet sich, nachdem wir den Protagonisten in ihren Diskussionen und ihren Gedanken gefolgt und davon angeregt sind. Das dramatische Ende, das durch einen ausgebrochenen Verbrecher seinen Lauf nimmt, hätte nicht so stattfinden müssen, wäre da nicht die Versuchung Heleens gewesen, jemandem in ihrer Not etwas allzu Persönliches zu schreiben, das eigentlich nicht für diese Person gedacht war…

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

Zweiter Weltkrieg, Frankreich: Marie-Laure, ein blindes Kind, lebt mit seinem Vater, der Schlüsselverwalter des Naturkundemuseums in Paris ist. Aus dem besetzten Paris muss das Mädchen zu seinem Onkel nach Saint-Malo reisen, wo es wieder neu lernen muss, sich zurechtzufinden. Im Gepäck ist ein äusserst wertvoller Schatz versteckt. Am Satz ihres Vaters, er würde sie niemals verlassen, in einer Million Jahren nicht, hält Marie-Laure sich während der Zeit, als sie ohne Nachricht ihres Vaters leben muss.

Unterdessen Deutschland: Werner und Jutta, Waisenkinder, leben in einem Heim im Ruhrgebiet. Werner erweist sich als technisch begabter Bastler und Tüftler, interessiert sich speziell für Radios und Sender. Als Jugendlicher wird er für die Armee Funkgeräte reparieren, verbotene Sender finden, vorerst nicht ahnend, wofür und für wen er da arbeitet.

In kurzen Kapiteln leben wir mit den beiden Kindern, die heranwachsen und in den Kriegswirren sowohl schrecklichste Erfahrungen machen als auch schon fast glückliche, zarte Momente erleben. Nichts voneinander wissend, nähern sie sich geografisch immer mehr und wir hoffen, dass sie sich begegnen. Spannend, fesselnd, faszinierend die Perspektive eines blinden Menschen, abgrundtief traurig, aber auch mit tröstlichen Bildern lesen Sie eine Geschichte, die auch wahr sein könnte. 

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese schreckliche Lücke

Nach dem Buch „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, in dem Meyerhoff seine Kindheit als jüngster Sohn des Direktors einer psychiatrischen Anstalt, wo die Familie lebt, beschreibt, geht es in diesem Band um seine Lehrjahre an der Schauspielschule in München. Dort lebt er bei seinen ziemlich eigenwilligen Grosseltern, fühlt sich sehr zu Hause und wohl. Ganz im Gegensatz dazu hat er die grösste Mühe, sich im Schauspielmilieu einzufügen. Viel zu gross gewachsen, passt er eigentlich in keine Rolle…

Meyerhoff erzählt diese Jahre sehr ehrlich, mit verschiedensten Facetten all des herrlich Komischen und der traurigen Begebenheiten, die ihm begegnen. Ein leicht zu lesendes Buch mit viel Unterhaltungswert!

November-Tipps von Irene Scheurer

Franz Hohler: Ein Feuer im Garten

Im Erzählband "Ein Feuer im Garten" hat Franz Hohler 52 neue Kurz- und Kürzestgeschichten veröffentlicht. Feine Alltagsbeobachtungen wechseln sich ab mit poetischen Miniaturen und einem satirischen Text zur Lage der Schweiz. Oft richtete er den Blick auf das Brüchige in der Welt. "Trittsicher sehen wir aus, sind ausgerüstet für die tägliche Lebensexpedition und kämpfen doch ständig gegen unsere Auflösung", heisst es in der Kurzgeschichte „Aufbruch“.

Er nimmt uns mit auf eine Lesereise in Minsk oder zu einer Buchpräsentation in Dubai, wir flanieren an seiner Seite durch Bremen und Berlin und besuchen die Buchmesse in Teheran oder das ferne Myanmar. Den Musikliebhaber begleiten wir in ein Klassikkonzert im Hallenbad und den Kopflosen ins Büro "Ausweisverluste" der Zürcher Stadtverwaltung. Franz Hohler beobachtet die Welt um sich herum ganz genau und beschreibt in humorvoller und tiefsinniger Weise, was ihn verwundert und in Staunen versetzt hat. Er ist ein fabelhafter Erzähler und ein Meister der kurzen Form.

Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen

„Und du bist nicht zurückgekommen“ ist ein sehr berührendes Zeugnis der Holocaust-Überlebenden Marceline Loridan-Ivens. Die französische Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin beschreibt, wie sie als 16-jähriges Mädchen zusammen mit ihrem Vater ins KZ deportiert wird. Sie kommt nach Birkenau, er nach Auschwitz. Zwischen ihnen liegen die Gaskammern, der Geruch von brennendem Fleisch, die Angst und die ständige Ungewissheit. Ihrem Vater gelingt es, ihr eine kleine Botschaft auf einem Zettel zu übermitteln. Sie vergisst die Worte jedoch und versucht ein Leben lang, die zerbrochene Erinnerung wieder zusammenzufügen.

Sie hat die Hölle überlebt, ihr Vater nicht. Als 87-Jährige schreibt Marceline Loridan-Ivens ihrem geliebten Vater einen Brief und zieht Bilanz. Sie drückt die starken Gefühle aus, die sie für ihn empfindet und erzählt, was sein Tod für die verbliebenen Familienmitglieder bedeutet hat und wie sie letztlich daran zerbrochen sind. Das Leben nach der Befreiung ist für die traumatisierte Marceline äusserst schwierig. Es ist eine unmögliche Heimkehr. Sie kehrt in eine Welt zurück, zu der sie nicht mehr gehört. „Man kehrt nie aus Auschwitz zurück, weil Auschwitz im Kopf immer weiterexistiert“, meint sie in einem Interview. Gerne hätte sie damals ihr Leben gegen das ihres Vaters gegeben.

Robert Schleip: Faszien-Fitness - vital, elastisch, dynamisch in Alltag und Sport

Lange Zeit wurden die Faszien wenig beachtet, obschon Mediziner, Trainer und Physiotherapeuten um ihre Existenz und ihre Funktionen wussten. Die Faszien sind das Bindegewebe, das unseren ganzen Körper durchzieht, alle Organe umhüllt und uns Form und Struktur gibt. Ohne Faszien könnten wir uns nicht bewegen, denn jeder einzelne Muskel, die einzelnen Faserbündel und sogar jede einzelne Faser sind von dünnen Faszienschichten umhüllt und ermöglichen, dass die Muskeln reibungslos arbeiten können.

Durch die Allgegenwart des Bindegewebes, sind die Faszien unentbehrlichen für den gesamten Zellstoffwechsel im Körper, für die innere Wahrnehmung von Bewegung und Organaktivität sowie für die Weiterleitung von vielen Signalen. Wer in Alltag und Sport beweglich, vital und schmerzfrei bleiben will, sollte etwas für sein Bindegewebe tun und erhält in diesem Buch viele Anleitungen und Anregungen.

September-Tipps von Colette Fehlmann

Stefan Klein: Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit

Träume müssen nicht nur Gegenstand tiefenpsychologischer Deutung sein, vielmehr sind sie eine alltägliche Entdeckungsreise, die wir selbstständig unternehmen können. Stefan Klein wirft verständlich und äusserst spannend einen zum Teil neuen Blick auf die Natur der Träume, mit denen wir doch einen grossen Teil unseres Lebens verbringen und in denen wir erleben, was uns wirklich bewegt. Dabei ist die Grenze zwischen wachendem und träumendem Bewusstsein fliessender, als wir gemeinhin annehmen: "Träume zeigen uns, welche Vorstellungen das Gehirn hervorbringt, sobald es vom Dauerfeuer der Sinne verschont bleibt!" Traum und Kreativität beeinflussen einander auch und manch eine Entdeckung ist einem Forscher quasi im Schlaf zugefallen. Aber Träume sind nicht nur nützlich. "Das grösste Geschenk, das uns der Schlaf macht, ist der Traum selbst: seine Schönheit, sein Witz, sein Einfallsreichtum, auch seine Rätselhaftigkeit und Spannung." Davon sind wir nach der Lektüre des Buches restlos überzeugt.

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt

Was für ein reges Sozialleben doch in unseren Wäldern stattfindet! Der studierte Forstwirtschafter führt uns mit Erzählfreude und Witz ein ins Leben der Bäume, indem er diese weitgehend personalisiert. Bäume "wehren" sich gegen Eindringlinge, indem sie umgehend Giftstoffe produzieren, sie "warnen" ihre Artgenossen durch Duftbotschaften oder über das weitverzweigte Wurzelnetzwerk und rufen mit Lockstoffen Fressfeinde ihrer Angreifer "zu Hilfe".
Im "Baumknigge" erzählt Wohlleben, wie ein Baum zu wachsen hat, damit er am besten überlebt, im Kapitel "sozialer Wohnungsbau" von den vielen Wohnformen und Lebensgemeinschaften, die sich im und auf dem Baum etablieren.
Es bleibt uns überlassen, wieweit wir diese Bildhaftigkeit beim Wort nehmen oder als Vergleichsangebot verstehen. Sicher macht es die zugrundeliegenden biologisch-physikalischen Prozesse, die durchgehend auch erklärt werden, viel anschaulicher und verstärkt gleichzeitig unsere persönliche Beziehung zum Lebewesen Baum.

Jütz

Als Bergtonreisen und Alpinbeschallung bezeichnen die drei MusikerInnen aus der Schweiz und aus Tirol ihre Auftritte. Jütz, das sind: Isa Kurz - Stimme Akkordeon, Geige, Hackbrett; Daniel Woodtli - Trompete, Flügelhorn, Hackbrett, Stimme; Philipp Moll - Kontrabass, Stimme. Sie schöpfen aus folkloristischem Liedgut, sie improvisieren, verfremden, bringen verschiedene sprachliche Dialekte ein, erzeugen eigene Klangwelten, aus denen unverhofft ein vertrautes Liedmotiv aufscheint und sei's nur als leise Andeutung. Am berührendsten, wie könnte es anders sein, das Guggisberg-Lied.
Ein melancholisches, berauschendes, verspieltes Klangfest, das uns die Archaik des Alpenraums ins Unterland trägt. Die Tournee der Gruppe führt übrigens von der Kellerjochhütte (A 2237m ü. M.) bis Bergen (NO 5m) mit Zwischenhalt in Zürich (416m).

Juli-Tipps von Karin Wieler

Cyminologie: Phonix

Eine berührende Musik mit persischen, indischen und deutschen Wurzeln! Dem Quartett mit Cymin Samawatie (Iran), Benedikt Jahnel, Ralf Schwarz und Ketan Bhatti (Indien) sowie Gastmusiker Martin Stegner gelingt eine Mischung von Kammermusik und Jazz mit persischer Lyrik, die uns in eine meditative Ruhe versetzt. Cymin Samawaties warme, ausdrucksstarke Stimme ist derart intensiv, dass wir spüren, was sie singt, auch ohne die Worte zu verstehen. Neues und Altes, Dynamik und Ruhe, Melancholie und Hoffnungsfrohes, all dies verstehen die Musiker meisterhaft zu verbinden.

Nemanja Radulovic: Journey East

Der 1985 in Serbien geborene Geiger ist ein Reisender seit seiner Kindheit. Schon mit vierzehn Jahren wurde er ins Pariser Konservatorium aufgenommen, von wo aus er dann in der ganzen Welt spielte. Sein temperamentvolles Spiel lässt einem in einigen Stücken den Atem stocken, in anderen bringt er seine tiefe Verbundenheit zur Heimat und die Trauer um seine vor zwei Jahren gestorbene Mutter bewegend zum Klingen. Die ebenfalls virtuosen Mitmusiker (Les Trilles du Diable, Double Sens unter anderen) machen diese CD zum Ohrenschmaus!

Albert Sánchez Piñol: Der Untergang Barcelonas

Für Liebhaberinnen und Liebhaber historischer Romane! Nach „Im Rausch der Stille“ und „Pandora im Kongo“, die uns gruselige Schauer über den Rücken jagen, legt Sánchez Piñol nun diesen stilistisch völlig anderen Roman vor. Der Erzähler Martì Zuvirìa, unterdessen über neunzig Jahre alt, diktiert seiner lieben, grässlichen Waltraud die vorliegende Geschichte. Er beginnt 1705, als er vierzehnjährig zum berühmten Festungsbauer Vauban nach Frankreich in die Lehre geht, nachdem er wegen sehr schlechten Benehmens aus zwei katalanischen Schulen hinausgeworfen worden war. In politisch höchst unkorrekter Manier spricht er zu den Lesenden, schimpft mit Waltraud, die manchmal lieber nicht schreiben möchte, was er sagt und erzählt über den Spanischen Erbfolgekrieg und die Belagerung Barcelonas 1713-1714. Alle historischen Ereignisse und viele Personen sind schriftlich verbürgt, die fiktiven Passagen und Figuren aber würzen die 700 Seiten des Buches zur besten Unterhaltung! Zeittafel und Personenverzeichnis am Schluss helfen, den Überblick zu bewahren.

Mai-Tipps von Gabi Scherer

Ross Dobson: Grill it! Vegetarisch

Grillen ohne Fleisch? Das geht! Ross Dobson beweist es: Mit 80 farbenfrohen, würzigen und abwechslungsreichen Gerichten, inspiriert von der asiatischen und nahöstlichen Küche, macht er nicht nur Vegetariern und Gemüsefans Lust auf sommerliche Grillfeste.

Der Autor schwenkt Maiskolben in Limetten-Parmesanbutter, serviert Mozzarella mit Honig-Zimt-Chutney und backt sogar Brote auf dem Grillrost. Neu und vielfältig für jeden, der gerne gutes Essen geniesst - ob mit oder ohne Fleisch.

Cornelia Schinharl: Frühling, Sommer, Gemüse! Überraschend neue Rezepte für die Lieblinge der Saison

Nach dem Winter finden wir auf dem Markt endlich wieder junges, frisches Gemüse.

Spargel, Tomaten & Co. zeigen sich in diesem Kochbuch in ganz neuem Licht: Ofentomaten wandern in den Salat, der Spinat reist in den Orient.

Alle Rezepte sind leicht wie der Frühling und aromatisch wie die Luft im Süden.

Margareta Schildt-Landgren: Die neue nordische Küche, 100 Rezepte - einfach, naturnah, authentisch

In diesem Buch lernen wir die moderne skandinavische Kochkunst kennen. Die Rezepte bestechen durch ihre schlichte Eleganz. Sie verbinden traditionelle Zubereitungsarten mit modernen Geschmacksreaktionen und der Rückbesinnung auf natürliche, ökologische Grundprodukte.

In Schweden, Norwegen und Finnland besteht das Jedermannsrecht, das jedem Menschen das Recht einräumt, die Natur und ihre Früchte zu geniessen, ganz gleich, wer den Grund und Boden besitzt.

Für viele Skandinavier ist das Sammeln von Pilzen, Kräutern und Beeren im Wald daher eine selbstverständliche Freizeitbeschäftigung.

Alison Walker: Geschenke aus der Küche. Über 100 Rezepte - süss und pikant

In diesem Kochbuch finden sich klassische Rezepte und Neukreationen. In einer Welt, in der Massenproduziertes die Norm ist, bekommt Selbstgemachtes einen besonderen Stellenwert. Im Buch findet man viele kreative und originelle Verpackungsideen für die süssen oder pikanten Mitbringsel.

März-Tipps von Monika Pieren

Roland Buti: Das Flirren am Horizont

„Das Flirren am Horizont“, ein existentielles Familiendrama, eine Geschichte vom Ende der traditionellen, kleinbäuerlichen Landwirtschaft wurde 2013 für den Prix Medicis nominiert und im 2014 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Die Sprache von Roland Buti ist sinnlich und ausdrucksstark.

Der 13-jährige Gus verbringt seine Tage auf dem abgelegenen Hof seiner Eltern mit Lesen, Herumstreifen und Mitanpacken. In der katastrophalen Hitze des Sommers 1976 gerät diese Welt aus den Fugen. Die Dürre verlangt Menschen, Tieren und Pflanzen das Äusserste ab. Alle kämpfen sie ums Überleben. Der Hofhund Sheriff bricht unter der Hitze regelmässig zusammen und kann nur mit dem Wasser aus der Giesskanne besprüht, wieder zum Leben erweckt werden. Die Zuchthennen in der neu angelegten Geflügelhalle sterben zu Hunderten. Unter diesen extremen Belastungen gerät auch das Familiengefüge ins Wanken.

Dreissig Jahre später kehrt Auguste zurück. Er erinnert sich und versucht zu verstehen, wie im Laufe jenes Sommers die Welt seiner Kindheit so abrupt zu Ende gehen konnte. Vor allem jedoch sucht er noch einmal die Begegnung mit seinem alten Vater.

Es ist zu hoffen, dass noch weitere Romane dieses viel versprechenden Autors aus der Romandie ins Deutsche übersetzt werden.

Ricarda Huch: Der Fall Deruga

Ricarda Huch hat den Kriminalroman „Der Fall Deruga“ vor beinahe 100 Jahren geschrieben und wohl zu diesem Anlass ist er wieder neu aufgelegt worden.

Ricarda Huch war eine faszinierende, schillernde Persönlichkeit, deren Lebensgeschichte heute auf fast noch grösseres Interesse stösst, als ihre Werke. Sie war eine Protestantin, eine Vorreiterin in mancherlei Beziehung. Erstaunlich auch ihre Haltung dazumal zu einem heute topaktuellen Thema.

Nach der Exhumierung wird festgestellt, dass Mingo Schwieter mit Curare vergiftet wurde. Nun muss sich Dr. Deruga, ein in Prag lebender Arzt, der Anklage des Mordes an seiner geschiedenen Frau stellen.

Allmählich werden die Charakterzüge des Protagonisten herausgearbeitet. Die Sicht der Zeugen auf den Arzt fällt sehr unterschiedlich aus. Ganz offensichtlich jedoch hätte der so gut wie mittelose, seine Praxis vernachlässigende, Gesellschaftsregeln missachtende Arzt ein Mordmotiv gehabt, wurde er doch zum Alleinerbe eines bedeutenden Vermögens eingesetzt.

Wer es mag, sich anhand eines Verhandlungsprotokolls, der Lösung eines Kriminalfalles zu nähern, wird mit diesem Buch bestens bedient. „Der Fall Deruga“ wird heute auch als Gesellschaftsroman der damaligen Zeit gesehen.

Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers

Weltberühmt wurde die Autorin durch die ersten zwei Bände ihrer Tudor-Trilogie. Von der Grossmeisterin des üppigen historischen Romans, erscheint 2014 erstmals ein Erzählband. Alle Geschichten werden aus weiblicher Perspektive erzählt. Autobiografische Erlebnisse und Erfahrungen sind eingeflossen. Die Autorin hat einen analytischen, manchmal etwas zynischen Blick auf ihre Figuren.

Bei der Erzählung über eine Autorenlesung, im Ton selbstironisch und leicht spöttisch, wird weder die Protagonistin noch ihr Publikum geschont. An anderer Stelle breitet Frau Mantel auf nur fünf Seiten „die ganze Landschaft einer Ehe“ aus. In der Titelgeschichte erwarten zwei Menschen, eine Schusswaffe im Anschlag, die Entlassung der ehemaligen Premierministerin aus einem Krankenhaus. Hier begegnen wir der einzigen historischen Figur in diesem Buch. Doch wir Leser wissen, Margaret Thatcher ist eines natürlichen Todes gestorben. „Erfahrungen an den Rändern unserer Wahrnehmung“, wie sie es einmal selbst bezeichnete, interessieren die Schriftstellerin. Dass in den Geschichten Vieles offen bleibt, finde ich besonders reizvoll.

Januar-Tipps von Barbara Schläfli

Pascal Gut: Zürcher Finsternis

Der Autor Pascal Gut, in Arth Goldau aufgewachsen, legt hier einen Kriminalroman vor, der eher als Psychothriller gehandelt werden müsste und nichts für zimperliche Gemüter ist!

Mario Presko, Kommissar und Hauptfigur in diesem packenden Thriller, ist zwar sehr erfolgreich in seinem Beruf, privat führt er jedoch ein Doppelleben. Obwohl er seine Frau und seine Tocher über alles liebt, erkauft er sich Liebe von anderen Personen. Seine heile Familienwelt bricht zusammen, als er sich gezwungen sieht, sein Geheimnis offen zu legen. In dieser Situation kommt ihm ein ungelöster Fall gerade recht. Ein junger Mann behauptet nämlich, er habe die als vermisst geltende Tamara Stein entführt. Mario Presko stürzt sich in die Arbeit und liefert sich, sein Team und die Mutter von Tamara geradewegs in die Hände eines Psychopathen und kaltblütigen Killers. Es steckt weit mehr hinter dieser grausamen Geschichte, als sie ahnen können und der junge Mann treibt ein niederträchtiges Spiel mit allen Menschen, denen er begegnet.

Ungeahnte Wendungen in diesem meisterhaft geschriebenen Thriller fesseln den Leser bis zum bitteren Ende.

Ralf Westhoff: Wir sind die Neuen (DVD)

Anne, Eddi und Johannes gründen eine Wohngemeinschaft. Das ist zwar nicht ungewöhnlich, eher speziell daran ist die Tatsache, dass die Bewohner alle im Alter von 60+ sind und nun ihre längst vergangene Studentenzeit wieder aufleben lassen. Nicht selten machen sie die Nacht zum Tage, sitzen bis spät in der Nacht in der Küche, trinken Wein und philosophieren über Gott und die Welt.

Doch das muntere Seniorentrio hat die Rechnung ohne die benachbarte Jung-WG gemacht. Katharina, überforderte Jura-Studentin, Barbara, schlagfertige, aber unfertige Kunststudierende, und Thorsten, Pedant und neurotischer Jurastudent, machen Rabatz gegen die Neuen und gehen auf Distanz. Aber hinter der arroganten Fassade verbergen sich Sorgen und Unsicherheiten. Klar, die Fassaden bröckeln, auch bei den Alten, die statt Retro-Idylle mit der Wirklichkeit konfrontiert werden. Anne will aufgeben. Aber dann machen die Jungen schlapp und bitten um Hilfe. Die Alten zögern zuerst, kommen dann aber in Fahrt...

„Wir sind die Neuen“ ist eine erfrischende Generationskomödie, die ebenso turbulent wie feinsinnig den Zwist zwischen zwei unterschiedlichen Altersgruppen beschreibt.

Richard Byrne: Hilfe, dieses Buch hat meinen Hund gefressen! (Bilderbuch)

Bella geht mit ihrem Hund spazieren und plötzlich ist er spurlos verschwunden. Was ist geschehen? Kann es etwa sein, dass das Buch den Hund gefressen hat?!
Zum Glück kommt Hilfe angebraust, ein Hunderettungsdienst, die Feuerwehr und sogar die Polizei doch alle ereilt dasselbe Schicksal. Da können nur noch die Leser helfen und durch beherztes Schütteln des ungezogenen Buchs dafür sorgen, dass die Geschichte weitergeht. Schliesslich plumpsen die Verschlungenen wieder heraus und alles kann seinen gewohnten Gang weitergehen. Obwohl alles? Was Bücher so alles können!

Ein in jeder Hinsicht freches Bilderbuch mit grossem Spassfaktor, das sowohl spielfreudigen Kindern als auch büchernärrischen Erwachsenen eine Menge Spass bereitet.

November-Tipps von Colette Fehlmann

Helga M. Novak: Im Schwanenhals

In diesem November sind es 25 Jahre seit dem Fall der Berliner Mauer. Als die 1935 geborene Lyrikerin und Erzählerin Helga M. Novak 1979 und 1982 die ersten beiden Teile ihrer Autobiographie herausgab, war sie bereits seit über 10 Jahren ausgebürgert aus der DDR - mit einem immerwährenden Einreiseverbot in ihre Heimat... Nun, 30 Jahre später, die Fortsetzung. Und das beginnt so: Fast hätte ich die Wahrheit gesagt und durch ein einziges Wort meinen Studienplatz verloren. Auch so prallen schon sehr bald der realsozialistische Überwachungsstaat und der ungestüme, unbeugsame Charakter von Novak hart aufeinander! Sie wird exmatrikuliert, haut mit ihrem isländischen Freund nach Island ab, wo sie sich mit Arbeit in Fischfabriken durchschlägt.
1965 macht sie nochmals einen Versuch in der DDR Fuss zu fassen und schreibt sich am Literaturinstitut Johannes R. Becher ein. Nach einem euphorischen Anfang, wo sie sogleich zum oppositionellen Kreis um Havemann, Biermann, Sarah Kirsch gehört, dauert es nicht lange, bis sie definitiv exmatrikuliert und ausgebürgert wird. Erneut vagabundiert sie durch Europa. Sie stirbt am 24. Dez. 2013 in Berlin. Keines ihrer Werke war je in der DDR erschienen.
"Sie ist die zärtlich-schroffste Dichterin" schreibt Wolf Biermann. Das gilt genauso für ihre eindringliche Lebenserzählung.

Aleksander Hemon: Das Buch meiner Leben

Der bosnisch-amerikanische Romanautor nähert sich und uns in seinen autobiographischen Erzählungen den Verwerfungen an, die ein irrwitziger Bürgerkrieg in den Lebensgeschichten von Menschen anrichtet. Er erzählt von einer glücklichen Kindheit im multikulturellen Sarajewo, von anarchistisch-phantastischen Aktionen später mit seinen Studienfreunden, womit sie die öffentliche Empörung inklusive Staatssicherheit auf den Plan rufen. Noch 1991, als die Kriegsmeldungen sich häufen, versuchen sie auf der Kulturredaktion neben kritischen Berichten über die zunehmenden Aggressionen "in hedonistischer Verdrängung", mit "Partys, Sex und Drogen" hartnäckig an "vermeintlicher Normalität" festzuhalten. Bis die Freunde eingezogen werden und gebrochen zurückkehren und Hemon ab 1992 von Chicago aus die grauenvollen Fernsehbilder aus dem belagerten Sarajewo verfolgen muss.
Neben der Reflexion seiner eigenen Erfahrungen ist Hemon hellhörig für die Schicksale anderer Menschen, von denen er mit grosser Einfühlung erzählt. Dabei schreibt er in einer knappen Sprache, gespickt mit Witz und Selbstironie, wo der Schmerz aber jäh einbricht.
Seiner persönlichsten Tragödie ist der letzte Text gewidmet, der vom Sterben seiner kleinen Tochter und noch einmal von einer Ohnmacht, der Ohnmacht der Eltern erzählt, die ihr Kind gehen lassen müssen. Wir haben eine weite Reise in den Lebensgenuss und die Abgründe des Lebens gemacht, wenn wir dieses Buch beiseitelegen.

Florian Illies: 1913 - Der Sommer des Jahrhunderts

Reines Vergnügen und ungläubiges Staunen begleiten vom ersten Moment an das Hören von 1913. Illies montiert Personen und Ereignisse aus Kunst, Musik, Literatur und Politik aus diesem einen Jahr. "Berlin, Paris, München, Wien. Das waren die vier Frontstädte der Moderne 1913". Aus Prag schreibt Kafka seine gequält-schönen Liebesbriefe an Felice Bauer - "Kann man mehr vor sich selbst warnen als es Kafka in diesen Briefen tat?" . Die Dichterin Else Lasker-Schüler bekommt eine Postkarte von Freund Franz Marc, darauf auf winzigem Raum "die ersten blauen Pferde des Blauen Reiters". Wiederholt besuchen wir Sigmund Freud in der Berggasse 9 in Wien. Stalin und Hitler, aber auch der junge Josip Broz, später Tito, halten sich für einen kurzen Moment gleichzeitig dort auf.
Es ist ein überbordendes Jahr am Vorabend von zwei Weltkriegen, und die Fülle könnte einen erschlagen, würden wir den gleichen Personen nicht immer wieder begegnen. Deshalb eignet sich 1913 als Hörbuch ganz besonders, ist diese Kulturgeschichte in Geschichten doch wie gemacht, um mündlich erzählt bzw. vorgelesen zu werden.

September-Tipps von Irene Scheurer

Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling

Schauplatz von Gertrud Leuteneggers neustem Roman ist London im Frühling 2010, als der isländische Vulkan Eyjafjallajökull den Flugverkehr lahmlegte und eine bedrohliche Stimmung verbreitete.

Die Erzählerin trifft einen jungen irischen Zeitungsverkäufer, dessen Gesicht zur Hälfte mit Feuermalen gezeichnet ist. Durch das gegenseitige Erzählen von Geschichten gelingt es beiden, näher zueinander und zu sich selbst zu finden. Kindheitserinnerungen und Fragmente ihrer Lebensgeschichten tauchen auf. Bei vielen dieser Geschichten oder Stadtbeschreibungen liegen Schönheit und Schrecken nah beieinander. Es ist ein stilles Buch, in dem es der Autorin gelingt, das Ambivalente der Welt – ihre Schönheit und ihre Schrecken – in ein Bild zu bringen.

Linus Reichlin: Das Leuchten in der Ferne

Moritz Martens, ein 43-jähriger Kriegsjournalist, ist arbeitslos und steht an einem Wendepunkt in seinem Leben. Aber "er will nicht sterben, als einer, der sich nicht erkannt hat" und so lässt er sich auf ein Abenteuer mit Miriam ein. Sie berichtet ihm von einer sogenannten "Bacha Posh", einem afganischen Mädchen, das als Junge verkleidet bei den Taliban kämpft und bisher unerkannt geblieben ist. Martens erkennt darin den Stoff für eine erstklassige Reportage und beschliesst einen interessierten Zeitungsverlag zu finden und vor Ort zu recherchieren. Er begibt sich zusammen mit Miriam als Fotografin nach Badakhshan, der nordöstlichen Provinz Afghanistan. Doch schon bald stellt sich heraus, dass Miriam gar keine Fotografin ist und andere Gründe hat, nach Afganistan zu reisen. Für Martens beginnt eine intensive, entbehrungsreiche und prägende Zeit in den afganischen Bergen.

Detlef Bluhm (Hrsg.): Bücherdämmerung. Über die Zukunft der Buchkultur

Die Buchbranche befindet sich zurzeit in einer grossen Umbruchphase. Der technologische Wandel ist rasant. Im US-amerikanischen Markt liegt der Anteil elektronischer Bücher bei 25 Prozent des Gesamtmarktes. Steht uns eine digitale Revolution bevor? Wird das Buch seine Rolle als Leitmedium verlieren?

Klar ist, dass die Digitalisierung einschneidende Veränderungen für die Verlagsbranche und den gesamten Buchmarkt – und nicht zuletzt für Bibliotheken – mit sich bringen wird.

Neun Autorinnen und Autoren haben sich im Buch „Bücherdämmerung“ mit den neuen Medien und Kommunikationsstrukturen auseinandergesetzt und sich Gedanken über die Zukunft der Buchkultur gemacht und sich gefragt, ob wir am Vorabend eines neuen Morgens stehen.

Juli-Tipps von Karin Wieler

Klaus Modick: Klack

1961: Der Erzähler, damals 14-jährig, gewinnt einen Fotoapparat Agfa Clack am Ostermarkt.

Heute: Der Erzähler muss den Estrich räumen, findet die Fotos von damals, Erinnerungen steigen auf…

Wir erinnern uns mit dem Erzähler an diese Zeit: Angst vor dem Kalten Krieg, Fremdenhass (damals gegen die Italiener), verlogene Miefigkeit im Städtchen, Verklemmtheit in der Familie (wunderbar beschrieben zum Beispiel die Mutter, die jegliche „heissen“ Themen mit „Pst, Tagesschau“ und ähnlichem abklemmt!), erste Liebe mit allem Drum und Dran. Lustig und traurig und beklemmend und erst 50 Jahre her – der 1951 geborene Klaus Modick bietet uns genaue Bilder dieser Zeit.

Michael Wollny Trio: Weltentraum (CD Jazz)

Der junge Pianist Michael Wollny mit Tim Lefebvre am Bass und Eric Schaefer am Schlagzeug legen uns eine wunderbar poetische CD vor. Eigenwillige Interpretationen von Stücken von Paul Hindemith (1895-1963), Wolfgang Rihm (*1952) oder auch Guillaume de Machaut (Komponist und Dichter des 14. Jahrhunderts) oder Friedrich Nietzsche (1844-1900) lassen aufhorchen, ebenso wie die Eigenkompositionen. Gehen Sie auf Spurensuche für die originale Musik – oder geniessen Sie die Stücke so wie das Michael Wollny Trio sie uns präsentieren!

Alina Bronsky: Nenn mich einfach Superheld

Marek findet sich eines Tages in einer Selbsthilfegruppe für Versehrte in der Meinung, es sei eine Privatgruppe für ein externes Abitur. Sein Gesicht ist durch den Biss eines Rottweilers aufs Schlimmste entstellt. Seine Mutter steckt ihm die Adresse zu – selber überfordert mit der Situation ihres Sohnes. Marek bleibt nach einem ersten Impuls wegzulaufen in der Gruppe, zusammen mit fünf jungen Menschen mit unterschiedlichsten Handycaps.

 

Lachen, Weinen und alles, was dazwischen liegt: Die Lektüre dieses Romans mit Marek als Erzähler beschert uns ein Wechselbad der Gefühle. Alina Bronsky schafft es einmal mehr, mit einiger Boshaftigkeit zu beschreiben, was in den Jungen vorgeht, ihre Sehnsüchte, ihre Fort- und auch Rückschritte, ihre Stolpersteine in Gestalt von gutmeinenden Mitmenschen. Marek kämpft sich mit viel Zynismus und einem ziemlichen Quantum an Respektlosigkeit allem und allen gegenüber durchs Leben. Dieses birgt aber auch für ihn zarte Momente.

Janne Teller: Alles worum es geht (Jugend 13-16: Besondere Schicksale)

Es gibt Bücher, von denen wir jeweils nicht auf Anhieb wissen, für welche Alterskategorie sie bestimmt sind. Janne Tellers Werke gehören dazu (auch: „Nichts. Was im Leben wichtig ist“). Es sind Episoden aus dem Leben junger Menschen, die durch einen eigentlichen Zufall gewalttätig geworden sind, sei es durch unbedachte Äusserungen, sei es durch impulsives oder einfach ungeschicktes Verhalten anderer oder auch durch ihre bisherige Lebensgeschichte. Bewegende Kurzporträts, ohne Wertungen, ohne Antworten, ohne Rezepte oder Lösungsvorschläge. Nachvollziehbar und aufschreckend für junge wie auch erwachsene Lesende.

Der Text „Alles – was ich erzählen kann“ am Schluss des Buches ist schwierig einzuordnen, da wäre ein klärendes Gespräch für die jugendlichen Lesenden sicher hilfreich.

Nachdem Janne Tellers erstes Buch „Nichts“ in Dänemark zuerst verboten war, erhielt die Autorin namhafte Preise dafür. Nicht nur deshalb ist „Alles“ ebenso lesens- und bedenkenswert.

Mai-Tipps von Gabi Scherer

Alain de Botton: Religion für Atheisten

Was können wir von den Religionen lernen? Die Religionen haben einen Reichtum an Dingen zu bieten, die uns helfen, das Leben einfacher und sinnvoller zu gestalten:

Eine Ethik, damit Gemeinschaften friedlich miteinander und nebeneinander leben. Religionen können uns helfen, bei Tod, Schmerz und Leiden Trost zu finden.

Die Religionen haben nicht nur Doktrinen erschaffen, sie gaben Kunst, Architektur und Musik eine Bedeutung, die uns zum Staunen bringt: Die meisten von uns lieben Kathedralen oder die Musik von Bach.

Lorenz Marti: Eine Hand voll Sternenstaub - Was das Universum über das Glück des Daseins erzählt

Leicht und spielerisch verbindet Lorenz Marti wissenschaftliche Erkenntnisse mit philosophisch-poetischen Weisheiten. Beim Lesen dieses Buches wird man für die rätselhaften und wunderbaren Seiten unserer Welt sensibilisiert.

Der Blick zu den Sternen hilft uns, den eigenen Ort hier auf der Erde neu zu bestimmen und schätzen zu lernen. Das eigene Ich wird Teil einer grösseren Wirklichkeit, es öffnen sich neue Horizonte. Lorenz Marti gelingt der spannende Brückenschlag zwischen Naturwissenschaft, Lebenskunst und Spiritualität.

Peter Gross: Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?

In den letzten zwei Jahrhunderten hat sich unsere Lebenserwartung verdoppelt. Was hat dieses lange Leben für einen Sinn in einer Gesellschaft, die das Starke, Schnelle und den permanenten Stress propagiert? Peter Gross stellt das herrschende Altersbild auf den Kopf.

Alter mässigt eine heiss laufende Gesellschaft. Im Alter findet sich auch Zeit, mit der Welt, den Mitmenschen und sich selber ins Reine zu kommen. Die Kinder von heute profitieren inmitten der vielen Generationen von dem reichen Schatz an Erfahrungen der älteren Generation.

März-Tipps von Monika Pieren

Peter Bieri: Eine Art zu leben - Über die Vielfalt menschlicher Würde

Die Würde ist des Menschen höchstes Gut. Würde ist ein unantastbares Menschenrecht. Doch was ist Würde, woher kommt sie, was verlangt sie? Der Philosoph Peter Bieri sucht die Antwort als Beobachter, in Beispielen aus unserem Alltagsleben und auch aus der Literatur. Würde als solches gibt es nicht. Würde erfahren, zerstören oder fördern wir in der Begegnung mit uns selbst und mit den anderen.

Das anschauliche, einfühlsame Vorgehen des Autors führt die Lesenden an die verschiedenen Formen menschlicher Würde heran. Er weckt damit eine neue Achtsamkeit für das Zusammenleben, öffnet uns die Augen für eine (neue) Art zu leben.

Erich Hackl: Dieses Buch gehört meiner Mutter

„Soweit ich zurückdenken kann, hat meine Mutter von der Welt ihrer Kindheit und Jugend erzählt... Ich bin nun, nach ihrem Tod, darangegangen, mich der früheren Welt zu versichern, sie mit ihrem Blick und in ihren Worten wahrzunehmen..."

Unmittelbar, ohne zu deuten, offen - nicht auf ein Ende oder gar eine Moral hin - erzählt der Autor aus dem Leben einer Bauerntochter; geboren und aufgewachsen in den 1920ern in einem kleinen Weiler Oberösterreichs. Die Abgeschiedenheit verschont die Menschen nicht vor den Auswirkungen von Krieg und Besatzung.

Mit seinen rhythmisierten Sätzen arbeitet Erich Hackl die Geschichten, Anekdoten und Erinnerungsbruchstücke in einer ganz besonderen, „kondensierenden" Stilform aus.

Erich Hackl ist ein grosser Chronist.

Katja Reider: Trüffel und Rosalie - Eine Geschichte von der Liebe

Rosalie, das Ferkel, und Trüffel, der Frischling treffen sich zufällig unter einem Apfelbaum - und es ist um sie geschehen. Ihre jeweiligen Freunde jedoch haben jede Menge Einwände. Liebe auf den ersten Blick, das gibt es nicht. Für die Liebe, für die Suche nach der/dem Richtigen muss man erst mal das Beste aus seinem Typ machen: Rosalie erhält eine neue Frisur, ein neues Outfit, Trüffel trainiert mit Hanteln, jongliert mit Aktien und frisiert seinen Flitzer - mit dem Resultat, dass sich die beiden nicht wiedererkennen. In ihrem Kummer suchen sie ihren Lieblingsort auf. Und siehe da, unter dem Apfelbaum sind sie nicht allein, unter dem Apfelbaum ist noch ein Schwein.

Katja Reider: Trüffel und Rosalie im Glück

Katja Reider erzählt liebevoll von den beiden Schweinen, die sich trauen, einander das Herz zu schenken. Mit sicherem, schwungvollem Strich illustriert Jutta Brücker die Geschichte. Ein Kleinod aus der Cartoon-Abteilung mit dem Charme eines Bilderbuches. Wer möchte da nicht sein Herz an die Schweinchen verlieren!

In „Trüffel und Rosalie im Glück" findet diese Liebe ihre Fortsetzung.

Januar-Tipps von Ulla Schiesser

Lisa Elsässer: Feuer ist eine seltsame Sache. Erzählungen

Man kennt sie immer noch etwas zu wenig, diese wunderbare Erzählerin und Lyrikerin aus dem Schächental. Darum habe ich mich entschieden, an dieser Stelle auch ihren zweiten Band mit Erzählungen zu empfehlen. Jede einzelne Geschichte ist ein kleines Universum, jede hat ihren eigenen Sound. Sie klingen wie kratzige, traurige Dylan-Songs, sind streng wie Kantaten von Bach oder warm-verträumt  wie alte Liebeslieder. Trotzdem bilden sie ein Ganzes. Es spannt sich ein Bogen von der ersten bis zur letzten Geschichte. Sie erzählen vom Lieben und Sterben, von Kindheiten und vom Elternsein, von all den gewöhnlichen, menschlichen Dingen, die wir kennen und die trotzdem, wenn ein bestimmtes Licht auf sie fällt, einen ganz besonderen Glanz bekommen.

Ob Lisa Elsässer Landschaften beschreibt oder Figuren; Schatten und Geheimnis begleiten Schönheit und Lachen.

Mein Favorit im Band ist die Geschichte von Herrmann, dem Heranwachsenden, der sich tagsüber lautstark und wild seinem Namen nähert, die Schule und die Gemeinheiten des Lebens verflucht und abends wieder Unterschlupf sucht in den Armen und Zärtlichkeiten der zuständigen Erwachsenen. Wer je einen Jungen durch Pubertät und Schule hat gehen sehen, grossmäulig und gleichzeitig verzagt, und die wilde Mischung aus elterlichen Stossgebeten und Zuversicht kennt, wird sich wiedererkennen und rühren lassen.

Ich mag Lisa Elsässers genauen Blick auf die Menschen und ihr Tun und ihre verblüffenden  Sprachbilder. Ironisch ist sie oft, auch gegen sich selbst, daneben von tiefer Ernsthaftigkeit. Ich freue mich, dass ich ihr am 8. März 2014 anlässlich einer Lesung in unserer Bibliothek begegnen werde.

Werner Lutz: Kussnester. Gedichte

Kennen Sie Werner Lutz? Auch er ist ein Schweizer Dichter, Grafiker und Maler. Auch für ihn möchte ich hier eine Lanze brechen, weil ich finde, man müsste ihn unbedingt lesen. Seinen ersten Gedichtband „Ich brauche dieses Leben" habe ich mir als junge Frau während der Buchhändlerlehre gekauft, seither ist er humorvoller, sprachgewaltiger, melancholischer Begleiter auf meinem Leseweg.

Erschienen im Waldgut Verlag,  in einer wunderschönen Werkausgabe, ist jeder Band eine Anschaffung wert. Natürlich sollten Sie diese zuerst in der Bibliothek ausleihen und dann kommt der Wunsch sie zu besitzen wie von selbst.

Gedichte von Werner Lutz schreibe ich auf Zettel für die Manteltasche, in ein altmodisches Wachstuchheft oder auf die Magnetwand in der Küche.

Seien Sie auf der Hut, vor allem vor den kleinen, anarchistischen Vierzeilern;  die bewohnen nach der Lektüre noch wochenlang das Gemüt.

Zum Jahreswechsel etwa, war es denn ein fröhlicher Vierzeiler:

Etwas brummt
im Gewebe meines Mantels
etwas kichert
in den Maschen meiner Jahre

Ich empfehle Ihnen übrigens sehr, einen Blick auf die Homepage des Waldgut Verlags zu werfen und Sie werden sehen, dass immer noch mit Leidenschaft schöne Bücher gemacht werden!

Dezember-Tipps von Barbara Schläfli

Arturo Pérez-Reverte: Dreimal im Leben

1928 begegnen sie sich das erste Mal, Max Costa und Mecha Inzunza. Max, ein charmanter und gut aussehender Mann, verdient seinen Lebensunterhalt als Eintänzer auf einem Ozeandampfer und lernt dabei die junge und sehr attraktive Mecha kennen, die Frau eines berühmten spanischen Komponisten.

Der Ozeandampfer bringt sie nach Buenos Aires. Max führt das Paar in seiner Geburtsstadt in zwielichtige Tangobars, da der Komponist dem ursprünglichen Tango auf die Spur kommen will. Dort geraten die Dinge ausser Kontrolle. Max und Mecha trennen sich in Buenos Aires und sehen sich erst viele Jahre später zufällig in Nizza wieder.

Während Mecha sich um ihren Mann sorgt, der in Spanien im Gefängnis sitzt, wird Max von italienischen Spionen genötigt, drei äusserst wichtige Briefe mit politischem Inhalt aus dem Safe einer Villa zu stehlen. Sein zweifelhaftes Image als Gentleman und sein Leben stehen auf dem Spiel. Seinen mondänen Lebensstil hat er sich in den letzten Jahren mit dem Geld fremder Leute gesichert, das er sich mit Betrügereien und Diebstählen verschafft hat. In Nizza trennen sich die Wege von Max und Mecha erneut. Fast dreissig Jahre später treffen sie sich wieder in Italien. Mecha konfrontiert Max mit einer für ihn unglaublichen Tatsache. Zum letzten Mal begeht er einen Diebstahl, eigentlich nur um sich selbst zu beweisen, dass er dazu noch imstande ist. Der Diebstahl gelingt zwar, aber der Preis dafür ist hoch. Max  verabschiedet sich erneut...

Arturo Pérez-Reverte erzählt uns in seinem Roman eine Geschichte über Liebe und Sehnsucht, Spionage und Schicksalsschläge im Leben. Ein wunderschöner Roman, fesselnd, spannend und ergreifend bis zum Schluss.

Ich - einfach unverbesserlich 2 (DVD-Familie)

Im zweiten Film hat der Superschurke Gru mit seiner kriminellen Vergangenheit abgeschlossen und kümmert sich nun hauptsächlich um seine drei Adoptivtöchter. Ausser der Organisation von Kindergeburtstagen und dem Abwimmeln von unliebsamen Verehrern seiner Töchter hat er nicht viel zu tun. Als es aber zu mysteriösen Vorfällen kommt, die auf das Konto eines neuen Superschurken gehen könnten, sieht sich Gru wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Zusammen mit der Agentin Lucy versucht er den Vorfällen auf die Spur zu kommen. Natürlich stehen ihm die knallgelben und witzigen Minions treu zur Seite.

Für alle Fans von Gru dem Superschurken und den gelben Minions!

November-Tipps von Karin Wieler

Kamisado: Das Duell der Drachentürme (Standort Spiele rot)

Ein Spiel für 2 Personen ab 8 Jahren, farbenfroh, mit Regeln von einfach bis anspruchsvoll:

Sie sitzen sich gegenüber, jeder hat 8 Drachentürme mit verschiedenfarbigen Schriftzeichen auf dem Dach in der ersten Reihe vor sich. Der Spielplan gleicht dem des Schachs, nur sind die Felder in den gleichen Farben wie die Schriftzeichen auf den Drachentürmen gehalten.

Ziel: Einen Turm auf die Startlinie des Gegenübers zu bringen. Man darf nur vorwärts oder diagonal fahren.

Hauptregel ist, dass A mit der Farbe seines Turms weiterfährt, auf der der Turm von B gelandet ist.

Zum Beispiel: Zieht A seinen Turm auf ein gelbes Feld, muss B mit ihrem gelben Turm weiterziehen. Sie landet auf einem grünen Feld, also muss A mit seinem grünen Turm weitermachen.

Ein unterhaltsames, bei aufmerksamen Zügen kniffliges, aber eigentlich einfaches Spiel, das Sie auch mit Kindern spielen können - die trüben Abende sind sogleich vergnüglich!

 

Vincent Peirani: Thrill Box (CD-Jazz)

Vincent Peirani, geboren 1980 in Nizza, ist ein begnadeter Akkordeonist, der mit Eigenkompositionen und solchen von Brad Meldau sowie Thelonious Monk eine wunderbare CD eingespielt hat.

Nicht nur im ersten Stück hören wir, wie Peirani sein Instrument verfremdet einsetzt - mal subtil im Hintergrund, mal kräftig in Harmonie und Rhythmus mit seinen Mitmusikern.

Abwechselnd von melancholisch bis rassig und flink, sind die Stücke spannend und ein wahrer Genuss!

 

Yoko Ogawa: Schwimmen mit Elefanten

Was für ein versponnenes, phantasievolles Buch! Mit ihrem Sinn für Humor und ihrer Tiefgründigkeit führt uns die japanische Autorin durch das Leben eines namenlosen Jungen. Er kam mit verschlossenen Lippen zur Welt und erhielt, um überleben zu können, Lippen, die aus der Haut seiner Waden geformt wurden. Dieser Umstand hat weitreichende Folgen, die wir mit Schaudern mitverfolgen. Ein sehr schweigsamer Junge aus armer Familie, vergnügt er sich gerne auf dem Dach des örtlichen Kaufhauses mit Erinnerungen an Indira, eine Elefantenkuh, die als Jungtier dort oben präsentiert wurde und nicht mehr weggebracht werden konnte, als sie ausgewachsen war.

Durch traurige Umstände lernt der Junge einen ehemaligen Busfahrer kennen, der in seinem ausrangierten Bus lebt und dem Jungen Schach beibringt. Auch als Nicht-SchachspielerInnen tauchen wir in die Magie, in die Poesie dieses Spiels ein, das die beiden nicht um des Wettstreits, sondern um des Spielgenusses an sich spielen. Der Junge wird ein virtuoser Spieler, erlebt wunderbare Zeiten, meist unter dem Schachtisch mit der Katze Prawn im Schoss sitzend, was sein Meister mit viel Verständnis toleriert. Unter dem Tisch hört, sieht und spürt der Junge nicht nur die Züge seiner Spielpartner, sondern auch deren Gemütszustand.

Lassen Sie sich in diese fremde, skurrile Welt ein, geniessen Sie die reichen Stimmungen zwischen den Zeilen, das behutsam beschriebene Erwachsenwerden des Jungen, der eines Tages beschloss, nicht mehr zu wachsen.

 

Oktober-Tipps von Gabi Scherer

Henning Mankell: Erinnerung an einen schmutzigen Engel

Basierend auf historischen Fakten erzählt dieser Roman die bewegende Geschichte einer Schwedin, die Anfang des 20. Jahrhunderts auf abenteuerliche Weise in den Süden Afrikas gelangt. Die Protagonistin Hanna Renström ist in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen und verlässt ihr Heimatland, um dem Elend zu entfliehen. Als Köchin arbeitet sie auf einem Schiff, das Kurs nimmt nach Australien. Sie verliebt sich in den Steuermann, die beiden heiraten. Als ihr Ehemann an einer tropischen Krankheit stirbt, verlässt Hanna das Schiff frühzeitig und landet in der portugiesischen Kolonie Moçambique. Dort erbt sie ein Vermögen, leitet ein Bordell und verschwindet schliesslich spurlos.

Fabio Geda: Der Sommer am Ende des Jahrhunderts

Sein Debütroman „Im Meer schwimmen Krokodile" machte den in Turin geborenen Fabio Geda schlagartig berühmt. In seinem zweiten Buch erzählt der Autor die Geschichte einer italienischen Familie. Die Hauptfigur ist ein 12-jähriger Junge namens Zeno. Dieser geniesst den Sommer auf Sizilien, treibt allerlei Unfug und geht am liebsten schwimmen oder angeln. Als Zeno den grössten Wolfsbarsch seines Lebens fängt, verändert sich alles, denn an diesem Tag wird bei seinem Vater eine lebensbedrohliche Krankheit diagnostiziert. Zenos Mutter bleibt über Wochen im Krankenhaus bei ihrem Mann. Deshalb muss Zeno den Rest des Sommers bei seinem Grossvater verbringen, den er gar nicht kennt. Das Leben des Grossvaters spiegelt zugleich die Tragödien des ausgehenden Jahrhunderts wieder. Der Autor lässt die Ereignisse der Vergangenheit anhand einer Familiengeschichte Revue passieren. Dabei geht es auf berührende Weise um das starke Band zwischen den Generationen, der Roman ist eine eigentliche Liebeserklärung an das Leben.

September-Tipps von Colette Fehlmann

Nina Pauer: Wir haben keine Angst. Gruppentherapie einer Generation

Schon der Prolog ist ein grosses Vergnügen. Die 1982 geborene Nina Pauer beschreibt darin das Heranwachsen ihrer Generation parallel zu den globalen Bedrohungen der  80er-Jahren bis heute. Die satirische Zuspitzung  macht nachvollziehbar, dass die Angstattacken der Eltern und die medialen Katastrophenmeldungen, die sich in irrsinnigem Tempo ablösen, diese Kinder zunächst mal immunisiert haben.
Eigentlich. In Wahrheit lauern da aber diverse existenzielle  Angstmacher, nur vertragen sich die nicht mit dem Coolness-Gebot der Stunde. Zusammen mit ihren beiden Protagonisten Anna, der jungen Power-Frau, und Bastian, dem liebenswürdigen Chaoten,  führt sie uns in fünf Kapiteln durch fünf exemplarische Angstmacher.  Einer davon ist der so zeittypische "Markt der unendlichen Möglichkeiten" und "was mit diesem grossen, gemischten Optionensalat nun anzufangen war". Der generiert nämlich unvermeidbar Verpassensängste: Wäre, hätte, würde ich nicht doch besser dies oder das? "Diese fiesen Sirenen des Konjunktivs" nennt sie Nina Pauer. "Wir hören ihnen gerne zu. Aber trotzdem sind sie es, die uns ständig alles vermiesen."
Das ist witzig und fordert die Selbstreflexion heraus. Was wünschen wir uns mehr von einem guten Buch!

Tony Judt: Das Chalet der Erinnerungen

Mit grosser Leichtigkeit, Humor und scharfem Verstand ist die Autobiografie des englisch-amerikanische Historikers und Kenners der europäischen Nachkriegsgeschichte, Tony Judt, geschrieben. Selber notieren konnte sie der 2008 an einer tödlichen Muskelkrankheit Erkrankte nicht - nur diktieren, was er in schlaflosen Nächten, "allein in meinem Körpergefängnis", erinnert hat. Dabei kam ihm eine sehr konkrete Kindheitserinnerung an ein Chalet in den Schweizer Bergen zu Hilfe, in dessen Räumlichkeiten er seine Erinnerungen organisieren und ablegen konnte.

Tony Judt wurde 1948 im London der Nachkriegszeit als Kind nichtreligiöser jüdischer Eltern mit osteuropäischen Wurzeln geboren. Da herrschte noch jahrelang Rationierung und im Elternhaus wurde nächtelang über Marxismus, Zionismus, Sozialismus diskutiert. "Für mich hiess Erwachsensein: miteinander reden. Das denke ich noch heute." Herrlich, wie anschaulich er seine Zeit als zunächst begeisterter (doch schon bald desillusionierter) Kibbuzim in Israel und später die 68er-Jahre in London, Paris und Frankfurt beschreibt und einer (selbst-)kritischen Analyse unterzieht. Seine Erfahrungen machen ihn immun gegen alle Spielarten von -ismen und sonstigen intellektuellen Modeströmungen. Dagegen bleibt er ein grosser Unangepasster, der beharrlich für soziale Gerechtigkeit, Humanität und gegen Ausgrenzungen Stellung nimmt. Ein sehr persönliches und gleichzeitig politisch wichtiges Vermächtnis, das er uns nach seinem Tod 2010 hinterlassen hat.

Dirk Kurbjuweit: Zweier ohne

In der Nacht, als das Mädchen vom Himmel fiel, wurde Ludwig mein Freund. Ein Buch, das mit einem solchen Satz beginnt, hat einen schon gefangen. Der Abschied von der Kindheit, eine symbiotische Freundschaft, die ersten sexuellen Erfahrungen und die Katastrophe, das alles ist darin ganz verknappt schon enthalten.

Die Freundschaft zwischen Ludwig und Johann wird auf der Brücke besiegelt, von der immer wieder Menschen in den Tod springen und vor das Haus von Ludwigs Eltern fallen. Über Ludwig wird Johann vertraut mit dem Tod und frei von der Welt der besorgten Eltern, mit ihm teilt er die kaum zu ertragenden raschen Wechsel zwischen "grössten Zweifeln" und "den grössten Hoffnungen". Als  Zweier ohne (Steuermann) im Ruderwettkampf  fast unschlagbar, müssen sie ihre Übereinstimmung immer weiter treiben. Doch das kann nicht von Dauer sein.

Dirk Kurbjuweit hat in seiner frühen Novelle in selten schöner, packender Sprache die Krisenerfahrungen der Adoleszenz eingefangen, die auch beim Wiederlesen nichts von ihrer Intensität verloren hat.