Kinder- und Jugendbuchempfehlungen von Simone Eutebach

Literaturpädagogin Simone Eutebach hat sich durch die Frühjahrs-Neuerscheinungen 2020 gelesen und die schönsten, spannendsten und unterhaltsamsten Kinder- und Jugendbücher für Sie zusammengetragen. Ihre Empfehlungen und viele Kreativtipps können Sie hier als PDF herunterladen.

Unsere Lesetipps

empfohlen von Colette Fehlmann

Jens Mühling: Schwere See. Eine Reise um das Schwarze Meer

Das Schwarze Meer ist voller Mythen, Geschichten und brisanter Zeitgeschichte. Von Medea, die Jason vom Pontischen Meer ins fremde Griechenland versetzt hat, über die Wirren nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs bis zur Komplexität der Krimkrise.

Der Reporter und Osteuropa-Kenner Jens Mühling reist um dieses Meer von Kertsch aus, der schmalen Meerenge, die Russland von der Krim trennt, durch sechs Länder, zwei Kontinente, mit allen möglichen Verkehrsmitteln, zu Fuss, per Autostopp, bis er rund ein Jahr später wieder am Ausgangspunkt ankommt. Bereichert mit 1001 Geschichten aus den unzähligen Begegnungen mit Menschen aller Länder, Ethnien, Glaubensrichtungen und ihren Lebensumständen.

Er erzählt vom Irrsinn der jahrhundertelangen Vertreibungen, Umsiedlungen, willkürlichen Grenzziehungen, aber auch über ozeanologische und ökologische Geheimnisse, die das Schwarze Meer birgt.

Wie er die verschiedensten Stimmen der Menschen und wie sie sich die Ereignisse zurechtlegen unverstellt, aber nicht ohne ein Quäntchen Ironie oder Humor wiedergeben kann, das ist grandios.

Wenn wir am Schluss in Jalta vor einem Brunnen stehen, der in die Form des Schwarzen Meeres gehauen ist, haben wir mit dem Autor zusammen die ganze Reise im Kopf ein ganz klein wenig und auf unvergessliche Weise mitgemacht.

Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew

Nach 25 Jahren, in denen er in Deutschland gelebt hat, will der Ich-Erzähler und «jüdische Kontingentflüchtling» der 1990er-Jahre sich einbürgern lassen. Das fordert einen monströsen bürokratischen Aufwand, insbesondere muss er in seinem Herkunftsland, der Ukraine, wo er die ersten 8 Jahre seines Lebens verbracht hat, eine «Apostille» beschaffen, eine behördliche Überbeglaubigung seiner Geburtsurkunde.

Hier beginnt die tragikomische Geschichte einer Familie, die zwischen ukrainisch-russisch-jüdisch-deutscher Kultur und verschiedenen politischen Systemen aufgerieben wird.

Zwei Zeitebenen verschränken sich fortan auf spielerisch-leichte Weise: Die Reise ins Kiew der Gegenwart mit dem fast surrealen Gang durch die Behörden und eine Zeitreise in seine Kindheit mit der Erzählung über den Bruch, den die Migration in seiner Familie anrichtete.

Den Charme dieses Buches macht Kapitelmans überbordende Sprachkreativität aus, seine Wortschöpfungen («Katzastan», die unerträgliche kompensatorische Katzen-Kolonie, die sich seine ‘Heute-Mutter’ in Deutschland angelegt hat) und die vergleichenden Sprachreflexionen, die die verschiedenen Gepflogenheiten und Mentalitäten seiner Heimatländer spiegeln.

Als dann überraschend der gesundheitlich schwer angeschlagene Vater sich ankündigt, um sich in Kiew günstiger medizinisch behandeln zu lassen, und so den Sohn zwingt, seinen Aufenthalt zu verlängern, nimmt das Unternehmen noch eine ganz neue Wende.

Neben dem Privaten kommt die gesellschaftspolitische Gegenwart beider Länder nicht zu kurz.

Witzig ist die ganze Lektüre, manchmal etwas kalauernd, aber immer sehr lustig und immer wieder sehr berührend.

Nina Kunz: Ich denk, ich denk zu viel

Wer nicht regelmässig die Kolumne von Nina Kunz im Tagesanzeiger-Magazin liest oder wer im Gegenteil jedesmal voller Erwartung die ersten Seiten des Magazins nach ihr durchsucht, hat jetzt Gelegenheit, 30 Texte der jungen Autorin nachzulesen, entstanden in den Jahren 2019/2020.

Auslöser sind Alltagsängste, über die sie schreibend nachzudenken beginnt, um sie zu verstehen. Sie schreibt über die Ambivalenz des Internet (‘ich hasse das Internet’), über Tatoos, die frag-würdige «Rückkehr zur ‘Normalität’» nach Corona, die Überidentifikation mit der Arbeit («workism»), die «Donut-Ökonomie», ihre Liebe zu Zürich und die zu Berlin, die zehn wichtigsten feministischen Bücher der letzten Jahre, über das Glück, das Grübeln, über Trennungen und vieles mehr.

Das Buch ist eine «Einladung in meine Gedankenwelt», wie sie es nennt, und es ist jedes Mal faszinierend, wie sie, ganz nah an ihrem Ich, den Blick weitet auf das gesellschaftliche Umfeld und locker ihr breites literarisches und theoretisches Wissen dazwischenstreut, das zum Selber-Denken und Weiterlesen einlädt.

Blitzgescheit, witzig, nachdenklich, stilsicher und mit wunderbarer Offenheit gibt sie unsere Gegenwart und das Lebensgefühl ihrer eigenen jungen Generation wieder.