Kinder- und Jugendbuchempfehlungen von Simone Eutebach

Literaturpädagogin Simone Eutebach hat sich durch die Frühjahrs-Neuerscheinungen 2020 gelesen und die schönsten, spannendsten und unterhaltsamsten Kinder- und Jugendbücher für Sie zusammengetragen. Ihre Empfehlungen und viele Kreativtipps können Sie hier als PDF herunterladen.

Unsere Lesetipps

empfohlen von Rahel Buchter

Chris Yates: Nachtwandern. Eine Reise in die Natur

Der passionierte Angler und grosse Naturliebhaber Chris Yates lebt in den North Downs, einer von Wäldern, Feldern, kleinen Seen und Kreidehügeln geprägten Landschaft im Südosten Englands. Während des Jahres - vor allem rund um Mittsommer - macht er sich gern zu nächtlichen Streifzügen in der näheren Umgebung auf. Ohne vorgefassten Plan und weder mit Karte noch mit Taschenlampe ausgerüstet zieht er jeweils beim Eindunkeln für mehrere Stunden los, um zu sehen, was die Natur für ihn bereithält. Er betrachtet, wie sich im Zwielicht die Konturen der Landschaft zu verwischen beginnen, geniesst die Stille der Nacht, begegnet Waldkäuzen, weissen Damhirschen, wilden Dachsen, einer rätselhaften Wildkatze, beobachtet Vögel, Pflanzen, die Sterne und andere Lichtphänomene. Eine beruhigende Lektüre, welche beim Lesen den Blick auf die uns direkt umgebende Natur weitet und uns innerlich vor deren Schönheit verneigen lässt. Chris Yates hat bei diversen Natursendungen der BBC mitgewirkt und etliche Bücher übers Angeln veröffentlicht.

Ayad Akhtar: Homeland Elegien

Ein sehr kluges, äusserst komplexes Buch, welches einen starken Sog entwickelt und sich mit der Frage beschäftigt, inwiefern sich die Situation der muslimischen Bevölkerung in Amerika und an anderen Orten der Welt nach 9/11 verändert hat. Zudem lässt es ganz nebenbei ein paar Jahrzehnte amerikanischer und pakistanischer Geschichte Revue passieren. Der Ich-Erzähler des Romans heisst Ayad Akhtar, hat mehrere Theater-Stücke und einen Roman verfasst und vor einigen Jahren den Pulitzer-Preis erhalten. Seine Eltern sind 1968 von Pakistan in die USA eingewandert und sein Vater wurde später ein angesehener Herzspezialist – alles genau so, wie im "richtigen" Leben "unseres" Ayad Akhtar auch. Der Autor erzählt unter anderem, wie dem Protagonisten muslimischer Herkunft plötzlich mit Misstrauen begegnet wird und er sich dadurch in seiner eigenen Heimat zunehmend als Fremder fühlt. Oder wie sein Vater sämtliche nicht-muslimischen Patienten verliert und später trotzdem zum Trump-Wähler wird. "Homeland Elegien" ist ein Roman, der sich wie eine Autobiographie liest, aber Fakten und Fiktion so kunstvoll vermengt, dass unweigerlich unsere Neugierde angestachelt wird: Was ist wahr an der Geschichte, was frei erfunden? Welcher Charakterzug ist echt, welcher wurde dazugedichtet? Ayad Akhtar hält unserer Fake-News-Zeit mit seiner Erzählweise den Spiegel vor. Grosse Literatur, die aufklärt, aber auch provoziert.

Ryan White: Fragen Sie Dr. Ruth (DVD)

Ein Dokumentarfilm über das unglaubliche Leben einer bemerkenswerten Frau. Ruth Westheimer wuchs in Deutschland auf, verlor ihre jüdischen Eltern im Holocaust, lebte mehrere Jahre in einem Schweizer Kinderheim, studierte später in Paris und New York Psychologie und Soziologie, war dreimal verheiratet und gebar zwei Kinder. Die quirlige, nur gerade mal 145 cm grosse Frau mit deutschem Akzent und der leicht kratzigen Stimme wurde Expertin in Sachen Sexualaufklärung. Zuerst als Familienberaterin tätig, moderierte sie bereits 1980 eine New Yorker Radiosendung, in der sie völlig unbefangen über Sexualität sprach. Dies tat sie stets empathisch, charmant und voller Witz. Sie leistete Pionier-Arbeit bei der Aids-Aufklärung, räumte dabei mit vielen kursierenden Vorurteilen gegenüber Homosexuellen auf und setzte sich für ein Recht auf Abtreibung ein. Kein Wunder, wurde sie für viele zur Kultfigur. Im Film ist sie bereits 91 Jahre alt, hat aber nichts von ihrer Frische und Lebendigkeit eingebüsst. Sie wird noch immer zu Vorlesungen an Universitäten eingeladen, hält Vorträge und ist ein gern gesehener Gast in diversen Talk-Shows.