empfohlen von Pia Kinner

Mick Herron: Slow Horses

Der zum Spion ausgebildete River Cartwright hat in seiner Karriere beim britischen Inlandsgeheimdient MI5 einen einzigen Fehler begangen, einen entscheidenden jedoch. Er wird aufgrund dieses Missgeschicks ausgemustert und nach Slough House versetzt. In diesem herunterkommen Haus arbeiten Männer und Frauen, die Rivers Schicksal teilen, auch sie standen im Dienst von MI5 und wurden nach einem Fehltritt strafversetzt. Trotz ihrer hervorragenden Ausbildung erhalten sie nervtötend langweilige Drecksarbeiten. Die Stimmung im Team ist mies. Ihr Vorgesetzter, Jackson Lamb, befehligt die Truppe. Seine Rolle wird im Laufe der Handlung zunehmend unklarer, ist er wirklich der schäbige Vorgesetzte, der nur an seinem eigenen Vorteil interessiert ist?

Die Entführung eines muslimischen Jungen, dessen Enthauptung live gestreamt werden soll, bringt die Gefüge des Teams durcheinander. Mick Herron siedelt seinen Spionageroman am Rand der Gesellschaft an und lenkt damit den Fokus auf Menschen, die gestrauchelt sind. Ein spannender, gut geschriebener Spionageroman.

 

 

Shanbhag Vivek: Ghachar Ghochar

Der indische Ingenieur Vivek Shanbhag nimmt die Lesenden mit in seine Heimat Indien mit. Die Familie des Teehändler kommt mehr schlecht als recht über die Runden. Das Geld wird in die Ausbildung seines Bruders gesteckt. Als dieser in den Grosshandel mit Gewürzen einsteigt, wird die Familie praktisch über Nacht reich. Sie wechselt Wohngegend und Bekanntenkreis. Der finanziellen Sicherheit und dem damit verbundenen sozialen Aufstieg der Familie fällt die Moral zum Opfer. Die in die Familie einheiratende Anita wagt, an der glänzenden Oberfläche zu kratzen und die unangenehmen Fragen zu stellen.

Einerseits spiegelt diese Geschichte die Entwicklung Indiens wieder, anderseits ist sie allgemeingültig und bringt uns immer wieder zurück zur Frage: Welchen Stellenwert will ich dem materiellen Erfolg zugestehen? Eine eindringlich geschriebene Familiengeschichte aus dem heutigen Indien.

 

 

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält

Schlappe 439 Jahre alt ist der Ich-Erzähler dieses Buches Tom Hazard. Die Langlebigkeit bringt zwar Vorteile mit sich, etwa wenn man wie Tom Hazard als Geschichtslehrer arbeitet und beneidenswert lebendig von viel früheren Zeiten erzählen kann. Ebenso hat er verschiedene historische Persönlichkeiten wie beispielsweise die Schriftsteller Shakespeare oder Scott F. Fitzgerald kennengelernt und sich eine tiefe Menschenkenntnis angeeignet. Doch die Nachteile sind mindestens eben so gewichtig: alle acht Jahre muss Tom Hazard eine neue Identität annehmen und seine Erlebnisse häufen sich schwer in seinem Gedächtnis an und verursachen häufige Erinnerungs- oder Lebensschmerzen. Seine soziale Einsamkeit wird gekrönt von Regel Nummer eins: Verliebe dich nicht!

Leichtfüssig lässt Matt Haig die Lesenden teilnehmen an einem Streifzug durch 400 Jahre Weltgeschichte und 400 Jahre Leben inklusive der Zutaten Abenteuer, Freundschaft, Liebe und Familie. Ein Buch, das sich hervorragend eignet, die sonnigen Frühlingstage im Lesestuhl zu verbringen.