empfohlen von Rahel Buchter

Francesca Melandri: Alle, ausser mir

Dieses Buch ist das Produkt einer 10-jährigen Recherche- und Schreibarbeit, in welchem die Autorin ein dunkles Kapitel der italienischen Kolonialgeschichte beleuchtet. Sie spannt den Bogen vom Abessinienkrieg im Ostafrika der 30er-Jahre bis zur aktuellen Flüchtlingsproblematik und zeigt auf, wie stark beides miteinander verknüpft ist.
Die Geschichte beginnt 2010 in Rom, wo die 46-jährige Lehrerin Ilaria vom Besuch eines jungen Äthiopiers überrascht wird, welcher behauptet, ihr Neffe zu sein. Sie forscht nach und stösst auf einige Ungereimtheiten im Leben ihres Vaters, Attilio Profeti. Bislang hatte sie immer geglaubt, er hätte während des 2. Weltkrieges für die Partisanen gekämpft.
In Wahrheit aber war er ein überzeugter Vertreter der faschistischen Rassenlehre und zu dieser Zeit in Ostafrika stationiert gewesen. Dort hatte er während des Krieges mit einer einheimischen Frau zusammengelebt und einen Sohn gezeugt…
Attilio Profeti wird keineswegs als berechnender Mensch geschildert. Er wirkt eher wie ein unbedachter, charmanter Lebemann, der auf der Suche nach Annehmlichkeiten und Anerkennung zum Mitläufer geworden ist, sich aber jeder Verantwortung für seine Taten entzieht.
Genau darum geht es in diesem Roman um die Frage, wie Verdrängung funktioniert, sowohl auf politischer als auch auf persönlicher Ebene.
Frau Melandri ist eine präzise Erzählerin, die der Sache auf den Grund geht. Man erfährt einiges über diesen von Mussolini angezettelten, völkerrechtswidrigen Krieg, der etwa 750'000 Todesopfer forderte, darunter sehr viele Frauen und Kinder.
Kein Buch, das sich einfach so nebenbei lesen lässt. Auch, weil es neugierig macht und zu eigenen Recherchen animiert.

Spike Lee: Blackkklansman (DVD)

Eine zweite Chance für diejenigen, welche die Filmvorführung im Kinofoyer Lux verpasst haben!
Colorado Springs, 1972: Ron Stallworth erhält als erster Schwarzer eine Stelle als Polizist und beginnt bald darauf, den Ku-Kluks-Klan zu unterwandern, indem er sich beim Klan bewirbt und mit dessen Mittelsmännern in telefonische Verbindung tritt. Als er sich dann leibhaftig vorstellig machen müsste, springt sein von der Hautfarbe her weniger verdächtige jüdische Kollege Flip, ebenfalls ein Undercover-Polizist, ein…
Der Film beruht auf den autobiografischen Aufzeichnungen von Ron Stallworth. Er kommt ganz leichtfüssig, mit teils deftigem Humor erzählt daher und das Ganze wirkt wie ein sympathischer Schelmenstreich. Trotzdem verliert Spike Lee nie den Ernst der Sache aus den Augen und nimmt ganz klar Bezug zur aktuellen politischen Situation.
Ausstattung, Mode und Frisuren in wunderschönster 70er-Jahr-Manier.
Besetzung und Musik sind vom Feinsten. Ein Film, den man sich gerne immer wieder mal anschaut.

Wolf Haas: Junger Mann

Ebenfalls in den 70er-Jahren, aber diesmal im ländlichen Österreich, ist dieser autobiografisch gefärbte Roman angesiedelt:
Ein leicht übergewichtiger Teenager jobbt während seiner Internatsferien an einer Tankstelle. Dabei lernt er die um einige Jahre ältere und mit dem Fernfahrer Tscho verheiratete Elsa kennen, verliebt sich in sie und beschliesst kurzerhand, sich einer strengen Diät zu unterziehen…
Wolf Haas lässt uns rückblickend in die Erlebniswelt eines liebenswerten, intelligenten und manchmal sehr einfach zu verunsichernden 13-Jährigen eintauchen.
Die Geschichte ist Sozialstudie und Road-Trip zugleich. Zudem ist sie charmant, warmherzig, raffiniert und mit Schmäh erzählt. Einfach wunderbar.