empfohlen von Rahel Buchter

John Carrol Lynch: Lucky (DVD)

Der Schauspieler Harry Dean Stanton als 90-Jähriger in seiner letzten grossen Rolle; er verstarb kurz nach den Dreharbeiten. Bisher war sein Gesicht vor allem aus "Paris, Texas" sowie aus diversen Nebenrollen bekannt. In dem Regiedebut von John Carrol Lynch spielt er einen alten Mann namens Lucky, einen in der Wüste lebenden Eigenbrötler, der nicht einsam, aber gern allein ist. Seine Tage sind von den immer gleichen Ritualen geprägt: Erst rasiert und wäscht er sich, kämmt sorgfältig sein schütteres Haar, trinkt Kaffee, macht seine fünf Yoga-Übungen, gönnt sich dazwischen einen Zug seiner im Aschenbecher dahinglimmenden Zigarette und danach ein Glas Milch. Später löst er Kreuzworträtsel, hält sich in einem seiner Stammlokale im Kaff auf, wo man ihn kennt und schätzt, trinkt einen Bloody Mary oder sieht sich laut mitratend im Fernsehen eine Quiz-Sendung an. Bis er eines Morgens überraschend einen Schwächeanfall erleidet und sich mit seiner Sterblichkeit und philosophischen Sinnfragen auseinanderzusetzen beginnt. Trotz - oder gerade wegen - der vielen lakonischen Dialoge und skurrilen Figuren ein zarter, berührender Film. Eine Hommage an Harry Dean Stanton, an die Filmkunst und an das Leben. Selten hat man ein schöneres Lächeln auf der Leinwand gesehen als seines.

Fernando Aramburu: Patria

Ein grossartiges Buch! Der Autor ist im Baskenland aufgewachsen und hat den Terror hautnah miterlebt. Anhand der Geschichte zweier baskischer Familien, angesiedelt im selben fiktiven Dorf, spiegelt Fernando Aramburu wider, wie sich das Leben zu Zeiten der ETA für die Bevölkerung angefühlt haben könnte. Dabei bewegt er sich sprachlich virtuos zwischen verschiedensten Erzählperspektiven, lässt sowohl Opfer wie Täter zu Wort kommen und springt in der zeitlichen Abfolge immer wieder vor und zurück, bis sich einem allmählich die Handlung des 700-Seiten-Romans erschliesst und die Figuren an Tiefe und Schärfe gewinnen.

 

 

Amy Liptrot: Nachtlichter

Autobiografischer Bericht einer Journalistin über Sucht und Heilung. Als Farmerstochter unter familiär schwierigen Verhältnissen auf den Orkney Inseln aufgewachsen, verschlägt es Amy Liptrot mit Anfang zwanzig nach Edinburgh und London, wo sie sich ins Partyleben stürzt. Die Stadt überfordert sie und der Konkurrenzdruck im Job ist riesig. Sie flüchtet sich in den Alkohol und verliert immer wieder von neuem Arbeit, Wohnung und Freunde. Zehn Jahre später kehrt sie nach einer mehrmonatigen Entziehungskur auf die Orkneys zurück, bewohnt ein einfaches Cottage auf der Insel Papa Westray und findet einen Job als Vogelwartin. Durch die Nähe zur Natur und die intensive physische Erfahrung der Elementarkräfte gelingt es ihr - immer im Bewusstsein des nahen Abgrundes - wieder zu ihrer inneren Ruhe zu finden und Fuss zu fassen im eigenen Leben. Sie schwimmt täglich im eiskalten Wasser, wandert bei jeder Witterung, setzt sich Wind und Regen aus, beobachtet Vögel, schnorchelt, sucht nach "Merry Dancers" (Polarlichter), beschäftigt sich mit Astronomie, Nautik und eignet sich ein grosses Wissen über Geschichte und Mythen der Inseln an. Ausserdem nimmt sie aktiv am Leben der kleinen Inselbewohnergemeinschaft teil. Ein kraftvolles Buch, das Lust auf Naturerfahrungen und ein einfaches, ruhiges Leben macht.

 

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers

Deutschland, 1945: Einerseits wird von Flüchtlingen, Verwundeten und Versehrten das Kriegsende herbeigesehnt wird, andererseits herrscht noch immer ein verbissenes Nazitum, welches am Glauben an den baldigen Endsieg festhält. Hauptfigur ist die 12-jährige Luisa, ein starkes, integres Mädchen, das einem trotz apokalyptischer Stimmung Hoffnung gibt und an das Gute im Menschen glauben lässt. Luisas Kraftquelle sind ihre Bücher. Sie liest sich quer durch die Klassiker, mag Karl May, Cervantes, Bronte, Mitchell. Zusammen mit Mutter und Schwester ist sie aus dem zerbombten Kiel aufs Landgut ihres Schwagers, eines SS-Offiziers, geflohen, wo versucht wird, den Schein zu wahren und einen einigermassen normalen Alltag aufrecht zu halten… Obwohl die Geschichte in einer tristen Zeit spielt, habe ich auch dieses Buch von Ralf Rothmann wieder mit grossem Genuss gelesen. Er pflegt einen sehr bildhaften, lustvollen Erzählstil. Mag sein, dass seine Figuren manchmal etwas überzeichnet daherkommen – das verzeih ich ihm gern. Mit diesem Buch knüpft er übrigens an den Roman "Im Sommer sterben" an, welcher im selben Jahr spielt.