Kinder- und Jugendbuchempfehlungen von Simone Eutebach

Literaturpädagogin Simone Eutebach hat sich durch die Frühjahrs-Neuerscheinungen 2020 gelesen und die schönsten, spannendsten und unterhaltsamsten Kinder- und Jugendbücher für Sie zusammengetragen. Ihre Empfehlungen und viele Kreativtipps können Sie hier als PDF herunterladen.

Unsere Lesetipps

empfohlen von Irene Scheurer

Isabel Allende: Was wir Frauen wollen

Isabel Allende hat ihr neustes Buch während des Lockdowns im März 2020 geschrieben. Sie nutzt die Pandemie, die so vieles in Frage stellt, als Zeit zum Nachdenken und fragt sich: Was für eine Welt wollen wir?

Anhand von verschiedenen Beispielen und Lebenserfahrungen zeigt die 79-jährige chilenische Autorin in ihrem Essay auf, dass die Gleichstellung der Frauen in vielen Bereichen und Ländern bei weitem noch nicht erreicht ist.

Die Erfahrung ihrer Mutter, die mit drei kleinen Kindern von ihrem Ehemann in Peru sitzen gelassen worden ist, hat sie geprägt und ihre Auflehnung gegen die Herrschaft von Männern schon früh entfacht. Sie sei schon im Kindergarten Feministin gewesen, schreibt sie einleitend. Isabel Allende ist fest entschlossen, für ein Leben zu kämpfen, das ihre Mutter nicht haben konnte. Sie möchte die jungen Frauen von heute ermutigen und wünscht sich, dass sie Wahlmöglichkeiten haben und angstfrei leben können. Ihr engagiertes Plädoyer am Ende des Buches lautet: Wir wollen eine Gesellschaftsordnung im Gleichgewicht, die nachhaltig ist und auf Respekt füreinander, für andere Spezies und die Umwelt insgesamt gründen. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung, die alle einschliesst und keinen bevorzugt, in der niemand diskriminiert wird aufgrund von Geschlecht, Klassenzugehörigkeit, Alter oder sonst einem Etikett, das uns auseinanderbringt. Wir wollen eine freundliche Welt, in der Frieder herrscht, Einfühlungsvermögen, Anstand, Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Und vor allem wollen wir eine fröhliche Welt.

Jean-Paul Dubois: Jeder bewohnt die Welt auf seine Weise

Paul ist ein engagierter, hilfsbereiter Mann, der jahrzehntelang die Wohnresidenz «Excelsior» als engagierter Oberverwalter gehegt und gepflegt hat. Er ist nicht nur technisch versiert, sondern kümmerte sich auch - obwohl das nicht in seinem Pflichtenheft stand - einfühlsam um die vielen betagten Wohneigentümer.

Doch dieser friedfertige, fleissige, unauffällige Mann sitzt nun in der Strafanstalt Montreal eine zweijährige Strafe ab und teilt die Zelle mit dem Hells-Angel-Biker Patrick Horton. Wie und weshalb ist ein so freundlicher Mensch strafffällig geworden, fragt man sich bei der Lektüre.

Während der Langsamkeit der Tage im Gefängnis hat Paul viel Zeit, sein Leben Revue passieren zu lassen. Er reflektiert über seine Kindheit in Toulouse als Sohn eines dänischen Pastors und einer Französin, die mit Leidenschaft ein Kino betrieben hat, über seine spätere aufopfernde und erfüllende Zeit als Hausmeister in Kanada und sein spätes Glück mit Winona und Nouk. Am Ende des Romans wird klar, was ihn in Rage gebracht hat und hat sehr viel Verständnis für seine Tat.

Andreas Neeser: Wie wir gehen

Mona versucht, ihrem krebskranken, verwitweten Vater Johannes näherzukommen und einen Weg aus der Sprachlosigkeit zu finden. Er ist ihr in vielen Belangen fremd. Sie realisiert: Du bist mein Vater und ich weiss so wenig über dich, am wenigsten von früher.

Um ihn besser verstehen zu können, bittet sie ihn, seine Geschichte auf ein Diktiergerät zu sprechen. Sie möchte nachvollziehen können, welche Prägungen er erhalten hat und wie diese in ihre Erziehung eingeflossen sind. In vielen Rückblenden wird klar, dass Johannes als viertes Kind einer sehr armen Familie als Verdingbub eine sehr schwierige Kindheit verlebt hat.

Der Roman von Andreas Neeser zeigt auf, dass Erfahrungen der einen Generation der nächsten weitergegeben werden, die dann ein Stück weit diesen Fussstapfen folgt, aber immer auch ihren eigenen Weg finden muss.