Archiv Tipp

September-Tipps von Rahel Buchter

Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt

Wie unvermittelt und einschneidend sich das Leben doch verändern kann… Während der Renovationsarbeiten ihrer ersten gemeinsamen Wohnung fällt Ulrike Edschmids Lebensgefährte von einer Leiter und ist seither querschnittgelähmt. Die Geschichte beginnt im Jahr 1986 in Berlin-Charlottenburg. Sie wird in knappem, verdichtetem Stil erzählt, und geht einem beim Lesen wohl gerade darum so unter die Haut, weil sie ohne jegliche Sentimentalitäten auskommt. Wir fiebern mit dem Protagonisten mit, wenn er seine ersten schmerzhaften Schritte tut. Staunen, mit welcher Willenskraft er unter grösster Kraftanstrengung Treppen bewältigt, nach diversen Stürzen immer wieder aufsteht und weitergeht. Allmählich wächst er in seine Krankheit hinein, wie in eine zweite Haut. ‚Zuweilen erstaune es ihn, schreibt er, dass er bei der erzwungenen Verzögerung seiner Schritte auf eine innere, längst vorhandene Langsamkeit stosse, die er früher hinter einer zum Lebensstil gewordenen Eile habe verschwinden lassen.‘ Währenddessen geht das Weltgeschehen weiter, die Mauer fällt und in der grossen Stadt brodelt es. Ein lebendiges Buch. Und eine grosse Liebesgeschichte.

Graham Swift: Ein Festtag. Novelle

Die Geschichte der Jane Fairchild, Findelkind, Dienstmädchen und schliesslich Schriftstellerin. Eine Begebenheit wird besonders ausführlich erzählt. Sie spielt sich am Muttertag des Jahres 1924 in einem englischen Herrenhaus ab. Die Besitzer sind ausgeflogen und sämtliche Bedienstete wurden für einen Besuch bei ihren Müttern freigestellt. Jane trifft sich mit Paul, dem Sohn des Hauses nach langjährigen heimlichen Treffen zum ersten und letzten Mal in dessen Schlafzimmer, später wird er mit seiner standesgemässen Verlobten zu Mittag essen, welche er in zwei Wochen ehelichen soll… Der Autor versteht es meisterhaft, verschiedene zeitliche Ebenen kunstvoll und elegant miteinander zu verweben. So befinden wir Leser uns zeitweise bei der bald hundertjährigen, schalkhaften Autorin, dann wieder voller Spannung bei der jungen Jane, die nach Pauls Weggang nackt und lustvoll langsam durchs fremde Haus wandelt und dabei ihre Gedanken schweifen lässt, während das Drama unweigerlich seinen Lauf nimmt. Eine wunderbare Frauenfigur - mutig, sinnlich, Abenteuerromane liebend, feinfühlig, klug und ihrer inneren Stimme folgend. Besonders schön: die feinen Beobachtungen und Gedanken über Bedienstete und Herrschaften. Ich habe dieses Buch mit grosser Bewunderung für den Autor und dessen sorgsamen Umgang mit Sprache gelesen. Elegant, philosophisch, sinnlich. Es hat mich bezaubert.

Joseph Conrad: Die Schattenlinie. Ein Bekenntnis. Zwei kommentierte Erzählungen

Dieses Jahr neu aufgelegt in wunderschöner Ausstattung: zwei Seefahrer-Romane vom Feinsten! In der autobiografisch gefärbten Titelgeschichte übernimmt ein junger Kapitän in Bangkok sein erstes Kommando und sieht sich auf dem Schiff sogleich widrigen Umständen gegenüber: Die Hälfte der Mannschaft ist an einem Tropenfieber erkrankt und der Wind bleibt aus. Wie wird er diese Herausforderung meistern? Und wird er dabei die SCHATTENLINIE, den Grat zwischen Jugend und Erwachsensein überschreiten? Was für ein Genuss, sich lesenderweise auf hohe See zu begeben und in wilde Abenteuer zu stürzen!

Christopher Papakaliatis: Worlds Apart. Die Liebe in drei Generationen (DVD)

Drei einzelne Liebesgeschichten, mitten aus dem pochenden Leben von Athen. In der ersten Episode wird eine junge Frau überfallen und von einem syrischen Flüchtling gerettet. Unvergesslich romantisch die Liebesszene in einem Flugzeug des stillgelegten Flughafens, wo sich Flüchtlinge versteckt halten und auf ihre Weiterreise warten. Leider ebenso unvergesslich: Der Hass einiger griechischer Landsleute auf die unerwünschten Einwanderer. In der zweiten Episode geht es nebst leidenschaftlicher Liebe um wirtschaftliche Umstrukturierung und um Angst vor Verlust der Arbeitsstelle. Und im dritten Teil schliesslich finden zwei ältere Menschen, eine Griechin und ein Deutscher, zusammen. Einerseits ist dies ein Film über die wirtschaftlichen und politischen Probleme, mit denen Griechenland zur Zeit zu kämpfen hat, andererseits eine Hymne an die Kraft der Liebe. Erst zum Schluss erfährt man die verblüffende Verbindung der drei Geschichten. Ein berührender Film. In Griechenland ein Grosserfolg.

Juli-Tipps von Colette Fehlmann

Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten! Die Autobiographie

Die Autobiographie des Dichters und Liedermachers Wolf Biermann ist ein Ereignis, wie es auch seine Buchvorstellung in Zürich dieses Jahr war! In seiner Familiengeschichte reflektieren sich die politischen Kämpfe, Totalitarismen, Utopien, die Lebenslust und der Widerstand im 20. Jahrhundert und die Kraft von ‘Bleistift und Gitarre’ bis heute: 1936 in Hamburg geboren; sein Vater, Kommunist und Jude, wird 1943 in Ausschwitz ermordet; 1953 Umzug in die DDR; seit 1965 Auftrittsverbot; 1976 ausgebürgert; am 1. Dez. 1989 erstes Konzert in Leipzig vor 5000 Menschen, vier Tage später wird sein zweitjüngstes Kind geboren.
Wolf Biermann erzählt uns dieses Leben, diese Geschichtslektion, im Stil seiner Balladen: zärtlich-rauh, sarkastisch-witzig, analytisch-poetisch.
Dass er auch Angst hatte, aber die Angst nicht ihn, und dass er oft weiter ging und mutiger was als andere, ist das Erbe seines Vaters, «der so lebendig tot war», seiner beiden Eltern, die im Widerstand waren - das «schwarze Glück» seiner Biographie.

I Am Not Your Negro (Regie: Raoul Peck)

Eben ist die DVD zum preisgekrönten Doku-Film von Regisseur Raoul Peck erschienen. Der Film basiert auf einem unvollendeten Manuskript von James Baldwin (1924–1987), des wohl wichtigsten afro-amerikanischen Autors des 20. Jahrhunderts. Er setzt sich darin mit dem Leben seiner drei durch Attentate getöteten Freunde Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King auseinander und mit seiner eigenen Lebenserfahrung als schwarzer Amerikaner. Barack Obama hat Baldwin als einen seiner geistigen Väter bezeichnet. Raoul Peck schreibt die Geschichte fort bis in unsere Gegenwart. Ein grossartiger, ein unverzichtbarer Film.

Wie ein Schaf in der Wüste. Als James Baldwin die Schweiz besuchte (Hörbuch)

Parallel zum Film entdecke ich in unserer Bibliothek das Hörbuch über James Baldwins Besuch des Walliser Bergdorfes Leukerbad Anfang der 50-er Jahre! Wo dieser Tage das 22. Internationale Literaturfestival Leukerbad Autorinnen und Autoren aus aller Welt erwartet, begegnete die Bevölkerung von damals zum ersten Mal überhaupt einem dunkelhäutigen Menschen. Baldwin, der Dank seiner Freundlichkeit und Zugänglichkeit schnell die Sympathien der Bergler gewinnt, studiert wie ein Ethnologe die Reaktionen der Leute und wird darüber seinen Essay «Der Fremde im Dorf» schreiben. Neben diesem Text und Baldwins Stimme im O-Ton kommen im Hörspiel Zeitzeugen und ehemalige Freunde Baldwins zu Wort – es entsteht eine spannende Sprach- und Musik-Collage auf Englisch, Französisch und schönstem Walliserdeutsch.

Alberto Nessi: Miló. Erzählung

Mit Alberto Nessi, der uns kürzlich in der Bibliothek Rifferswil einen äusserst charmanten, engagierten und poetischen Abend bescherte, haben wir einen Schweizer Autor, der uns Geschichten zu erzählen weiss, die uns in der Deutschschweiz weniger vertraut sind: Geschichten aus dem Grenzraum Italien-Schweiz. In der Titelerzählung erleben wir mit Miló und seiner Mutter Joséphine die Arbeiterkämpfe in Genf und Lausanne der 30er Jahre und, als sich Miló nach seiner Ausweisung aus der Schweiz den Partisanen in den Bergen des Aostatals anschliesst, deren verzweifelten Widerstand gegen das faschistische Mussolini-Regime. Weitere Protagonisten in den Erzählungen aus dem Tessin sind die Bergler mit ihrer Schwermut, die Schmuggler rund ums Muggio-Tal, die Frauen, welche härtesten Lebens­um­ständen und Schicksalsschlägen ausgesetzt sind, die irgendwie vom Leben Versehrten – die Lebenden und die Toten. Und immer wieder fliessen Beobachtungen ein zu heutigen Flüchtlingsszenen rund um Chiasso und Mendrisio, der Heimat des Autors.

Nessi sieht all die vermeintlich unscheinbaren Menschen und gibt ihnen eine Stimme. Es sind harte, verstörende Geschichten, die er uns zumutet, aber sie sind durchdrungen vom Humor und von der Menschenfreundlichkeit, die auch bei seiner Lesung aus den Augen des Autors blitzen.
‘Miló’ ist in der Bibliothek auf Deutsch und in der italienischen Originalausgabe vorhanden.

Mai-Tipps von Gabi Scherer

Francesca Sanna: Die Flucht

In ihrem Bilderbuch „Die Flucht“ beschreibt die Illustratorin Francesca Sanna die Odyssee einer Flüchtlingsfamilie: Eine zerbombte Stadt, eine entwurzelte Familie, eine Flucht ins Unbekannte: nicht unbedingt ein Thema, das sich für ein Bilderbuch eignet. Im Buch erzählt die Autorin die Geschichte einer Familie, die vor dem Krieg in ihrem Land flüchten muss.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Kindern erzählt. Sie beschreiben eine Reise, die wie ein

Abenteuer erscheint, eine Reise in ein Land, wo sie keine Angst mehr haben müssen, wo sie in

Sicherheit sein werden. Die Reise selber ist aber gefährlich. Die mehrtägige Fahrt auf dem Boot übers Meer zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen ist kaum auszuhalten. Auf der Überfahrt erzählen sie einander Geschichten von Ungeheuern, um sich vor der eigenen Angst abzulenken.

Das Buch ist zugleich Sannas Masterarbeit in Design mit Spezialisierung auf Illustration an der Hochschule Luzern.

Francesca Sanna stammt aus Sardinien und lebt in Zürich. Sie selbst ist Migrantin und kennt im kleineren Rahmen die kulturellen, sprachlichen und administrativen Probleme in einem fremden Land. Für ihr Bilderbuchdebüt wurde sie mit der renommierten Goldmedaille der Society of Illustrators in New York ausgezeichnet.

Claude K. Dubois: Akim rennt

Claude K. Dubois, eine preisgekrönte Autorin und Illustratorin aus Belgien, zeigt auf, welche Auswirkungen der Krieg auf Kinder und Erwachsene haben kann.

Die Erzählung lebt von Bleistift- und Kohlezeichnungen, die inhaltlich weit über das Gesagte hinausgehen. Die Bilder wirken wie schemenhafte, unvollständige Skizzen. Vielleicht ist es für den Betrachter so einfacher, die schreckliche Situation von Akim im Bilderbuch anzuschauen:

Akim erlebt Bombeneinschläge, Qualm, Chaos. Er gerät in Gefangenschaft von Soldaten. Es gelingt ihm die Flucht, er rennt stundenlang, bis er es in die Sicherheit eines Flüchtlingslagers

schafft.

Die Geschichte macht deutlich, weshalb Menschen alles zurücklassen und fliehen, damit sie an einem sicheren Ort in Freiheit leben können.

Für das Buch erhielt die Autorin 2014 den Deutschen Kinder- und Jugendbuchpreis.

Giancarlo Macri und Carolina Zanotti (illustriert von Clara Zanotti): Punkte

Giancarlo Macri und Carolina Zanotti versuchen in ihrem Bilderbuch zu erklären, was Flucht bedeutet, wie man mit der Situation umgehen könnte. Die beiden Autoren haben es „auf den Punkt gebracht“. Anhand von Punkten zeigen sie, wie wir leben und wie die Menschen in den Fluchtländern leben.

Ein Punkt, viele Punkte, Familie, Freunde, weitere Punkte, andere Punkte…. Den einen geht es gut, den anderen nicht. Zusammen kann man etwas verändern.

Mit dem einfachen Element Punkt erklären die Autoren und die Illustratorin das Thema Flucht für kleine Kinder. Ein gepunktetes Bilderbuch, welches das Thema Flucht leicht verständlich auf den Punkt bringt.

März-Tipps von Ulla Schiesser

Hans-Günter Weess: Die schlaflose Gesellschaft. Wege zu erholsamem Schlaf und mehr Leistungsvermögen

Mein Interesse an diesem Buch ist sowohl beruflicher, als auch persönlicher Natur. Beruflich, weil wir den Autor am Donnerstag, 1. Juni 2017, zu uns in die Bibliothek eingeladen haben. Der Psychologe und Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster wird mit seinem Vortrag „Was uns den Schlaf raubt – und was Sie dagegen tun können!“ Licht ins Dunkel unserer schlaflosen Nächte bringen. Die persönlichen Gründe liegen auf der Hand; habe ich früher oft schon geschlafen bevor ich alle Knochen sortiert hatte, nutze ich heute die Nächte oft zum Lesen und ich weiss, dass ich damit nicht alleine bin.

Dieses Buch beantwortet unzählige Fragen zum Thema Schlaf. Der Autor beleuchtet das grosse Spektrum der unterschiedlichen Schlafstörungen, gibt Anleitung zur Selbsthilfe und Einblick in die Erkenntnisse der aktuellen Schlafforschung.

Zudem verweist Hans-Günter Weess auch auf die gesellschaftlichen Hintergründe, die zu unserer unausgeschlafenen Gesellschaft geführt haben und die weitreichenden, damit verbundenen Risiken und Kosten.

Ein sehr umfassendes, erhellendes Buch zu einem aktuellen Thema.

Max Porter: Trauer ist das Ding mit Federn

Eine junge Frau stirbt. Zurück bleiben zwei kleine Söhne, ihr Mann und  „Trauerstaub“ auf allem. Da taucht eines Nachts Krähe auf, ein riesiger, stinkender, schwarzer Vogel, der den verstörten Mann in seinem Flügel birgt und verspricht zu bleiben, bis er nicht mehr gebraucht wird. Krähe ist eine Zumutung. Er konfrontiert seine Nestlinge mit Erinnerungen und Geschichten, flucht, reisst schräge Witze, ist anarchistisch und vulgär und berichtet in seiner ganz eigenen, expressiven Sprache aus dem Alltag im Epizentrum der Trauer.

Dazwischen berichtet „Dad“ von seinen Gehversuchen und der grosszügigen, bedingungslosen Liebe, die ihm seine kleinen Söhne entgegenbringen. Von den Jungs wiederum erfährt man, wie die Lebenslust sich ihren Weg bahnt und durch die dicken, kalten Mauern der Verstörung sickert. Es ist ein leuchtender, wilder, aber trotzdem strukturierter Text, etwas zwischen Klagelied, Gedicht und Abrechnung. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt mit starken Bildern und berauschender Sprache.

True Detective, Staffel 1 / Regie: Nic Pizzolatto

Vorsicht, Suchtpotential! Wer wenig freie Zeit hat, sollte lieber die Finger von dieser spannenden Serie lassen, denn vor allem die erste Staffel zeichnet sich aus durch hervorragende Hauptdarsteller, kunstvolle Bilder und Dialoge, die man mitschreiben möchte. Intelligente Spannung für Melancholiker und Leute, die es mögen, wenn Geschichten erzählt und Figuren langsam entwickelt werden. Allerbeste Begleitung durch schlaflose Nächte (siehe 1. Titel).

Januar-Tipps von Karin Wieler

Antoine Laurin: Liebe mit zwei Unbekannten (Grossdruck)

Mit französischem Charme lässt der Autor die Lesenden in eine liebenswerte Geschichte um zwei Menschen eintauchen, die sich (noch) nicht kennen. Laurent findet eines Tages eine Damenhandtasche. Nach langem Überlegen – es schickt sich ja nicht, dass ein Mann das tut! – öffnet er die Handtasche und findet darin unter typisch weiblichen Gegenständen ein Notizbuch. Er liest darin, beginnt sich ein Bild von der Frau zu machen – und verliebt sich in sie. Höchst vergnüglich nun die Suche nach Laure – geniessen Sie sie und lesen Sie weitere zwei Bände von Antoine Laurain!

Sue Hubbel: Leben auf dem Land

Dies ist ein wunderbar leicht geschriebenes Buch, das viel Lehrreiches zu Tier- und Pflanzenwelt bietet. Sue Hubbell ist aber weit davon entfernt, belehren zu wollen. Sie schreibt in einfachen, klaren Sätzen, was sie denkt. Sei es die Betrachtung von Vögeln – in aller Ruhe und mit viel Geduld schafft sie das auch ohne Fernglas - seien es Gedanken über so unansehnliche Tiere wie z.B. Schaben und natürlich immer wieder die Beschreibungen ihrer Arbeit als Bienenzüchterin und Honigproduzentin. Berührend auch, wie sie ihre Gefühle als verlassene Ehefrau andeutet oder ihr neues Leben auf eigenen Füssen mit Arbeiten schildert, die eigentlich Männer verrichten müssten. Immer präsent sind ihre grosse Liebe zur Natur und ihr Respekt vor der Existenz jeglichen Lebens.

Burak Özdemir: Sampling_Baroque / Handel

Lust auf ein Experiment? Die Frage ist, was Georg Friedrich Händel wohl zu dieser Interpretation seiner Musik sagen würde. Ich freue mich immer wieder, wenn junge Musikerinnen und Musiker es wagen, klassische Musik neu zu spielen, zu verfremden, zu verändern. Da entsteht Ungewohntes, Gewöhnungsbedürftiges, aber ein Abweichen von der traditionellen Aufführungspraxis eröffnet uns auch neue Sichten! Das Ensemble Musica Sequenza, sieben junge Leute, spielen auf Barockinstrumenten, was mit der elektronischen Komponente einen reizvollen Zusammenklang ergibt. Burak Özdemir ist auch Komponist –  seine drei Stücke bergen ebenfalls Spannendes!

Paolo Fresu / Daniele di Bonaventura: In maggiore

Fast meditativ, ruhig, eindringlich, in verschiedensten Klangvariationen klingt die Musik, die die beiden Musiker Paolo Fresu (Trompete und Flügelhorn) und Daniele di Bonaventura (Bandoneon) uns präsentieren. Sowohl die klassische Musik als auch der Jazz sind Heimat für die beiden Musiker und dies macht diese CD so speziell. 

November-Tipps von Irene Scheurer

Sascha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie

Der Schweizer Soziologe und Journalist Sacha Batthyanys stösst auf Unterlagen, die belegen, dass seine Grosstante in eines der schrecklichsten Nazi-Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs verwickelt ist. Er beginnt zu forschen und realisiert bei der Lektüre der Tagebücher seiner Grossmutter, dass auch sie Zeugin eines Massakers geworden ist – und ebenfalls geschwiegen und nichts unternommen hat. Immer intensiver beschäftigt ihn die Frage, was die ganze Familiengeschichte mit ihm zu tun hat. Was hätte er gemacht? Wäre auch er ein „Maulwurf“ gewesen, der sich geduckt und weggeschaut hätte? Prägen die Traumata der früheren Generationen unser Leben? Sascha Batthyany wirft viele Fragen auf, die er auch nach intensiven Nachforschungen und Reisen nach Ungarn, Sibirien und Buenos Aires sowie zahlreichen Sitzungen beim Psychoanalytiker nicht restlos klären kann.

Dörte Hansen: Altes Land

„Dit Huus is mien un doch nich mien, de no mi kummt, nennt’t ook noch sien.“  (Dieses Haus ist nicht meines und auch nicht deines, denn derjenige, der nach mir kommt, nennt es auch seines.) Dieser plattdeutsche Satz steht als Inschrift am Giebel eines verwitterten Hauses in der Elbmarsch südlich von Hamburg, in dem Hildegard und ihre kleine Tochter Vera als Flüchtlinge aus Ostpreussen im Frühling 1945 Aufnahme finden. Sie werden von der Hausherrin als „Polacken“ beschimpft und nur ungern geduldet. Obschon Hildegard später deren Sohn heiratet, wird sie nie heimisch im Haus und der neuen Umgebung. Hildegard verlässt schliesslich Mann und Tochter und zieht nach Hamburg. Da keine weiteren Verwandten da sind, erbt Vera nach dem Tod des Stiefvaters das Haus. Sie wohnt sechs Jahrzehnte darin und fühlt sich dennoch wie „eine Flechte“: Sie existiert, kann aber keine Wurzeln schlagen. Als ihre Nichte Anna mit ihrem kleinen Sohn unerwartet bei ihr einzieht und das alte Haus zu renovieren beginnt, weicht endlich das Gefühl der Heimatlosigkeit.

Evi Hartmann: Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral

Rund eineinhalb Milliarden privilegierter Menschen im Westen konsumieren rund 80 Prozent aller Güter dieser Welt. 80 Prozent der Menschheit kriegen nur den kümmerlichen Rest auf den Teller. Unsere Wirtschaft macht uns zu Sklavenhaltern, das führt uns jedes 3-Euro-T-Shirt vor Augen.

Wenn wir Kleidung tragen, Nahrung zu uns nehmen, ein Auto fahren und ein Smartphone haben, arbeiten derzeit ungefähr 60 Sklaven für uns, meint Evi Hartmann, Professorin für Betriebswirtschaftslehre. Wir können die Globalisierung nicht abschaffen, aber die Autorin zeigt in ihrem Buch auf, wie Fairplay möglich ist.

September-Tipps von Rahel Buchter

Ramita Navai: Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran

Soeben habe ich nach intensiver Lektüre staunend die Buchdeckel geschlossen: Welch ein Buch!

Des etwas provokanten Titels wegen könnte man meinen, es handle sich um eine brisante Aufdeckungsgeschichte. Dem ist aber nicht so. Ramita Navai liebt diese Stadt, das spürt man.

Die Autorin wurde in Teheran geboren und ist als Achtjährige mit ihren Eltern vor der islamischen Revolution geflüchtet. Als Times-Korrespondentin ist sie von 2003-2006 in den Iran zurückgekehrt und hat in dieser Zeit diverse Gespräche mit Stadtbewohnern geführt, deren Geschichten sie hier einfühlsam und äusserst differenziert nach- oder umerzählt. In acht einzelnen, in sich abgeschlossenen Episoden erhalten wir Einblick in die vielfältigen Lebensweisen dieser Menschen. Bei der Lektüre wird klar: Die Gesellschaftsstruktur Teherans ist äusserst komplex und die Bevölkerung dieser pulsierenden Stadt nicht kategorisierbar.

Ob ‘Jahel‘ (Gangster aus der Arbeiterschicht mit striktem Ehrenkodex, die sogar einen eigenen Tanzstil pflegen), geschiedene Frau, Mullah, Revuetänzerin, Blogger oder Hermaphrodit, sie alle täuschen, um zu überleben, lügen, um sich selbst letztendlich treu bleiben zu können.

Übrigens: Haben Sie gewusst, dass es in kaum einer anderen Stadt so viele Nasenkorrekturen gibt wie in Teheran?

Zora del Buono: Gotthard. Novelle

Es empfiehlt sich, diesen schmalen Band gleich zweimal zu lesen. Die Geschichte ist so dicht erzählt, dass einem beim ersten Durchgang leicht einige vergnüglichen Details entgehen könnten.

Die Autorin führt uns in den Mikrokosmos einer Bauarbeitergemeinschaft des Gotthardbasistunnels im Tessin.

In flirrender, trockener Hitze und dem dunklen Sog des Berges ausgesetzt, lässt sie die verschiedensten Personen aufeinanderprallen: Fritz Bergundthal, einen gepflegten Junggesellen, Mittfünfziger und Eisenbahnfan. Die Lastwagenfahrerin Flavia. Deren übertrieben geschminkt und herausgeputzte Mutter Dora. Aldo und Tonino, die zusammen ein dunkles Geheimnis teilen. Robert Filz, ein von obsessiver Lust auf Frauen besessener Lokführer. Monica, die nicht mehr ganz junge brasilianische Prostituierte. Thomas Oberholzer, ein Bücher liebender Mineur. Und natürlich mit dabei: die heilige Barbara.

Stilsicher, pointiert und mit viel Sinn für atmosphärische Details erzählt Zora del Buono eine klassisch aufgebaute Novelle, deren Fäden sich innerhalb des einen Tages, in der die Geschichte spielt, immer mehr zusammenziehen, bis es schliesslich zu einem fulminanten Ende kommt.

Gut zu wissen, dass demnächst ein neues Buch dieser Autorin erscheinen wird.

Ciro Guerra: El Abrazo de la Serpiente (DVD)

Ein auf Tagebuchaufzeichnungen eines deutschen Ethnologen und eines amerikanischen Botanikers basierender Spielfilm.

Die beiden Forscher haben sich zu unterschiedlichen Zeiten (1906/1940) ins Herz des Amazonas vorgewagt, um nach einer geheimnisvollen Pflanze zu suchen und werden dabei vom selben Schamanen begleitet.

Ein beeindruckender Film! Alles in Schwarz-Weiss gedreht. Betörend schöne Bilder.

Hat man geträumt? Nach dieser zweistündigen, langsamen Kamerafahrt in die Unendlichkeit des Amazonasbeckens braucht man etwas Zeit, um in die Realität zurückzufinden…

Verstörende Szenen bei den Kautschuksklaven und in einer christlichen Missionsstation lassen uns einmal mehr über die Zwiespältigkeit des Kolonialismus nachdenken.

Für mich der bisher stärkste Film in diesem Jahr. War übrigens für einen Oscar nominiert.

John Crowley: Brooklyn (DVD)

Und zum Schluss: Balsam für Herz und Augen!

Irland 1952: Da für die junge Eilish (Saoirse Ronan) im eigenen Land nur sehr beschränkte Zukunftsperspektiven vorhanden sind, nimmt sie die durch einen Priester vermittelte Gelegenheit wahr, um nach New York auszureisen. Dort wohnt sie in einer Unterkunft für junge Frauen und arbeitet in einem Warenhaus. Anfänglich bedrückt und unter grossem Heimweh leidend, findet sie allmählich zu neuer Lebenslust und zu Tony, einem italienischstämmigen jungen Mann.

Der plötzliche Tod ihrer Schwester bedingt Beistand für ihre Mutter und sie tritt eine Reise in ihre alte Heimat an…

Sentimentalität kann glücklich machen. Dieser Film hat etwas Leuchtendes, Erhellendes.

Dank der wunderbaren Besetzung und Ausstattung und nicht zuletzt der wohlklingenden irischen Sprache wegen (einmal mehr: unbedingt in Originalsprache schauen!), wirkt der Film authentisch und keineswegs kitschig, obwohl er genau dies sein könnte.

Eine gelungene Adaption der gleichnamigen Roman-Vorlage von Colm Toibin, die etwas verhaltener daherkommt und ebenfalls sehr empfehlenswert ist.

Juli-Tipps von Colette Fehlmann

Swetlana Alexijewitsch: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Die Literaturnobelpreis-Trägerin 2015 mag wieder aus den Schlagzeilen verschwunden sein. Umso mehr will ich an ihre einmaligen Gesprächsprotokolle erinnern, in diesem Fall aus dem Innern von 70 Jahren Leben in der Sowjetunion und vom Leben nach deren Zerfall. Eins zu eins nehmen wir teil am «sozialistischen Drama», indem Alexijewitsch versucht, «alle Beteiligten, mit denen ich mich treffe, fair anzuhören...». Wir bekommen eine Ahnung von der hohen Identifikation mit den Idealen des Sozialismus - und dem Ausmass an Opferbereitschaft für dessen Aufbau. Umso erschütternder die Berichte über das Grauen des Krieges und die Gräuel der stalinistischen Lagerhaften. Und wir erleben nochmals die hochdramatische Zeit von Gorbatschows Versuch der Perestroika bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion. Bisher war die legendäre «russische Küche» das Zentrum der Diskussions- und Dissidentenkultur. Plötzlich aber tauchten ganz andere Leute auf, «mit neuen Spielregeln: Wenn du Geld hast, bist du ein Mensch, hast du keins, bist du ein Niemand». Die Menschen erleben die totale Entwertung ihrer bisherigen Biografien. Wir bekommen aber auch von den schönsten Liebesgeschichten zu hören: Wie wichtig es ist, geliebt zu werden!
In knappen Klammerbemerkungen ist die Autorin präsent als Gesprächspartnerin, die es sehr vielen Menschen zum ersten Mal überhaupt ermöglicht, ihre Geschichte zu erzählen. Wer Russland verstehen will, lese dieses Buch!

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt

Mit seinem Essay «Plädoyer für Reparationen» hat der Journalist und Buchautor Ta-Nehisi Coates in den USA bereits eine Diskussion über die Aufarbeitung der Sklaverei ausgelöst. Dieser Essay findet sich im zweiten Teil des Buches. Auch «Zwischen mir und der Welt» ist eine Analyse des fortdauernden Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft. Coates schreibt sie in Form eines Briefes an seinen Sohn in dessen 15. Lebensjahr, als dieser erlebt, wie Schwarze, auch Jugendliche, von Polizisten erschossen werden, und weint, nachdem er hört, dass gegen die Täter keine Anklage erhoben wird. Coates erzählt ihm und uns über seine eigene Lebensgeschichte, was es heisst, in diesem seinem Land in einem schwarzen Körper zu leben. Die Angst, die sich durch 250 Jahre der Sklaverei in die Körper eingeschrieben hat, ist immer da. Sie war schon da in seiner Jugend in Baltimore gegenüber den brutalen Ritualen der Strasse und der Erfahrung, dass das Gesetz nicht zu seinem Schutz da war; und auch «jetzt, in deiner Zeit, ist das Gesetz zu einem Vorwand verkommen, dich anzuhalten und zu filzen, den Angriff auf deinen Körper fortzusetzen», schreibt er an seinen Sohn. Sprachkraft und Sprachrhythmus dieses Plädoyers gegen Rassismus gehen unter die Haut.

Daniel Fueter (Klavier und Rezitation), Leila Pfister (Mezzosopran), Samuel Zünd (Bariton): Züri-Lieder

Schon 2009 aufgenommen, aber neu in unserer Bibliothek ist die CD mit Züri-Liedern wie «Mis Dach isch de Himmel vo Züri», «O mein Papa», «Oerlikon» oder «Mis Chind» - mit Musik des unvergesslichen Paul Burkhard u.a.
Alle drei MusikerInnen sind im Chanson, im klassischen Gesang und in der Theaterwelt gleichermassen zu Hause. Wunderbar, wie sie den Balanceakt schaffen, diese Ohrwürmer mit grosser musikalischer Sorgfalt neu zu interpretieren. Sentimental, ja, aber auch verschmitzt! Mit welch zärtlichen Girlanden der ehemalige Rektor der Musikhochschule und Dozent für Liedgestaltung Daniel Fueter in «Lili’s Lied» die klare Stimme von Leila Pfister umspielt! Von ihm stammen Lied-Kompositionen zu Texten von Martin Suter.
Und wer will, wird im einen oder andern Lied von Ferne die Stimmen von Margrit Rainer, Ruedi Walter und Zarli Cariget mithören.

Mai-Tipps von Gabi Scherer

Owen Sheers: I saw a man

Nach dem tragischen Tod seiner Frau Caroline, die als Journalistin bei einem Aufenthalt in Afghanistan stirbt, erträgt Michael es nicht mehr länger am bisherigen Wohnort in Wales.

Michael zieht nach London, wo er als Schriftsteller arbeitet.

An seinem neuen Wohnort freundet er sich mit seinen Nachbarn, den Nelsons, an. Josh, Samantha und ihre zwei Töchter wohnen im Haus nebenan und es entwickelt sich schnell

ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Michael und der Familie Nelson.

Michael geht bei den Nelsons wie selbstverständlich ein und aus. An einem Samstag Nachmittag findet er die Hintertür ihres Hauses offen vor, aber das Haus scheint leer zu sein.

Michael hat das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und er betritt das Haus. Er wird Zeuge eines Unfalls der kleinen Tochter der Nelsons, die alleine zu Hause ist. Michael verlässt das Haus, er stiehlt sich aus der Verantwortung.

Dieses Buch ist sehr packend und spannend geschrieben. Es zeigt, wie eine unscheinbare Handlung das Leben aller Beteiligten für immer verändern kann.

 

Der Roman ist in der Bibliothek auch als Hörbuch (gelesen von Devid Striesow) vorhanden.

Isabel Bogdan: Der Pfau

Isabel Bogdan ist preisgekrönte Übersetzerin englischer Literatur. Das Genre der britischen Romane hat es ihr angetan und sie hat selber einen humorvollen Roman verfasst:

Ein Team aus einer Bank will seine Zusammenarbeit bei einem Workshop verbessern. Die Chefin Liz wählt für das Wochenende ein Schloss im ländlichen Schottland aus. Lord und Lady McIntosh vermieten den Investmentbankern den Westflügel ihres herrschaftlichen Hauses.

Das Wochenende verläuft ziemlich chaotisch: Ein Pfau spielt verrückt, es kommt zu einem überraschenden Wintereinbruch, daher können die Banker nicht abreisen. Im Haus gibt es kaum heisses Wasser und die Chefin Liz muss mit einer Grippe das Bett hüten.

Es geschehen urkomische Dinge und es entstehen viele Missverständnisse.

 

Auch als Hörbuch (gelesen von Christoph Maria Herbst) vorhanden.

Jane Gardam: Eine treue Frau

Dieser Roman ist der zweite Teil einer Trilogie. (Titel des ersten Teils: Ein untadeliger Mann)

Die Trilogie ist in England in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts erschienen.

Betty, so heisst die Hauptperson im Roman, reist nach Hongkong. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg taucht sie wieder ein in die geliebte, glanzvolle Welt des fernen Ostens, wo sie aufgewachsen ist. Diese Liebe zum fernen Osten verbindet sie tief mit ihrem Ehemann Edward Feathers, dem jungen Star unter den Richtern in Hongkong.

Als Betty Edward ewige Treue verspricht, weiss sie intuitiv, dass ihre Ehe kaum auf wilder Leidenschaft gründen wird. Kann sie diesen untadeligen, schönen Mann lieben oder liebt sie seinen schlimmsten Feind, den smarten Veneering?

Betty ist für ihren Mann nicht die grosse Liebe, sondern der grosse Halt. Ohne Betty würde er zusammenbrechen. Und umgekehrt ist es ähnlich. Beide sind sie Waisen, im fernen Osten geboren und beide sind heimatlos.

 

Auch als Hörbuch (gelesen von Eva Mattes) vorhanden.

März-Tipps von Barbara Schläfli

Isabel Allende: Der japanische Liebhaber

Lark House, Kalifornien. Hier trifft die 23-jährige Aushilfskraft Irina Bazili aus Moldawien die Protagonistin des Romans, Alma Belasco, 82 Jahre alt.

Vor drei Jahren hat die Lady von einem Tag auf den anderen ihre noble Villa nahe der Golden Gate Bridge verkauft und ein nüchternes Appartement in Lark House bezogen. Hier gibt sich die alte Dame aristokratisch und hält Distanz zu den übrigen Heimbewohnern. Sie und ihre alte Katze Neko sind einander genug. Ihr Lebenswandel gibt Anlass zu allerhand Gerede und Vermutungen. Ab und zu verschwindet sie gleich für ein paar Tage, ohne irgendwelche Angaben dazu zu hinterlassen. Am seltsamsten freilich: Einmal in der Woche erhält sie einen gelben Umschlag und ein Kistchen mit drei Gardenien – beides ohne Absender.

Auch um sich von den eigenen Lebenssorgen abzulenken, folgt Irina den Spuren, und es beginnt eine abenteuerliche Reise bis weit in die Vergangenheit von Alma Belasco. Nach und nach erfahren wir Almas Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichte.

Isabel Allende erzählt von Freundschaft und der unentrinnbaren Kraft einer lebenslangen Liebe. Davon, wie Zeit und Zwänge über eine solche Liebe hinweggehen und sie verwandeln, in Verbundenheit, Wehmut und ein leises Staunen darüber, schon so lange gemeinsam unterwegs zu sein.

„Es liegt an uns, ob die Liebe ewig währt!“

Jacques à Bâle: 20 Regeln für Sylvie (DVD)

Die kleine Sylvie (Viola von Scarpatetti) hat einen treusorgenden Papa. Adalbert, ein Mann mit Rauschebart und Prinzipien (Carlos Leal). Sie wohnen in den Alpes Vaudoises, ins Dorf hinab fährt die Seilbahn. Die Mama ist vor Jahren gestorben. Zum Trost füttert Papa seine Sylvie vor dem Zubettgehen mit Pom-Bärli und wenn das nur ginge, würde er sie am liebsten in der rosaroten Kuscheltierphase einbalsamieren. Das ist aber nicht möglich, denn die kleine Sylvie zählt nämlich schon stolze 20 Jahre. Demnächst fängt für sie das Leben an, mit dem ersten Semester an der Uni Basel.

Vor diesem Tag graut es Adalbert. In seiner Not listet er „20 Regeln für Sylvie“ auf. Kein Sex, weder Partys noch Konzerte. Nicht mit Jungs knutschen. Nicht mal Lippenstift. „Das ist die Einstiegsdroge“, glaubt Adalbert. Um sicher zu gehen, dass Sylvie keine der Regeln bricht, folgt er ihr insgeheim in die Grossstadt, wo er sich bald mit ein paar Studenten anfreundet und eine Regel nach der anderen selber bricht.

Ein erfrischender, witziger und unterhaltsamer Schweizer Film!

Clemens Ettenauer / Johanna Bergmayr (Hg.): Cartoons über Hunde

Cartoonisten sind wie Hunde – verspielt, ihrer Leserschaft treu ergeben und manchmal auch ein bisschen ungezogen. Das erklärt, wie sie es schaffen, so derart tiefe Einblicke in das Wesen des Hundes (und seines Herrchens), geben zu können.

In diesem Buch erfahren Sie alles über Hunde: vom Dilemma eines Poststreiks, über die Probleme des Raucherdackels bis zu autofahrenden Hunden mit Rot-Grün-Blindheit.

Zum Schmunzeln und Lachen, aber auch gewürzt mit einer Prise schwarzem Humor!

 

Tipp: Die Cartoon-Abteilung ist erweitert und erneuert worden. Auch ohne ausgeprägte Schnüffelnase findet man dort allerlei Witziges und Unterhaltsames.

Januar-Tipps von Karin Wieler

Yuja Wang: Ravel

Mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Lionel Bringuier spielt die 1987 in Peking geborene Pianistin Yuja Wang zwei Konzerte von Maurice Ravel und eine Ballade von Gabriel Fauré. Sowohl das Konzert in G-Dur, das mit einem Peitschenknall beginnt, als auch die Ballade sind ein Genuss, aber das Konzert für die linke Hand in D-Dur verblüfft uns Zuhörende: Man würde nicht glauben, dass Yuja Wang nur mit der linken Hand spielt, wenn es nicht so angegeben wäre. Ravel komponierte es im Auftrag des kriegsversehrten Pianisten Paul Wittgenstein, der es 1932 zur Uraufführung brachte. Diese grandiose Technik, die grosse Musikalität, die Interpretation der vom bereits in Europa aufblühenden Jazz inspirierten Musik Ravels sind beeindruckend. Lionel Bringuier, 1986 geboren, ist ein vielversprechender Chefdirigent und mit Yuja Wang ist mit dieser CD ein wunderbares Werk entstanden.

Anna Enquist: Streichquartett

Musik kann über vieles hinwegtrösten, kann ablenken, Energie spenden, Verbundenheit der gemeinsam Musizierenden schaffen. Anna Enquist gibt jedem Mitglied des Streichquartetts Raum, seine Situation darzustellen. Hugo, der auf einem Hausboot lebt, Heleen, seine Cousine, die als Pflegefachfrau in Caroliens Arztpraxis arbeitet, Jochem, Caroliens Ehemann und Geigenbauer, sie alle haben schwer zu tragen und hadern mit ihrem Leben, mit der Gesellschaft und deren Entwicklung. Im Zusammenspiel, in der Arbeit an der Musik finden sie sich und für uns als Lesende mit etwas Musikerfahrung sind diese Passagen fast hörbar. Anna Enquist studierte nach einem Psychologiestudium Klavier und Cello und verwebt ihre Erfahrungen einmal mehr sehr gekonnt in den Text. Berührend sind auch die Kapitel über Reinier, den Cellolehrer Caroliens, der mit dem Altwerden Ängste entwickelt, die man niemandem wünscht. Die Handlung des Buches verdichtet sich, nachdem wir den Protagonisten in ihren Diskussionen und ihren Gedanken gefolgt und davon angeregt sind. Das dramatische Ende, das durch einen ausgebrochenen Verbrecher seinen Lauf nimmt, hätte nicht so stattfinden müssen, wäre da nicht die Versuchung Heleens gewesen, jemandem in ihrer Not etwas allzu Persönliches zu schreiben, das eigentlich nicht für diese Person gedacht war…

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

Zweiter Weltkrieg, Frankreich: Marie-Laure, ein blindes Kind, lebt mit seinem Vater, der Schlüsselverwalter des Naturkundemuseums in Paris ist. Aus dem besetzten Paris muss das Mädchen zu seinem Onkel nach Saint-Malo reisen, wo es wieder neu lernen muss, sich zurechtzufinden. Im Gepäck ist ein äusserst wertvoller Schatz versteckt. Am Satz ihres Vaters, er würde sie niemals verlassen, in einer Million Jahren nicht, hält Marie-Laure sich während der Zeit, als sie ohne Nachricht ihres Vaters leben muss.

Unterdessen Deutschland: Werner und Jutta, Waisenkinder, leben in einem Heim im Ruhrgebiet. Werner erweist sich als technisch begabter Bastler und Tüftler, interessiert sich speziell für Radios und Sender. Als Jugendlicher wird er für die Armee Funkgeräte reparieren, verbotene Sender finden, vorerst nicht ahnend, wofür und für wen er da arbeitet.

In kurzen Kapiteln leben wir mit den beiden Kindern, die heranwachsen und in den Kriegswirren sowohl schrecklichste Erfahrungen machen als auch schon fast glückliche, zarte Momente erleben. Nichts voneinander wissend, nähern sie sich geografisch immer mehr und wir hoffen, dass sie sich begegnen. Spannend, fesselnd, faszinierend die Perspektive eines blinden Menschen, abgrundtief traurig, aber auch mit tröstlichen Bildern lesen Sie eine Geschichte, die auch wahr sein könnte. 

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese schreckliche Lücke

Nach dem Buch „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, in dem Meyerhoff seine Kindheit als jüngster Sohn des Direktors einer psychiatrischen Anstalt, wo die Familie lebt, beschreibt, geht es in diesem Band um seine Lehrjahre an der Schauspielschule in München. Dort lebt er bei seinen ziemlich eigenwilligen Grosseltern, fühlt sich sehr zu Hause und wohl. Ganz im Gegensatz dazu hat er die grösste Mühe, sich im Schauspielmilieu einzufügen. Viel zu gross gewachsen, passt er eigentlich in keine Rolle…

Meyerhoff erzählt diese Jahre sehr ehrlich, mit verschiedensten Facetten all des herrlich Komischen und der traurigen Begebenheiten, die ihm begegnen. Ein leicht zu lesendes Buch mit viel Unterhaltungswert!

November-Tipps von Irene Scheurer

Franz Hohler: Ein Feuer im Garten

Im Erzählband "Ein Feuer im Garten" hat Franz Hohler 52 neue Kurz- und Kürzestgeschichten veröffentlicht. Feine Alltagsbeobachtungen wechseln sich ab mit poetischen Miniaturen und einem satirischen Text zur Lage der Schweiz. Oft richtete er den Blick auf das Brüchige in der Welt. "Trittsicher sehen wir aus, sind ausgerüstet für die tägliche Lebensexpedition und kämpfen doch ständig gegen unsere Auflösung", heisst es in der Kurzgeschichte „Aufbruch“.

Er nimmt uns mit auf eine Lesereise in Minsk oder zu einer Buchpräsentation in Dubai, wir flanieren an seiner Seite durch Bremen und Berlin und besuchen die Buchmesse in Teheran oder das ferne Myanmar. Den Musikliebhaber begleiten wir in ein Klassikkonzert im Hallenbad und den Kopflosen ins Büro "Ausweisverluste" der Zürcher Stadtverwaltung. Franz Hohler beobachtet die Welt um sich herum ganz genau und beschreibt in humorvoller und tiefsinniger Weise, was ihn verwundert und in Staunen versetzt hat. Er ist ein fabelhafter Erzähler und ein Meister der kurzen Form.

Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen

„Und du bist nicht zurückgekommen“ ist ein sehr berührendes Zeugnis der Holocaust-Überlebenden Marceline Loridan-Ivens. Die französische Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin beschreibt, wie sie als 16-jähriges Mädchen zusammen mit ihrem Vater ins KZ deportiert wird. Sie kommt nach Birkenau, er nach Auschwitz. Zwischen ihnen liegen die Gaskammern, der Geruch von brennendem Fleisch, die Angst und die ständige Ungewissheit. Ihrem Vater gelingt es, ihr eine kleine Botschaft auf einem Zettel zu übermitteln. Sie vergisst die Worte jedoch und versucht ein Leben lang, die zerbrochene Erinnerung wieder zusammenzufügen.

Sie hat die Hölle überlebt, ihr Vater nicht. Als 87-Jährige schreibt Marceline Loridan-Ivens ihrem geliebten Vater einen Brief und zieht Bilanz. Sie drückt die starken Gefühle aus, die sie für ihn empfindet und erzählt, was sein Tod für die verbliebenen Familienmitglieder bedeutet hat und wie sie letztlich daran zerbrochen sind. Das Leben nach der Befreiung ist für die traumatisierte Marceline äusserst schwierig. Es ist eine unmögliche Heimkehr. Sie kehrt in eine Welt zurück, zu der sie nicht mehr gehört. „Man kehrt nie aus Auschwitz zurück, weil Auschwitz im Kopf immer weiterexistiert“, meint sie in einem Interview. Gerne hätte sie damals ihr Leben gegen das ihres Vaters gegeben.

Robert Schleip: Faszien-Fitness - vital, elastisch, dynamisch in Alltag und Sport

Lange Zeit wurden die Faszien wenig beachtet, obschon Mediziner, Trainer und Physiotherapeuten um ihre Existenz und ihre Funktionen wussten. Die Faszien sind das Bindegewebe, das unseren ganzen Körper durchzieht, alle Organe umhüllt und uns Form und Struktur gibt. Ohne Faszien könnten wir uns nicht bewegen, denn jeder einzelne Muskel, die einzelnen Faserbündel und sogar jede einzelne Faser sind von dünnen Faszienschichten umhüllt und ermöglichen, dass die Muskeln reibungslos arbeiten können.

Durch die Allgegenwart des Bindegewebes, sind die Faszien unentbehrlichen für den gesamten Zellstoffwechsel im Körper, für die innere Wahrnehmung von Bewegung und Organaktivität sowie für die Weiterleitung von vielen Signalen. Wer in Alltag und Sport beweglich, vital und schmerzfrei bleiben will, sollte etwas für sein Bindegewebe tun und erhält in diesem Buch viele Anleitungen und Anregungen.

September-Tipps von Colette Fehlmann

Stefan Klein: Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit

Träume müssen nicht nur Gegenstand tiefenpsychologischer Deutung sein, vielmehr sind sie eine alltägliche Entdeckungsreise, die wir selbstständig unternehmen können. Stefan Klein wirft verständlich und äusserst spannend einen zum Teil neuen Blick auf die Natur der Träume, mit denen wir doch einen grossen Teil unseres Lebens verbringen und in denen wir erleben, was uns wirklich bewegt. Dabei ist die Grenze zwischen wachendem und träumendem Bewusstsein fliessender, als wir gemeinhin annehmen: "Träume zeigen uns, welche Vorstellungen das Gehirn hervorbringt, sobald es vom Dauerfeuer der Sinne verschont bleibt!" Traum und Kreativität beeinflussen einander auch und manch eine Entdeckung ist einem Forscher quasi im Schlaf zugefallen. Aber Träume sind nicht nur nützlich. "Das grösste Geschenk, das uns der Schlaf macht, ist der Traum selbst: seine Schönheit, sein Witz, sein Einfallsreichtum, auch seine Rätselhaftigkeit und Spannung." Davon sind wir nach der Lektüre des Buches restlos überzeugt.

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt

Was für ein reges Sozialleben doch in unseren Wäldern stattfindet! Der studierte Forstwirtschafter führt uns mit Erzählfreude und Witz ein ins Leben der Bäume, indem er diese weitgehend personalisiert. Bäume "wehren" sich gegen Eindringlinge, indem sie umgehend Giftstoffe produzieren, sie "warnen" ihre Artgenossen durch Duftbotschaften oder über das weitverzweigte Wurzelnetzwerk und rufen mit Lockstoffen Fressfeinde ihrer Angreifer "zu Hilfe".
Im "Baumknigge" erzählt Wohlleben, wie ein Baum zu wachsen hat, damit er am besten überlebt, im Kapitel "sozialer Wohnungsbau" von den vielen Wohnformen und Lebensgemeinschaften, die sich im und auf dem Baum etablieren.
Es bleibt uns überlassen, wieweit wir diese Bildhaftigkeit beim Wort nehmen oder als Vergleichsangebot verstehen. Sicher macht es die zugrundeliegenden biologisch-physikalischen Prozesse, die durchgehend auch erklärt werden, viel anschaulicher und verstärkt gleichzeitig unsere persönliche Beziehung zum Lebewesen Baum.

Jütz

Als Bergtonreisen und Alpinbeschallung bezeichnen die drei MusikerInnen aus der Schweiz und aus Tirol ihre Auftritte. Jütz, das sind: Isa Kurz - Stimme Akkordeon, Geige, Hackbrett; Daniel Woodtli - Trompete, Flügelhorn, Hackbrett, Stimme; Philipp Moll - Kontrabass, Stimme. Sie schöpfen aus folkloristischem Liedgut, sie improvisieren, verfremden, bringen verschiedene sprachliche Dialekte ein, erzeugen eigene Klangwelten, aus denen unverhofft ein vertrautes Liedmotiv aufscheint und sei's nur als leise Andeutung. Am berührendsten, wie könnte es anders sein, das Guggisberg-Lied.
Ein melancholisches, berauschendes, verspieltes Klangfest, das uns die Archaik des Alpenraums ins Unterland trägt. Die Tournee der Gruppe führt übrigens von der Kellerjochhütte (A 2237m ü. M.) bis Bergen (NO 5m) mit Zwischenhalt in Zürich (416m).

Juli-Tipps von Karin Wieler

Cyminologie: Phonix

Eine berührende Musik mit persischen, indischen und deutschen Wurzeln! Dem Quartett mit Cymin Samawatie (Iran), Benedikt Jahnel, Ralf Schwarz und Ketan Bhatti (Indien) sowie Gastmusiker Martin Stegner gelingt eine Mischung von Kammermusik und Jazz mit persischer Lyrik, die uns in eine meditative Ruhe versetzt. Cymin Samawaties warme, ausdrucksstarke Stimme ist derart intensiv, dass wir spüren, was sie singt, auch ohne die Worte zu verstehen. Neues und Altes, Dynamik und Ruhe, Melancholie und Hoffnungsfrohes, all dies verstehen die Musiker meisterhaft zu verbinden.

Nemanja Radulovic: Journey East

Der 1985 in Serbien geborene Geiger ist ein Reisender seit seiner Kindheit. Schon mit vierzehn Jahren wurde er ins Pariser Konservatorium aufgenommen, von wo aus er dann in der ganzen Welt spielte. Sein temperamentvolles Spiel lässt einem in einigen Stücken den Atem stocken, in anderen bringt er seine tiefe Verbundenheit zur Heimat und die Trauer um seine vor zwei Jahren gestorbene Mutter bewegend zum Klingen. Die ebenfalls virtuosen Mitmusiker (Les Trilles du Diable, Double Sens unter anderen) machen diese CD zum Ohrenschmaus!

Albert Sánchez Piñol: Der Untergang Barcelonas

Für Liebhaberinnen und Liebhaber historischer Romane! Nach „Im Rausch der Stille“ und „Pandora im Kongo“, die uns gruselige Schauer über den Rücken jagen, legt Sánchez Piñol nun diesen stilistisch völlig anderen Roman vor. Der Erzähler Martì Zuvirìa, unterdessen über neunzig Jahre alt, diktiert seiner lieben, grässlichen Waltraud die vorliegende Geschichte. Er beginnt 1705, als er vierzehnjährig zum berühmten Festungsbauer Vauban nach Frankreich in die Lehre geht, nachdem er wegen sehr schlechten Benehmens aus zwei katalanischen Schulen hinausgeworfen worden war. In politisch höchst unkorrekter Manier spricht er zu den Lesenden, schimpft mit Waltraud, die manchmal lieber nicht schreiben möchte, was er sagt und erzählt über den Spanischen Erbfolgekrieg und die Belagerung Barcelonas 1713-1714. Alle historischen Ereignisse und viele Personen sind schriftlich verbürgt, die fiktiven Passagen und Figuren aber würzen die 700 Seiten des Buches zur besten Unterhaltung! Zeittafel und Personenverzeichnis am Schluss helfen, den Überblick zu bewahren.

Mai-Tipps von Gabi Scherer

Ross Dobson: Grill it! Vegetarisch

Grillen ohne Fleisch? Das geht! Ross Dobson beweist es: Mit 80 farbenfrohen, würzigen und abwechslungsreichen Gerichten, inspiriert von der asiatischen und nahöstlichen Küche, macht er nicht nur Vegetariern und Gemüsefans Lust auf sommerliche Grillfeste.

Der Autor schwenkt Maiskolben in Limetten-Parmesanbutter, serviert Mozzarella mit Honig-Zimt-Chutney und backt sogar Brote auf dem Grillrost. Neu und vielfältig für jeden, der gerne gutes Essen geniesst - ob mit oder ohne Fleisch.

Cornelia Schinharl: Frühling, Sommer, Gemüse! Überraschend neue Rezepte für die Lieblinge der Saison

Nach dem Winter finden wir auf dem Markt endlich wieder junges, frisches Gemüse.

Spargel, Tomaten & Co. zeigen sich in diesem Kochbuch in ganz neuem Licht: Ofentomaten wandern in den Salat, der Spinat reist in den Orient.

Alle Rezepte sind leicht wie der Frühling und aromatisch wie die Luft im Süden.

Margareta Schildt-Landgren: Die neue nordische Küche, 100 Rezepte - einfach, naturnah, authentisch

In diesem Buch lernen wir die moderne skandinavische Kochkunst kennen. Die Rezepte bestechen durch ihre schlichte Eleganz. Sie verbinden traditionelle Zubereitungsarten mit modernen Geschmacksreaktionen und der Rückbesinnung auf natürliche, ökologische Grundprodukte.

In Schweden, Norwegen und Finnland besteht das Jedermannsrecht, das jedem Menschen das Recht einräumt, die Natur und ihre Früchte zu geniessen, ganz gleich, wer den Grund und Boden besitzt.

Für viele Skandinavier ist das Sammeln von Pilzen, Kräutern und Beeren im Wald daher eine selbstverständliche Freizeitbeschäftigung.

Alison Walker: Geschenke aus der Küche. Über 100 Rezepte - süss und pikant

In diesem Kochbuch finden sich klassische Rezepte und Neukreationen. In einer Welt, in der Massenproduziertes die Norm ist, bekommt Selbstgemachtes einen besonderen Stellenwert. Im Buch findet man viele kreative und originelle Verpackungsideen für die süssen oder pikanten Mitbringsel.

März-Tipps von Monika Pieren

Roland Buti: Das Flirren am Horizont

„Das Flirren am Horizont“, ein existentielles Familiendrama, eine Geschichte vom Ende der traditionellen, kleinbäuerlichen Landwirtschaft wurde 2013 für den Prix Medicis nominiert und im 2014 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Die Sprache von Roland Buti ist sinnlich und ausdrucksstark.

Der 13-jährige Gus verbringt seine Tage auf dem abgelegenen Hof seiner Eltern mit Lesen, Herumstreifen und Mitanpacken. In der katastrophalen Hitze des Sommers 1976 gerät diese Welt aus den Fugen. Die Dürre verlangt Menschen, Tieren und Pflanzen das Äusserste ab. Alle kämpfen sie ums Überleben. Der Hofhund Sheriff bricht unter der Hitze regelmässig zusammen und kann nur mit dem Wasser aus der Giesskanne besprüht, wieder zum Leben erweckt werden. Die Zuchthennen in der neu angelegten Geflügelhalle sterben zu Hunderten. Unter diesen extremen Belastungen gerät auch das Familiengefüge ins Wanken.

Dreissig Jahre später kehrt Auguste zurück. Er erinnert sich und versucht zu verstehen, wie im Laufe jenes Sommers die Welt seiner Kindheit so abrupt zu Ende gehen konnte. Vor allem jedoch sucht er noch einmal die Begegnung mit seinem alten Vater.

Es ist zu hoffen, dass noch weitere Romane dieses viel versprechenden Autors aus der Romandie ins Deutsche übersetzt werden.

Ricarda Huch: Der Fall Deruga

Ricarda Huch hat den Kriminalroman „Der Fall Deruga“ vor beinahe 100 Jahren geschrieben und wohl zu diesem Anlass ist er wieder neu aufgelegt worden.

Ricarda Huch war eine faszinierende, schillernde Persönlichkeit, deren Lebensgeschichte heute auf fast noch grösseres Interesse stösst, als ihre Werke. Sie war eine Protestantin, eine Vorreiterin in mancherlei Beziehung. Erstaunlich auch ihre Haltung dazumal zu einem heute topaktuellen Thema.

Nach der Exhumierung wird festgestellt, dass Mingo Schwieter mit Curare vergiftet wurde. Nun muss sich Dr. Deruga, ein in Prag lebender Arzt, der Anklage des Mordes an seiner geschiedenen Frau stellen.

Allmählich werden die Charakterzüge des Protagonisten herausgearbeitet. Die Sicht der Zeugen auf den Arzt fällt sehr unterschiedlich aus. Ganz offensichtlich jedoch hätte der so gut wie mittelose, seine Praxis vernachlässigende, Gesellschaftsregeln missachtende Arzt ein Mordmotiv gehabt, wurde er doch zum Alleinerbe eines bedeutenden Vermögens eingesetzt.

Wer es mag, sich anhand eines Verhandlungsprotokolls, der Lösung eines Kriminalfalles zu nähern, wird mit diesem Buch bestens bedient. „Der Fall Deruga“ wird heute auch als Gesellschaftsroman der damaligen Zeit gesehen.

Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers

Weltberühmt wurde die Autorin durch die ersten zwei Bände ihrer Tudor-Trilogie. Von der Grossmeisterin des üppigen historischen Romans, erscheint 2014 erstmals ein Erzählband. Alle Geschichten werden aus weiblicher Perspektive erzählt. Autobiografische Erlebnisse und Erfahrungen sind eingeflossen. Die Autorin hat einen analytischen, manchmal etwas zynischen Blick auf ihre Figuren.

Bei der Erzählung über eine Autorenlesung, im Ton selbstironisch und leicht spöttisch, wird weder die Protagonistin noch ihr Publikum geschont. An anderer Stelle breitet Frau Mantel auf nur fünf Seiten „die ganze Landschaft einer Ehe“ aus. In der Titelgeschichte erwarten zwei Menschen, eine Schusswaffe im Anschlag, die Entlassung der ehemaligen Premierministerin aus einem Krankenhaus. Hier begegnen wir der einzigen historischen Figur in diesem Buch. Doch wir Leser wissen, Margaret Thatcher ist eines natürlichen Todes gestorben. „Erfahrungen an den Rändern unserer Wahrnehmung“, wie sie es einmal selbst bezeichnete, interessieren die Schriftstellerin. Dass in den Geschichten Vieles offen bleibt, finde ich besonders reizvoll.

Januar-Tipps von Barbara Schläfli

Pascal Gut: Zürcher Finsternis

Der Autor Pascal Gut, in Arth Goldau aufgewachsen, legt hier einen Kriminalroman vor, der eher als Psychothriller gehandelt werden müsste und nichts für zimperliche Gemüter ist!

Mario Presko, Kommissar und Hauptfigur in diesem packenden Thriller, ist zwar sehr erfolgreich in seinem Beruf, privat führt er jedoch ein Doppelleben. Obwohl er seine Frau und seine Tocher über alles liebt, erkauft er sich Liebe von anderen Personen. Seine heile Familienwelt bricht zusammen, als er sich gezwungen sieht, sein Geheimnis offen zu legen. In dieser Situation kommt ihm ein ungelöster Fall gerade recht. Ein junger Mann behauptet nämlich, er habe die als vermisst geltende Tamara Stein entführt. Mario Presko stürzt sich in die Arbeit und liefert sich, sein Team und die Mutter von Tamara geradewegs in die Hände eines Psychopathen und kaltblütigen Killers. Es steckt weit mehr hinter dieser grausamen Geschichte, als sie ahnen können und der junge Mann treibt ein niederträchtiges Spiel mit allen Menschen, denen er begegnet.

Ungeahnte Wendungen in diesem meisterhaft geschriebenen Thriller fesseln den Leser bis zum bitteren Ende.

Ralf Westhoff: Wir sind die Neuen (DVD)

Anne, Eddi und Johannes gründen eine Wohngemeinschaft. Das ist zwar nicht ungewöhnlich, eher speziell daran ist die Tatsache, dass die Bewohner alle im Alter von 60+ sind und nun ihre längst vergangene Studentenzeit wieder aufleben lassen. Nicht selten machen sie die Nacht zum Tage, sitzen bis spät in der Nacht in der Küche, trinken Wein und philosophieren über Gott und die Welt.

Doch das muntere Seniorentrio hat die Rechnung ohne die benachbarte Jung-WG gemacht. Katharina, überforderte Jura-Studentin, Barbara, schlagfertige, aber unfertige Kunststudierende, und Thorsten, Pedant und neurotischer Jurastudent, machen Rabatz gegen die Neuen und gehen auf Distanz. Aber hinter der arroganten Fassade verbergen sich Sorgen und Unsicherheiten. Klar, die Fassaden bröckeln, auch bei den Alten, die statt Retro-Idylle mit der Wirklichkeit konfrontiert werden. Anne will aufgeben. Aber dann machen die Jungen schlapp und bitten um Hilfe. Die Alten zögern zuerst, kommen dann aber in Fahrt...

„Wir sind die Neuen“ ist eine erfrischende Generationskomödie, die ebenso turbulent wie feinsinnig den Zwist zwischen zwei unterschiedlichen Altersgruppen beschreibt.

Richard Byrne: Hilfe, dieses Buch hat meinen Hund gefressen! (Bilderbuch)

Bella geht mit ihrem Hund spazieren und plötzlich ist er spurlos verschwunden. Was ist geschehen? Kann es etwa sein, dass das Buch den Hund gefressen hat?!
Zum Glück kommt Hilfe angebraust, ein Hunderettungsdienst, die Feuerwehr und sogar die Polizei doch alle ereilt dasselbe Schicksal. Da können nur noch die Leser helfen und durch beherztes Schütteln des ungezogenen Buchs dafür sorgen, dass die Geschichte weitergeht. Schliesslich plumpsen die Verschlungenen wieder heraus und alles kann seinen gewohnten Gang weitergehen. Obwohl alles? Was Bücher so alles können!

Ein in jeder Hinsicht freches Bilderbuch mit grossem Spassfaktor, das sowohl spielfreudigen Kindern als auch büchernärrischen Erwachsenen eine Menge Spass bereitet.

November-Tipps von Colette Fehlmann

Helga M. Novak: Im Schwanenhals

In diesem November sind es 25 Jahre seit dem Fall der Berliner Mauer. Als die 1935 geborene Lyrikerin und Erzählerin Helga M. Novak 1979 und 1982 die ersten beiden Teile ihrer Autobiographie herausgab, war sie bereits seit über 10 Jahren ausgebürgert aus der DDR - mit einem immerwährenden Einreiseverbot in ihre Heimat... Nun, 30 Jahre später, die Fortsetzung. Und das beginnt so: Fast hätte ich die Wahrheit gesagt und durch ein einziges Wort meinen Studienplatz verloren. Auch so prallen schon sehr bald der realsozialistische Überwachungsstaat und der ungestüme, unbeugsame Charakter von Novak hart aufeinander! Sie wird exmatrikuliert, haut mit ihrem isländischen Freund nach Island ab, wo sie sich mit Arbeit in Fischfabriken durchschlägt.
1965 macht sie nochmals einen Versuch in der DDR Fuss zu fassen und schreibt sich am Literaturinstitut Johannes R. Becher ein. Nach einem euphorischen Anfang, wo sie sogleich zum oppositionellen Kreis um Havemann, Biermann, Sarah Kirsch gehört, dauert es nicht lange, bis sie definitiv exmatrikuliert und ausgebürgert wird. Erneut vagabundiert sie durch Europa. Sie stirbt am 24. Dez. 2013 in Berlin. Keines ihrer Werke war je in der DDR erschienen.
"Sie ist die zärtlich-schroffste Dichterin" schreibt Wolf Biermann. Das gilt genauso für ihre eindringliche Lebenserzählung.

Aleksander Hemon: Das Buch meiner Leben

Der bosnisch-amerikanische Romanautor nähert sich und uns in seinen autobiographischen Erzählungen den Verwerfungen an, die ein irrwitziger Bürgerkrieg in den Lebensgeschichten von Menschen anrichtet. Er erzählt von einer glücklichen Kindheit im multikulturellen Sarajewo, von anarchistisch-phantastischen Aktionen später mit seinen Studienfreunden, womit sie die öffentliche Empörung inklusive Staatssicherheit auf den Plan rufen. Noch 1991, als die Kriegsmeldungen sich häufen, versuchen sie auf der Kulturredaktion neben kritischen Berichten über die zunehmenden Aggressionen "in hedonistischer Verdrängung", mit "Partys, Sex und Drogen" hartnäckig an "vermeintlicher Normalität" festzuhalten. Bis die Freunde eingezogen werden und gebrochen zurückkehren und Hemon ab 1992 von Chicago aus die grauenvollen Fernsehbilder aus dem belagerten Sarajewo verfolgen muss.
Neben der Reflexion seiner eigenen Erfahrungen ist Hemon hellhörig für die Schicksale anderer Menschen, von denen er mit grosser Einfühlung erzählt. Dabei schreibt er in einer knappen Sprache, gespickt mit Witz und Selbstironie, wo der Schmerz aber jäh einbricht.
Seiner persönlichsten Tragödie ist der letzte Text gewidmet, der vom Sterben seiner kleinen Tochter und noch einmal von einer Ohnmacht, der Ohnmacht der Eltern erzählt, die ihr Kind gehen lassen müssen. Wir haben eine weite Reise in den Lebensgenuss und die Abgründe des Lebens gemacht, wenn wir dieses Buch beiseitelegen.

Florian Illies: 1913 - Der Sommer des Jahrhunderts

Reines Vergnügen und ungläubiges Staunen begleiten vom ersten Moment an das Hören von 1913. Illies montiert Personen und Ereignisse aus Kunst, Musik, Literatur und Politik aus diesem einen Jahr. "Berlin, Paris, München, Wien. Das waren die vier Frontstädte der Moderne 1913". Aus Prag schreibt Kafka seine gequält-schönen Liebesbriefe an Felice Bauer - "Kann man mehr vor sich selbst warnen als es Kafka in diesen Briefen tat?" . Die Dichterin Else Lasker-Schüler bekommt eine Postkarte von Freund Franz Marc, darauf auf winzigem Raum "die ersten blauen Pferde des Blauen Reiters". Wiederholt besuchen wir Sigmund Freud in der Berggasse 9 in Wien. Stalin und Hitler, aber auch der junge Josip Broz, später Tito, halten sich für einen kurzen Moment gleichzeitig dort auf.
Es ist ein überbordendes Jahr am Vorabend von zwei Weltkriegen, und die Fülle könnte einen erschlagen, würden wir den gleichen Personen nicht immer wieder begegnen. Deshalb eignet sich 1913 als Hörbuch ganz besonders, ist diese Kulturgeschichte in Geschichten doch wie gemacht, um mündlich erzählt bzw. vorgelesen zu werden.

September-Tipps von Irene Scheurer

Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling

Schauplatz von Gertrud Leuteneggers neustem Roman ist London im Frühling 2010, als der isländische Vulkan Eyjafjallajökull den Flugverkehr lahmlegte und eine bedrohliche Stimmung verbreitete.

Die Erzählerin trifft einen jungen irischen Zeitungsverkäufer, dessen Gesicht zur Hälfte mit Feuermalen gezeichnet ist. Durch das gegenseitige Erzählen von Geschichten gelingt es beiden, näher zueinander und zu sich selbst zu finden. Kindheitserinnerungen und Fragmente ihrer Lebensgeschichten tauchen auf. Bei vielen dieser Geschichten oder Stadtbeschreibungen liegen Schönheit und Schrecken nah beieinander. Es ist ein stilles Buch, in dem es der Autorin gelingt, das Ambivalente der Welt – ihre Schönheit und ihre Schrecken – in ein Bild zu bringen.

Linus Reichlin: Das Leuchten in der Ferne

Moritz Martens, ein 43-jähriger Kriegsjournalist, ist arbeitslos und steht an einem Wendepunkt in seinem Leben. Aber "er will nicht sterben, als einer, der sich nicht erkannt hat" und so lässt er sich auf ein Abenteuer mit Miriam ein. Sie berichtet ihm von einer sogenannten "Bacha Posh", einem afganischen Mädchen, das als Junge verkleidet bei den Taliban kämpft und bisher unerkannt geblieben ist. Martens erkennt darin den Stoff für eine erstklassige Reportage und beschliesst einen interessierten Zeitungsverlag zu finden und vor Ort zu recherchieren. Er begibt sich zusammen mit Miriam als Fotografin nach Badakhshan, der nordöstlichen Provinz Afghanistan. Doch schon bald stellt sich heraus, dass Miriam gar keine Fotografin ist und andere Gründe hat, nach Afganistan zu reisen. Für Martens beginnt eine intensive, entbehrungsreiche und prägende Zeit in den afganischen Bergen.

Detlef Bluhm (Hrsg.): Bücherdämmerung. Über die Zukunft der Buchkultur

Die Buchbranche befindet sich zurzeit in einer grossen Umbruchphase. Der technologische Wandel ist rasant. Im US-amerikanischen Markt liegt der Anteil elektronischer Bücher bei 25 Prozent des Gesamtmarktes. Steht uns eine digitale Revolution bevor? Wird das Buch seine Rolle als Leitmedium verlieren?

Klar ist, dass die Digitalisierung einschneidende Veränderungen für die Verlagsbranche und den gesamten Buchmarkt – und nicht zuletzt für Bibliotheken – mit sich bringen wird.

Neun Autorinnen und Autoren haben sich im Buch „Bücherdämmerung“ mit den neuen Medien und Kommunikationsstrukturen auseinandergesetzt und sich Gedanken über die Zukunft der Buchkultur gemacht und sich gefragt, ob wir am Vorabend eines neuen Morgens stehen.

Juli-Tipps von Karin Wieler

Klaus Modick: Klack

1961: Der Erzähler, damals 14-jährig, gewinnt einen Fotoapparat Agfa Clack am Ostermarkt.

Heute: Der Erzähler muss den Estrich räumen, findet die Fotos von damals, Erinnerungen steigen auf…

Wir erinnern uns mit dem Erzähler an diese Zeit: Angst vor dem Kalten Krieg, Fremdenhass (damals gegen die Italiener), verlogene Miefigkeit im Städtchen, Verklemmtheit in der Familie (wunderbar beschrieben zum Beispiel die Mutter, die jegliche „heissen“ Themen mit „Pst, Tagesschau“ und ähnlichem abklemmt!), erste Liebe mit allem Drum und Dran. Lustig und traurig und beklemmend und erst 50 Jahre her – der 1951 geborene Klaus Modick bietet uns genaue Bilder dieser Zeit.

Michael Wollny Trio: Weltentraum (CD Jazz)

Der junge Pianist Michael Wollny mit Tim Lefebvre am Bass und Eric Schaefer am Schlagzeug legen uns eine wunderbar poetische CD vor. Eigenwillige Interpretationen von Stücken von Paul Hindemith (1895-1963), Wolfgang Rihm (*1952) oder auch Guillaume de Machaut (Komponist und Dichter des 14. Jahrhunderts) oder Friedrich Nietzsche (1844-1900) lassen aufhorchen, ebenso wie die Eigenkompositionen. Gehen Sie auf Spurensuche für die originale Musik – oder geniessen Sie die Stücke so wie das Michael Wollny Trio sie uns präsentieren!

Alina Bronsky: Nenn mich einfach Superheld

Marek findet sich eines Tages in einer Selbsthilfegruppe für Versehrte in der Meinung, es sei eine Privatgruppe für ein externes Abitur. Sein Gesicht ist durch den Biss eines Rottweilers aufs Schlimmste entstellt. Seine Mutter steckt ihm die Adresse zu – selber überfordert mit der Situation ihres Sohnes. Marek bleibt nach einem ersten Impuls wegzulaufen in der Gruppe, zusammen mit fünf jungen Menschen mit unterschiedlichsten Handycaps.

 

Lachen, Weinen und alles, was dazwischen liegt: Die Lektüre dieses Romans mit Marek als Erzähler beschert uns ein Wechselbad der Gefühle. Alina Bronsky schafft es einmal mehr, mit einiger Boshaftigkeit zu beschreiben, was in den Jungen vorgeht, ihre Sehnsüchte, ihre Fort- und auch Rückschritte, ihre Stolpersteine in Gestalt von gutmeinenden Mitmenschen. Marek kämpft sich mit viel Zynismus und einem ziemlichen Quantum an Respektlosigkeit allem und allen gegenüber durchs Leben. Dieses birgt aber auch für ihn zarte Momente.

Janne Teller: Alles worum es geht (Jugend 13-16: Besondere Schicksale)

Es gibt Bücher, von denen wir jeweils nicht auf Anhieb wissen, für welche Alterskategorie sie bestimmt sind. Janne Tellers Werke gehören dazu (auch: „Nichts. Was im Leben wichtig ist“). Es sind Episoden aus dem Leben junger Menschen, die durch einen eigentlichen Zufall gewalttätig geworden sind, sei es durch unbedachte Äusserungen, sei es durch impulsives oder einfach ungeschicktes Verhalten anderer oder auch durch ihre bisherige Lebensgeschichte. Bewegende Kurzporträts, ohne Wertungen, ohne Antworten, ohne Rezepte oder Lösungsvorschläge. Nachvollziehbar und aufschreckend für junge wie auch erwachsene Lesende.

Der Text „Alles – was ich erzählen kann“ am Schluss des Buches ist schwierig einzuordnen, da wäre ein klärendes Gespräch für die jugendlichen Lesenden sicher hilfreich.

Nachdem Janne Tellers erstes Buch „Nichts“ in Dänemark zuerst verboten war, erhielt die Autorin namhafte Preise dafür. Nicht nur deshalb ist „Alles“ ebenso lesens- und bedenkenswert.

Mai-Tipps von Gabi Scherer

Alain de Botton: Religion für Atheisten

Was können wir von den Religionen lernen? Die Religionen haben einen Reichtum an Dingen zu bieten, die uns helfen, das Leben einfacher und sinnvoller zu gestalten:

Eine Ethik, damit Gemeinschaften friedlich miteinander und nebeneinander leben. Religionen können uns helfen, bei Tod, Schmerz und Leiden Trost zu finden.

Die Religionen haben nicht nur Doktrinen erschaffen, sie gaben Kunst, Architektur und Musik eine Bedeutung, die uns zum Staunen bringt: Die meisten von uns lieben Kathedralen oder die Musik von Bach.

Lorenz Marti: Eine Hand voll Sternenstaub - Was das Universum über das Glück des Daseins erzählt

Leicht und spielerisch verbindet Lorenz Marti wissenschaftliche Erkenntnisse mit philosophisch-poetischen Weisheiten. Beim Lesen dieses Buches wird man für die rätselhaften und wunderbaren Seiten unserer Welt sensibilisiert.

Der Blick zu den Sternen hilft uns, den eigenen Ort hier auf der Erde neu zu bestimmen und schätzen zu lernen. Das eigene Ich wird Teil einer grösseren Wirklichkeit, es öffnen sich neue Horizonte. Lorenz Marti gelingt der spannende Brückenschlag zwischen Naturwissenschaft, Lebenskunst und Spiritualität.

Peter Gross: Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?

In den letzten zwei Jahrhunderten hat sich unsere Lebenserwartung verdoppelt. Was hat dieses lange Leben für einen Sinn in einer Gesellschaft, die das Starke, Schnelle und den permanenten Stress propagiert? Peter Gross stellt das herrschende Altersbild auf den Kopf.

Alter mässigt eine heiss laufende Gesellschaft. Im Alter findet sich auch Zeit, mit der Welt, den Mitmenschen und sich selber ins Reine zu kommen. Die Kinder von heute profitieren inmitten der vielen Generationen von dem reichen Schatz an Erfahrungen der älteren Generation.

März-Tipps von Monika Pieren

Peter Bieri: Eine Art zu leben - Über die Vielfalt menschlicher Würde

Die Würde ist des Menschen höchstes Gut. Würde ist ein unantastbares Menschenrecht. Doch was ist Würde, woher kommt sie, was verlangt sie? Der Philosoph Peter Bieri sucht die Antwort als Beobachter, in Beispielen aus unserem Alltagsleben und auch aus der Literatur. Würde als solches gibt es nicht. Würde erfahren, zerstören oder fördern wir in der Begegnung mit uns selbst und mit den anderen.

Das anschauliche, einfühlsame Vorgehen des Autors führt die Lesenden an die verschiedenen Formen menschlicher Würde heran. Er weckt damit eine neue Achtsamkeit für das Zusammenleben, öffnet uns die Augen für eine (neue) Art zu leben.

Erich Hackl: Dieses Buch gehört meiner Mutter

„Soweit ich zurückdenken kann, hat meine Mutter von der Welt ihrer Kindheit und Jugend erzählt... Ich bin nun, nach ihrem Tod, darangegangen, mich der früheren Welt zu versichern, sie mit ihrem Blick und in ihren Worten wahrzunehmen..."

Unmittelbar, ohne zu deuten, offen - nicht auf ein Ende oder gar eine Moral hin - erzählt der Autor aus dem Leben einer Bauerntochter; geboren und aufgewachsen in den 1920ern in einem kleinen Weiler Oberösterreichs. Die Abgeschiedenheit verschont die Menschen nicht vor den Auswirkungen von Krieg und Besatzung.

Mit seinen rhythmisierten Sätzen arbeitet Erich Hackl die Geschichten, Anekdoten und Erinnerungsbruchstücke in einer ganz besonderen, „kondensierenden" Stilform aus.

Erich Hackl ist ein grosser Chronist.

Katja Reider: Trüffel und Rosalie - Eine Geschichte von der Liebe

Rosalie, das Ferkel, und Trüffel, der Frischling treffen sich zufällig unter einem Apfelbaum - und es ist um sie geschehen. Ihre jeweiligen Freunde jedoch haben jede Menge Einwände. Liebe auf den ersten Blick, das gibt es nicht. Für die Liebe, für die Suche nach der/dem Richtigen muss man erst mal das Beste aus seinem Typ machen: Rosalie erhält eine neue Frisur, ein neues Outfit, Trüffel trainiert mit Hanteln, jongliert mit Aktien und frisiert seinen Flitzer - mit dem Resultat, dass sich die beiden nicht wiedererkennen. In ihrem Kummer suchen sie ihren Lieblingsort auf. Und siehe da, unter dem Apfelbaum sind sie nicht allein, unter dem Apfelbaum ist noch ein Schwein.

Katja Reider: Trüffel und Rosalie im Glück

Katja Reider erzählt liebevoll von den beiden Schweinen, die sich trauen, einander das Herz zu schenken. Mit sicherem, schwungvollem Strich illustriert Jutta Brücker die Geschichte. Ein Kleinod aus der Cartoon-Abteilung mit dem Charme eines Bilderbuches. Wer möchte da nicht sein Herz an die Schweinchen verlieren!

In „Trüffel und Rosalie im Glück" findet diese Liebe ihre Fortsetzung.

Januar-Tipps von Ulla Schiesser

Lisa Elsässer: Feuer ist eine seltsame Sache. Erzählungen

Man kennt sie immer noch etwas zu wenig, diese wunderbare Erzählerin und Lyrikerin aus dem Schächental. Darum habe ich mich entschieden, an dieser Stelle auch ihren zweiten Band mit Erzählungen zu empfehlen. Jede einzelne Geschichte ist ein kleines Universum, jede hat ihren eigenen Sound. Sie klingen wie kratzige, traurige Dylan-Songs, sind streng wie Kantaten von Bach oder warm-verträumt  wie alte Liebeslieder. Trotzdem bilden sie ein Ganzes. Es spannt sich ein Bogen von der ersten bis zur letzten Geschichte. Sie erzählen vom Lieben und Sterben, von Kindheiten und vom Elternsein, von all den gewöhnlichen, menschlichen Dingen, die wir kennen und die trotzdem, wenn ein bestimmtes Licht auf sie fällt, einen ganz besonderen Glanz bekommen.

Ob Lisa Elsässer Landschaften beschreibt oder Figuren; Schatten und Geheimnis begleiten Schönheit und Lachen.

Mein Favorit im Band ist die Geschichte von Herrmann, dem Heranwachsenden, der sich tagsüber lautstark und wild seinem Namen nähert, die Schule und die Gemeinheiten des Lebens verflucht und abends wieder Unterschlupf sucht in den Armen und Zärtlichkeiten der zuständigen Erwachsenen. Wer je einen Jungen durch Pubertät und Schule hat gehen sehen, grossmäulig und gleichzeitig verzagt, und die wilde Mischung aus elterlichen Stossgebeten und Zuversicht kennt, wird sich wiedererkennen und rühren lassen.

Ich mag Lisa Elsässers genauen Blick auf die Menschen und ihr Tun und ihre verblüffenden  Sprachbilder. Ironisch ist sie oft, auch gegen sich selbst, daneben von tiefer Ernsthaftigkeit. Ich freue mich, dass ich ihr am 8. März 2014 anlässlich einer Lesung in unserer Bibliothek begegnen werde.

Werner Lutz: Kussnester. Gedichte

Kennen Sie Werner Lutz? Auch er ist ein Schweizer Dichter, Grafiker und Maler. Auch für ihn möchte ich hier eine Lanze brechen, weil ich finde, man müsste ihn unbedingt lesen. Seinen ersten Gedichtband „Ich brauche dieses Leben" habe ich mir als junge Frau während der Buchhändlerlehre gekauft, seither ist er humorvoller, sprachgewaltiger, melancholischer Begleiter auf meinem Leseweg.

Erschienen im Waldgut Verlag,  in einer wunderschönen Werkausgabe, ist jeder Band eine Anschaffung wert. Natürlich sollten Sie diese zuerst in der Bibliothek ausleihen und dann kommt der Wunsch sie zu besitzen wie von selbst.

Gedichte von Werner Lutz schreibe ich auf Zettel für die Manteltasche, in ein altmodisches Wachstuchheft oder auf die Magnetwand in der Küche.

Seien Sie auf der Hut, vor allem vor den kleinen, anarchistischen Vierzeilern;  die bewohnen nach der Lektüre noch wochenlang das Gemüt.

Zum Jahreswechsel etwa, war es denn ein fröhlicher Vierzeiler:

Etwas brummt
im Gewebe meines Mantels
etwas kichert
in den Maschen meiner Jahre

Ich empfehle Ihnen übrigens sehr, einen Blick auf die Homepage des Waldgut Verlags zu werfen und Sie werden sehen, dass immer noch mit Leidenschaft schöne Bücher gemacht werden!

Dezember-Tipps von Barbara Schläfli

Arturo Pérez-Reverte: Dreimal im Leben

1928 begegnen sie sich das erste Mal, Max Costa und Mecha Inzunza. Max, ein charmanter und gut aussehender Mann, verdient seinen Lebensunterhalt als Eintänzer auf einem Ozeandampfer und lernt dabei die junge und sehr attraktive Mecha kennen, die Frau eines berühmten spanischen Komponisten.

Der Ozeandampfer bringt sie nach Buenos Aires. Max führt das Paar in seiner Geburtsstadt in zwielichtige Tangobars, da der Komponist dem ursprünglichen Tango auf die Spur kommen will. Dort geraten die Dinge ausser Kontrolle. Max und Mecha trennen sich in Buenos Aires und sehen sich erst viele Jahre später zufällig in Nizza wieder.

Während Mecha sich um ihren Mann sorgt, der in Spanien im Gefängnis sitzt, wird Max von italienischen Spionen genötigt, drei äusserst wichtige Briefe mit politischem Inhalt aus dem Safe einer Villa zu stehlen. Sein zweifelhaftes Image als Gentleman und sein Leben stehen auf dem Spiel. Seinen mondänen Lebensstil hat er sich in den letzten Jahren mit dem Geld fremder Leute gesichert, das er sich mit Betrügereien und Diebstählen verschafft hat. In Nizza trennen sich die Wege von Max und Mecha erneut. Fast dreissig Jahre später treffen sie sich wieder in Italien. Mecha konfrontiert Max mit einer für ihn unglaublichen Tatsache. Zum letzten Mal begeht er einen Diebstahl, eigentlich nur um sich selbst zu beweisen, dass er dazu noch imstande ist. Der Diebstahl gelingt zwar, aber der Preis dafür ist hoch. Max  verabschiedet sich erneut...

Arturo Pérez-Reverte erzählt uns in seinem Roman eine Geschichte über Liebe und Sehnsucht, Spionage und Schicksalsschläge im Leben. Ein wunderschöner Roman, fesselnd, spannend und ergreifend bis zum Schluss.

Ich - einfach unverbesserlich 2 (DVD-Familie)

Im zweiten Film hat der Superschurke Gru mit seiner kriminellen Vergangenheit abgeschlossen und kümmert sich nun hauptsächlich um seine drei Adoptivtöchter. Ausser der Organisation von Kindergeburtstagen und dem Abwimmeln von unliebsamen Verehrern seiner Töchter hat er nicht viel zu tun. Als es aber zu mysteriösen Vorfällen kommt, die auf das Konto eines neuen Superschurken gehen könnten, sieht sich Gru wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Zusammen mit der Agentin Lucy versucht er den Vorfällen auf die Spur zu kommen. Natürlich stehen ihm die knallgelben und witzigen Minions treu zur Seite.

Für alle Fans von Gru dem Superschurken und den gelben Minions!

November-Tipps von Karin Wieler

Kamisado: Das Duell der Drachentürme (Standort Spiele rot)

Ein Spiel für 2 Personen ab 8 Jahren, farbenfroh, mit Regeln von einfach bis anspruchsvoll:

Sie sitzen sich gegenüber, jeder hat 8 Drachentürme mit verschiedenfarbigen Schriftzeichen auf dem Dach in der ersten Reihe vor sich. Der Spielplan gleicht dem des Schachs, nur sind die Felder in den gleichen Farben wie die Schriftzeichen auf den Drachentürmen gehalten.

Ziel: Einen Turm auf die Startlinie des Gegenübers zu bringen. Man darf nur vorwärts oder diagonal fahren.

Hauptregel ist, dass A mit der Farbe seines Turms weiterfährt, auf der der Turm von B gelandet ist.

Zum Beispiel: Zieht A seinen Turm auf ein gelbes Feld, muss B mit ihrem gelben Turm weiterziehen. Sie landet auf einem grünen Feld, also muss A mit seinem grünen Turm weitermachen.

Ein unterhaltsames, bei aufmerksamen Zügen kniffliges, aber eigentlich einfaches Spiel, das Sie auch mit Kindern spielen können - die trüben Abende sind sogleich vergnüglich!

 

Vincent Peirani: Thrill Box (CD-Jazz)

Vincent Peirani, geboren 1980 in Nizza, ist ein begnadeter Akkordeonist, der mit Eigenkompositionen und solchen von Brad Meldau sowie Thelonious Monk eine wunderbare CD eingespielt hat.

Nicht nur im ersten Stück hören wir, wie Peirani sein Instrument verfremdet einsetzt - mal subtil im Hintergrund, mal kräftig in Harmonie und Rhythmus mit seinen Mitmusikern.

Abwechselnd von melancholisch bis rassig und flink, sind die Stücke spannend und ein wahrer Genuss!

 

Yoko Ogawa: Schwimmen mit Elefanten

Was für ein versponnenes, phantasievolles Buch! Mit ihrem Sinn für Humor und ihrer Tiefgründigkeit führt uns die japanische Autorin durch das Leben eines namenlosen Jungen. Er kam mit verschlossenen Lippen zur Welt und erhielt, um überleben zu können, Lippen, die aus der Haut seiner Waden geformt wurden. Dieser Umstand hat weitreichende Folgen, die wir mit Schaudern mitverfolgen. Ein sehr schweigsamer Junge aus armer Familie, vergnügt er sich gerne auf dem Dach des örtlichen Kaufhauses mit Erinnerungen an Indira, eine Elefantenkuh, die als Jungtier dort oben präsentiert wurde und nicht mehr weggebracht werden konnte, als sie ausgewachsen war.

Durch traurige Umstände lernt der Junge einen ehemaligen Busfahrer kennen, der in seinem ausrangierten Bus lebt und dem Jungen Schach beibringt. Auch als Nicht-SchachspielerInnen tauchen wir in die Magie, in die Poesie dieses Spiels ein, das die beiden nicht um des Wettstreits, sondern um des Spielgenusses an sich spielen. Der Junge wird ein virtuoser Spieler, erlebt wunderbare Zeiten, meist unter dem Schachtisch mit der Katze Prawn im Schoss sitzend, was sein Meister mit viel Verständnis toleriert. Unter dem Tisch hört, sieht und spürt der Junge nicht nur die Züge seiner Spielpartner, sondern auch deren Gemütszustand.

Lassen Sie sich in diese fremde, skurrile Welt ein, geniessen Sie die reichen Stimmungen zwischen den Zeilen, das behutsam beschriebene Erwachsenwerden des Jungen, der eines Tages beschloss, nicht mehr zu wachsen.

 

Oktober-Tipps von Gabi Scherer

Henning Mankell: Erinnerung an einen schmutzigen Engel

Basierend auf historischen Fakten erzählt dieser Roman die bewegende Geschichte einer Schwedin, die Anfang des 20. Jahrhunderts auf abenteuerliche Weise in den Süden Afrikas gelangt. Die Protagonistin Hanna Renström ist in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen und verlässt ihr Heimatland, um dem Elend zu entfliehen. Als Köchin arbeitet sie auf einem Schiff, das Kurs nimmt nach Australien. Sie verliebt sich in den Steuermann, die beiden heiraten. Als ihr Ehemann an einer tropischen Krankheit stirbt, verlässt Hanna das Schiff frühzeitig und landet in der portugiesischen Kolonie Moçambique. Dort erbt sie ein Vermögen, leitet ein Bordell und verschwindet schliesslich spurlos.

Fabio Geda: Der Sommer am Ende des Jahrhunderts

Sein Debütroman „Im Meer schwimmen Krokodile" machte den in Turin geborenen Fabio Geda schlagartig berühmt. In seinem zweiten Buch erzählt der Autor die Geschichte einer italienischen Familie. Die Hauptfigur ist ein 12-jähriger Junge namens Zeno. Dieser geniesst den Sommer auf Sizilien, treibt allerlei Unfug und geht am liebsten schwimmen oder angeln. Als Zeno den grössten Wolfsbarsch seines Lebens fängt, verändert sich alles, denn an diesem Tag wird bei seinem Vater eine lebensbedrohliche Krankheit diagnostiziert. Zenos Mutter bleibt über Wochen im Krankenhaus bei ihrem Mann. Deshalb muss Zeno den Rest des Sommers bei seinem Grossvater verbringen, den er gar nicht kennt. Das Leben des Grossvaters spiegelt zugleich die Tragödien des ausgehenden Jahrhunderts wieder. Der Autor lässt die Ereignisse der Vergangenheit anhand einer Familiengeschichte Revue passieren. Dabei geht es auf berührende Weise um das starke Band zwischen den Generationen, der Roman ist eine eigentliche Liebeserklärung an das Leben.

September-Tipps von Colette Fehlmann

Nina Pauer: Wir haben keine Angst. Gruppentherapie einer Generation

Schon der Prolog ist ein grosses Vergnügen. Die 1982 geborene Nina Pauer beschreibt darin das Heranwachsen ihrer Generation parallel zu den globalen Bedrohungen der  80er-Jahren bis heute. Die satirische Zuspitzung  macht nachvollziehbar, dass die Angstattacken der Eltern und die medialen Katastrophenmeldungen, die sich in irrsinnigem Tempo ablösen, diese Kinder zunächst mal immunisiert haben.
Eigentlich. In Wahrheit lauern da aber diverse existenzielle  Angstmacher, nur vertragen sich die nicht mit dem Coolness-Gebot der Stunde. Zusammen mit ihren beiden Protagonisten Anna, der jungen Power-Frau, und Bastian, dem liebenswürdigen Chaoten,  führt sie uns in fünf Kapiteln durch fünf exemplarische Angstmacher.  Einer davon ist der so zeittypische "Markt der unendlichen Möglichkeiten" und "was mit diesem grossen, gemischten Optionensalat nun anzufangen war". Der generiert nämlich unvermeidbar Verpassensängste: Wäre, hätte, würde ich nicht doch besser dies oder das? "Diese fiesen Sirenen des Konjunktivs" nennt sie Nina Pauer. "Wir hören ihnen gerne zu. Aber trotzdem sind sie es, die uns ständig alles vermiesen."
Das ist witzig und fordert die Selbstreflexion heraus. Was wünschen wir uns mehr von einem guten Buch!

Tony Judt: Das Chalet der Erinnerungen

Mit grosser Leichtigkeit, Humor und scharfem Verstand ist die Autobiografie des englisch-amerikanische Historikers und Kenners der europäischen Nachkriegsgeschichte, Tony Judt, geschrieben. Selber notieren konnte sie der 2008 an einer tödlichen Muskelkrankheit Erkrankte nicht - nur diktieren, was er in schlaflosen Nächten, "allein in meinem Körpergefängnis", erinnert hat. Dabei kam ihm eine sehr konkrete Kindheitserinnerung an ein Chalet in den Schweizer Bergen zu Hilfe, in dessen Räumlichkeiten er seine Erinnerungen organisieren und ablegen konnte.

Tony Judt wurde 1948 im London der Nachkriegszeit als Kind nichtreligiöser jüdischer Eltern mit osteuropäischen Wurzeln geboren. Da herrschte noch jahrelang Rationierung und im Elternhaus wurde nächtelang über Marxismus, Zionismus, Sozialismus diskutiert. "Für mich hiess Erwachsensein: miteinander reden. Das denke ich noch heute." Herrlich, wie anschaulich er seine Zeit als zunächst begeisterter (doch schon bald desillusionierter) Kibbuzim in Israel und später die 68er-Jahre in London, Paris und Frankfurt beschreibt und einer (selbst-)kritischen Analyse unterzieht. Seine Erfahrungen machen ihn immun gegen alle Spielarten von -ismen und sonstigen intellektuellen Modeströmungen. Dagegen bleibt er ein grosser Unangepasster, der beharrlich für soziale Gerechtigkeit, Humanität und gegen Ausgrenzungen Stellung nimmt. Ein sehr persönliches und gleichzeitig politisch wichtiges Vermächtnis, das er uns nach seinem Tod 2010 hinterlassen hat.

Dirk Kurbjuweit: Zweier ohne

In der Nacht, als das Mädchen vom Himmel fiel, wurde Ludwig mein Freund. Ein Buch, das mit einem solchen Satz beginnt, hat einen schon gefangen. Der Abschied von der Kindheit, eine symbiotische Freundschaft, die ersten sexuellen Erfahrungen und die Katastrophe, das alles ist darin ganz verknappt schon enthalten.

Die Freundschaft zwischen Ludwig und Johann wird auf der Brücke besiegelt, von der immer wieder Menschen in den Tod springen und vor das Haus von Ludwigs Eltern fallen. Über Ludwig wird Johann vertraut mit dem Tod und frei von der Welt der besorgten Eltern, mit ihm teilt er die kaum zu ertragenden raschen Wechsel zwischen "grössten Zweifeln" und "den grössten Hoffnungen". Als  Zweier ohne (Steuermann) im Ruderwettkampf  fast unschlagbar, müssen sie ihre Übereinstimmung immer weiter treiben. Doch das kann nicht von Dauer sein.

Dirk Kurbjuweit hat in seiner frühen Novelle in selten schöner, packender Sprache die Krisenerfahrungen der Adoleszenz eingefangen, die auch beim Wiederlesen nichts von ihrer Intensität verloren hat.

August-Tipps von Irene Scheurer

Lloyd Jones: Die Frau im blauen Mantel

"Die Frau im blauen Mantel" ist zugleich die Beschreibung einer Odyssee, eine kriminalistische Spurensuche sowie die Schilderung eines berührenden Einzelschicksals.

Eine junge Afrikanerin strandet an der sizilianischen Küste. Als Illegale ohne Papiere ist sie auf Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen. Sie will nach Berlin und hofft, dort ihr Kind zu finden, das ihr vermeintlicher Freund entführt hat. Durch die Zeugenaussagen von Menschen, die ihr auf ihrem langen und beschwerlichen Weg von Afrika nach Norddeutschland begegnen, entfaltet sich nach und nach ihre Geschichte. Die teilweise widersprüchlichen Beschreibungen der Frau im blauen Mantel zeigen jedoch auf, dass das Bild, das wir von jemandem machen, immer subjektiv ist und nie ganz der Wahrheit entspricht.

 

Francisco Goldman: Sag ihren Namen

In seinem kürzlich ins Deutsche übersetzten Buch "Sag ihren Namen" beschreibt der amerikanische Autor seine glückliche Zeit mit seiner mexikanischen Frau Aura. Die junge, quirlige Doktorandin und der ältere, bedächtige Dozent sind äusserlich zwar ein ungleiches Paar, in vieler Hinsicht jedoch geistesverwandt. Sie geniessen ihre grosse Liebe und haben viele Zukunftspläne. Doch zwei Jahre nach der Hochzeit wird Aura während der Ferien in Mexiko beim Bodysurfing von einer riesigen Welle erfasst und auf den Boden geschleudert. Wenige Stunden später stirbt sie an den Folgen des Badeunfalls. Für Francisco Goldman bricht eine Welt zusammen. Er muss das Unfassbare annehmen und versucht, in den Erinnerungen an die gemeinsam verlebte glückliche Zeit Trost zu finden und Aura lebendig zu halten.

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Hörspiel

Allan Karlsson hat keine Lust auf seine Geburtstagsfeier im Altersheim. Obwohl der Bürgermeister und die Presse auf den 100-jährigen Jubilar warten, steigt Allan kurzerhand aus dem Fenster und verduftet. Bald schon sucht ganz Schweden nach dem kauzigen Alten, doch der ist es gewohnt, alle durcheinanderzubringen und sich immer wieder aus dem Staub zu machen.

Obwohl sich Karlsson nicht für Politik interessiert, ist er als Sprengstoffexperte bedeutenden Persönlichkeiten wie Franco, Mao, Stalin oder Truman begegnet und hat im Weltgeschehen ungewollt mitgemischt.

Nach der Hörbuchfassung ist die Krimikomödie in einer aufwändigen Inszenierung von Leonhard Koppelmann neu als Hörspiel herausgekommen. Koppelmann macht die Schelmengeschichte von Jonas Jonasson mit schnellen Szenenwechseln, Rückblicken, Originalaufnahmen der historischen Personen und Big Band-Sound zum unterhaltsamen Hörgenuss.

 

Juli-Tipps von Ulla Schiesser

Miriam Toews: Mr T., der Spatz und die Sorgen der Welt. Das Leben meines Vaters

„Nichts auf die Beine gestellt" - dieser Satz kommt vom verzweifelten Melvin Toews, bevor er sich, kurz nach seiner Pensionierung, das Leben nimmt. Schon mit 17 Jahren wurde ihm eine manische Depression diagnostiziert und der Arzt riet ihm, nie zu heiraten und eine Familie zu gründen. Genau das tat er aber und seine Tochter, die bekannte kanadische Autorin, verleiht ihrem Vater eine Erzählstimme. Melvin, tiefgläubiger Mennonit, eloquenter, engagierter und sehr beliebter Lehrer, hat für den Alltag oft keine Kraft mehr und verbringt lange Tage im Bett, als stummer Zuschauer des Familienlebens.

Seine Frau und seine Töchter lieben ihn, selbstverständlich und unverbrüchlich, auch wenn sie den Unkonventionellen und Getriebenen nicht immer verstehen.

Die Gemeinde der Mennoniten hat für Zweifler und Grübler nicht viel übrig und die Schuldzuweisungen sind erdrückend: „Wäre dein Glaube stark genug, hätte deine Depression keine Chance gegen Gott" und „über Privates spricht man nicht, egal, wie schlimm es ist". Melvin begegnet den Schwierigkeiten seines Lebens mit sehr viel Mut, Humor, Ironie und einem beeindruckenden Kampfgeist.

Man wünscht sich beim Lesen dieses anrührenden Buches, man hätte ihn kennengelernt, und man würde ihm gerne sagen, dass er sehr wohl vieles „auf die Beine" gestellt hat.

 

 

Lisa Elsässer: Die Finten der Liebe

Ich kannte Lisa Elsässer bisher nur als Lyrikerin. In der WOZ-Literaturbeilage „Und plötzlich ein Gedicht", die man übrigens unbedingt bestellen, lesen und anschauen sollte, waren dann nebst ihren Gedichten auch die Erzählungen sehr lobend besprochen. Neugierig geworden, habe ich den Band angeschafft, in einem Zug gelesen und mich gefühlt wie das Trüffel-schwein im Glück.

1951 in einer kinderreichen Familie im Schächental geboren, erzählt Lisa Elsässer von ihrer kargen Kindheit im engen Bergtal, umgeben von schroffen, schweigenden Menschen. Vom Aufbegehren, von der Freudlosigkeit und von ihren Überlebensstrategien in der Einsamkeit. Man findet in dem Band aber auch Liebesgeschichten, lakonische, innige und schräge. Alle sind sie in einer wunderbaren Sprache geschrieben. Die Mischung aus Ernsthaftigkeit, Ironie und Witz ist perfekt. Selten habe ich so Schönes von einer Schweizer Autorin gelesen.

 

 

Friedrich Ani: Süden

Ein schlauer, schöner Krimi mit meinem Lieblingsermittler Tabor Süden. Genau das Richtige für Ihr Reisegepäck. Süden ist Fachmann für das Aufspüren von Vermissten. Selber Sohn eines vor vielen Jahren Verschwundenen, beschäftigt er sich mit dem „weissen Raum" den die Vermissten hinterlassen und stellt immer wieder fest, dass das Verschwinden ein Prozess ist, der schon lange zuvor begonnen hat, als für die Angehörigen noch alles in Ordnung schien. Er fragt sich, was das Leben mit uns macht, dass wir einander so wenig kennen. Der Melancholiker löst seine Fälle auf unkonventionelle Art. Er bringt die Menschen zum Reden indem er schweigt und intensiv zuhört. Er mag alle, die „ein wenig aus der Welt gefallen" scheinen, und von denen gibt es auch in München viele. Kein Thriller, keine Leichen und Blutlachen, aber ein spannender Roman, für den Friedrich Ani hat den Deutschen Krimipreis 2012 bekommen hat.

Juni-Tipps von Monika Pieren

Marie-Claire Dewarrat: Der Winter des Kometen

Kurz vor Weihnachten 1910 möchte der 16-jährige Albert-Maxime seinen Vater mit seiner Heimkehr überraschen. Auf dem nächtlichen Ritt verunglückt der Junge tödlich. Das zuvor behagliche Leben des verwitweten Julien Carême, seiner beider Töchter, der Haushälterin/Pflegemutter und des Knechtes auf dem abgelegenen Hof erstarrt. Carême gerät auf irrwitzige Abwege beim Versuch, auf jede erdenkliche Art sein verlorenes Kind wiederzufinden. Dem Sohn zu Lebzeiten seine Liebe zu wenig offenbart zu haben, treibt den Vater an den Rand des Wahnsinns.

Wie verwindet man den Tod eines Kindes?

Nie habe ich Eindrücklicheres über das Wesen von Trauer und Schmerz gelesen. Mit tiefer menschlicher Wärme beschreibt die Autorin ländliche Lebensform und jahreszeitliche Landschaftsstimmungen in der Romandie. Zugleich spiegeln sich darin die inneren Gemütszustände des Protagonisten. Erst nach einem langen, strengen Winter wird Julien wieder zurück ins Leben finden.

David Foenkinos: Nathalie küsst

Nathalie und François haben ineinander die grosse Liebe gefunden. Sie sind ein überaus glückliches Paar, bis François eines Tages tödlich verunfallt. In ihrer Trauer zieht sich Nathalie von aller Welt zurück. Später wird sie sich einzig ihren Aufgaben am Arbeitsplatz mit einem ausserordentlichen Pflichtbewusstsein widmen, sich jedoch in keinerlei Art am gesellschaftlichen Leben beteiligen. Ausgerechnet der unattraktive, ungelenke neue Mitarbeiter bringt Nathalie aus dem wieder gewonnenen Gleichgewicht.

Wunderschöne Geschichte über das Verlieren und Wiederfinden der Liebe.

Nach Foenkinos' eigenem Dafürhalten ist die Geschichte eine moderne Mischung aus „Dornröschen" und „Die Schöne und das Biest". „La délicatesse" , so der französische Titel, ist sein bislang grösster finanzieller Erfolg und besonders schön zu lesen in der Originalsprache. Auffallend und ansprechend sind der Sprachstil und die Komposition.

Das Buch wurde von David Foenkinos zusammen mit seinem Bruder Stéphane verfilmt.

Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels

Renée Michel ist dem äusseren Anschein nach ganz die einfache, unauffällige Concierge. Keiner der reichen Bewohner des Etablissement in der Rue de Grenelle 7 ahnt, wie belesen und gebildet die in Wahrheit sehr intelligente Witwe ist. Einzig die hochbegabte 12-jährige Paloma kommt ihr auf die Spur und mit dem Einzug von Monsieur Ozu beginnt eine wunderschöne Geschichte von Begegnung, Erkennen, Freundschaft und „was alles noch möglich wäre".

Muriel Barbery's philosophische Denkanstösse sind in kurze Kapitel gepackt und jede ihrer Protagonistinnen erhält eine eigene Stimme. Beides erleichtert das Lesen dieser amüsanten Gesellschaftssatire. Jener Leser, der sich gerne Gedanken über den Sinn des Lebens macht, wird immer stärker in den Bann dieser feinsinnigen Geschichte gezogen werden.

Originaltitel: L'élégance du hérisson / Film: Die Eleganz der Madame Michel / Hörbuch: Die Eleganz des Igels.

Mai-Tipps von Ursula Moser

Nick Dybek: Der Himmel über Greene Harbor

Seit Generationen verlassen die Männer von Loyalty Island das kleine Fischerdorf nahe Seattle für ein halbes Jahr und fahren auf die Beringsee hinaus. Der vierzehnjährige Cal ist zu jung, um seinen Vater zu begleiten, aber alt genug, um zu wissen, dass sein Leben wie das aller Familien im Ort vom Schicksal der Krabbenfischer abhängt. Er ist ebenfalls alt genug, um die Spannungen zwischen seinen Eltern zu spüren. Ob er, Cal, in die Fussstapfen seines Vaters treten soll, ist ein wiederkehrender Streitpunkt, und auch das Verhältnis seiner Mutter zu John Gaunt, dem Besitzer der Flotte, wirft Fragen auf. Dann stirbt John Gaunt: ein Schock für Cals Mutter, aber auch eine handfeste Bedrohung für die gesamte eingeschworene Gemeinschaft der Fischerfamilien. Denn nun soll Johns Sohn Richard die Geschäfte übernehmen, der als zynischer Aussenseiter gilt und obendrein noch nie einen Fuss auf einen Kutter gesetzt hat. Als Cal zufällig ein Gespräch zwischen seinem Vater und zwei weiteren Fischern belauscht, beschleicht ihn ein Verdacht - aber kann es wirklich sein, dass sie Richard aus dem Weg räumen wollen? Der Winter naht, Cals Verdacht erhärtet sich, und bald gerät sein moralischer Kompass massiv aus dem Takt.

Der 33-jährige New Yorker Nick Dybek schreibt in seinem Debutroman die spannende, mitreissende Geschichte dieser einfachen Menschen voller Verstrickungen in Tradition und Familienbeziehungen aus der Sicht von Cal.

Mika Kaurismäki: Mama Africa - Miriam Makeba (DVD)

Mika Kaurismäkis Dokumentaressay über die weltbekannte südafrikanische Sängerin Miriam Makeba, die ein halbes Jahrhundert lang die Welt bereiste und ihre politische Botschaft gegen Rassismus, gegen Armut und für Gerechtigkeit und Frieden verbreitete, ist die Hommage an eine Frau, die wie keine andere die Hoffnung und die Stimme Afrikas verkörperte.

Nicole Quint: Zürich - vertraut und ganz anders

Nicole Quint stellt 11 Orte zünftigen Lebens und 66 persönliche Lieblingsplätze vor, die auch die modernen, manchmal kuriosen und rebellischen Seiten der Stadt Zürich zeigen.

Bernadette Fülscher: Die Kunst im öfffentlichen Raum der Stadt Zürich

Der vorliegende Kunstführer vermittelt erstmals einen Überblick über den Gesamtbestand und über die Vielfalt der Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Zürich. Er dokumentiert 1300 Werke mit zentralen Informationen, einem Farbfoto und einem Eintrag auf dem Stadtplan.

In einem ausführlichen Kommentar gewährt die Autorin zudem Einblick in die Geschichte der Kunst im öffentlichen Raum Zürichs.

April-Tipps von Monika Zbinden

Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister

Wie schon der Roman "Winters Knochen" ist auch das neuste Buch von Daniel Woodrell eine Familiengentragödie im ländlichen Amerika. Die Mutter ist Alkoholikerin, der Vater unberechenbar, gewalttätig und der dreizehnjährige Shug wehrlos dazwischen. Jimmy taucht auf und mit ihm Hoffnung auf ein Entkommen in eine bessere Welt. Doch dieser Traum wird zur tödlichen Falle.
Daniel Woodrell erzählt die Geschichte knapp und konsequent. Er lebt selber in den Ozark Mountains, diesem amerikanischen Hinterland mit einer Arbeitslosenquote von 30 Prozent.

Robert Seethaler: Der Trafikant

Der siebzehnjährige Franz Huchel wird von seiner Mutter nach Wien geschickt, um dort in einer Trafik zu arbeiten. In diesem Zeitungskiosk begegnet er der grossen Welt - Wien 1937 - Sigmund Freud und der Liebe. Ein herzzerreissender Bildungsroman.

Richard Ford: Kanada

Der Ich-Erzähler erinnert sich daran, wie seine Kindheit plötzlich zu Ende ging.
Gebannt folgt man hier dem fünfzehnjährigen Dell Parson, der im Jahre 1960, nachdem seine Eltern eine Bank überfallen haben, aus den USA über die Grenze nach Kanada flieht und dort in die Gesellschaft eines satanischen Hotelbesitzers und kaltblütigen Mörders gerät.
Eine sehr berührende Geschichte mit Spannung und Reflexion.

P.D. James: Der Tod kommt nach Pemberley

P.D. James ist 92 Jahre alt und liest jedes Jahr einmal die Romane von Jane Austen. In ihrem neuen Krimi hat sie „Stolz und Vorurteil" weitergeschrieben. Es ist ihr neunzehnter Krimi und er spielt im Jahre 1803. Am Abend vor dem grossen Herbstball rast eine Kutsche durch den Park auf das Herrenhaus zu mit der völlig aufgelösten Lydia Wickham, die behauptet, ihr Mann sei ermordet worden ...

März-Tipps von Barbara Schläfli

Thommie Bayer: Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Vier Schulfreunde treffen sich nach fast zwanzig Jahren wieder am Grab ihrer Lehrerin.

Das Einzige, was sie dort noch verbindet, ist ihr vierstimmiger Gesang. Zum Abschied singen die Freunde ihrer Lehrerin und Förderin ein letztes Lied.

Michael lädt darauf hin alle nach Venedig in seinen Palazzo ein, wo sie sich zuerst schwer tun miteinander und erst nach und nach jeder von seinem Leben etwas preisgibt.

Misslungene Lebensentwürfe, Erfolge und Enttäuschungen scheinen die vier ehemaligen Freunde einander wieder näherzubringen. Sie steht noch im Raum, die grosse, unbeantwortete Frage nach der Liebe - und warum sie alle so kläglich an ihr gescheitert sind, jeder auf seine Weise.

Ein absolut grossartiger Roman, beeindruckend, wie eben gerade Männer ihr Leben meistern oder eben nicht.

Carlos Ruiz Zafón: Der Gefangene des Himmels

Ein Fremder betritt die Buchhandlung Sempere & Söhne in Barcelona und ersteht das teuerste Buch im Laden, eine Ausgabe des „Grafen von Monte Christo". Er widmet das Buch Fermín, über den er mehr zu wissen scheint, als gut ist.

Eine unglaubliche und spannende Geschichte nimmt ihren Anfang und führt uns unter anderem in die Wirren und Gräuel des spanischen Bürgerkrieges. Gleichzeitig spielt der Roman aber auch im Jahre 1957/58 in Barcelona, wo sich die Vergangenheit von Fermíns Leben langsam offenbart.

Carlos Ruiz Zafón fesselt einmal mehr den Leser mit seinem treffenden, ironischen aber auch witzigen Erzählstil.

Zitat: „Du wirst schon sehen, wie er bald wieder zunimmt. Die Männer sind so, wie Geranien. Wenn man schon glaubt, man muss sie wegwerfen, blühen sie wieder auf."

Coline Serreau (Regie): Saint Jacques ... Pilgern auf Französisch (DVD)

Die drei Geschwister Clara, Claude und Pierre gehen sich aus gutem Grund aus dem Weg. Nun sind sie gleichermassen entsetzt: Sie erhalten das Erbe ihrer Mutter erst, wenn sie den Jakobsweg nach Santiago de Compostela pilgern. Das Trio ist ungeübt, ungläubig und verfeindet - aber auf das Geld wollen sie nicht verzichten.

Die illusionslose Lehrerin Clara möchte am liebsten alle auf den Mond schiessen, der Unternehmer Pierre hängt ständig am Handy und Claude ist bekennender Alkoholiker und immer auf der Suche nach einer Bar.

Sie schliessen sich einer Reisegruppe an, angeführt von Guy. Der Fussmarsch wird zur erwarteten Tortur - und schweisst zusammen.

Eine irrwitzige, mit spitzzüngigen Dialogen gespickte Komödie um eine Reisegruppe auf dem Jakobsweg.

Februar-Medientipps von Karin Wieler

Francesco Tristano: Lang Walk

Mit den unüblichen Interpretationen von Buxtehudes und  Bachs Werken führt uns Francesco Tristano (*1981) in eine neue Welt. Auf einem mit zwölf Mikrofonen ausgestatteten, jedoch ohne Hall klingenden Flügel spielt er die Stücke aus der Barockzeit präzis und doch empfindungsreich. „Long Walk" und „Ground Bass" sind eine Weiterentwicklung des Vorherigen und zeigen Tristanos zweite Vorliebe für elektronische Tanzmusik. Lassen Sie sich vom eigenwilligen Klang des Flügels nicht irritieren - geniessen Sie die neuartig gestaltete alte Musik!

Lisa-Marie Seydlitz: Sommertöchter

Juno erfährt durch einen anonymen Brief, dass sie in der Bretagne ein Fischerhaus geerbt hat. In einem Café im Ort wird sie von einer seltsamen Kellnerin bedient. Der Nachbar Jan, ein Architekt aus Deutschland, ist oft auch hier. Alles ist im Moment fremd. Jetzt tauchen Kindheitserinnerungen an die Ferien hier auf, ebenso wie ein Familiengeheimnis. Ein ruhig beginnendes Buch, das aber mehr und mehr Sog entwickelt!

Thomas Lang: Jim

In aller Kürze: Frank und Anna Opitz mit dem jungen Orang Utan sind die Hauptfiguren dieser leichten Erzählung. Frank leidet durch einen Hirntumor an einer Fehlempfindung seiner rechten Hand, was sehr schmerzhaft ist. Anna, das luftige Wesen, kümmert sich hauptsächlich um Jim. Lustig, quer, auch ernsthaft, skurril - reinlesen, und schon wollen Sie die ganze Geschichte kennen!

Januar-Tipps von Gabi Scherer

Klara Obermüller (Hg.): Es schneit in meinem Kopf

Das Thema Demenz tritt immer häufiger auf. Es ist das Abbild einer realen Entwicklung: Wir werden immer älter und die Zahl der demenzkranken Personen steigt beängstigend rasch. Zehn Schriftsteller setzen sich auf literarische Weise mit dem Thema Vergessen auseinander. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Bedeutung von Erinnerungen. Wie wichtig ist das Wissen um die Vergangenheit für die Identität der Menschen? Und wer sind wir, wenn die Erinnerungen sich langsam in Luft auflösen?

Michael Theurillat: Eistod

Kommissar Eschenbach ermittelt für einmal in eisiger Kälte. Angesichts der tiefen Temperaturen erscheint es zunächst wenig erstaunlich, dass immer mehr Obdachlose in Zürich erfroren aufgefunden werden. Bis ein Gerichtsmediziner bei den Toten Spuren eines rätselhaften Giftes entdeckt. Dieser Fund wirft zunächst mehr Fragen auf, als dass er Antworten liefert. Im Zuge der Ermittlungen dringt Eschenbach in die besseren Kreise der Zürcher Gesellschaft ein. Der Kommissar versinkt immer tiefer in einem Sumpf aus Intrigen, Lügen und Korruption.

A. D. Miller: Die eiskalte Jahreszeit der Liebe

Die Liebe hat ihren Preis. Diese Erfahrung macht der erfolgreiche Londoner Anwalt Nick in Moskau auf schmerzhafte Art und Weise. Dabei dachte er, die russische Metropole zu kennen. Schliesslich arbeitet er seit 4 Jahren dort, trinkt mit Geschäftspartnern Wodka und geniesst sein zielloses Leben. Dies ändert sich schlagartig, als Mascha auftaucht. Sie zeigt Nick, wie dunkel und berauschend die Welt sein kann und stellt damit sein ganzes Leben auf den Kopf.

Peter Høeg: Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Ein Junge stürzt vom Dach eines Lagerhauses im Kopenhagener Hafenviertel und stirbt. Laut dem Polizeibericht handelt es sich bei diesem tragischen Ereignis um einen Unfall. Smilla Jaspersen, eine etwas eigensinnige Wissenschaftlerin aus Grönland, will sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben. Smilla beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, ihre Nachforschungen führen sie zurück in ihre Heimat und bringen allerlei Ungereimtheiten zu Tage.