empfohlen von Colette Fehlmann

Jewgeni Wodolaskin: Luftgänger

Ein Mann erwacht im Spitalbett ohne jegliche Erinnerung. Der Arzt lädt ihn ein, Tagebuch zu führen und Erinnerungs-Bruchstücke, die aufkommen, festzuhalten. Er will ihn bewusst nicht ‘informieren’ über seine Lebensumstände, damit er die Chance hat zu seiner authentischen Geschichte zurückzufinden. Das ist spannend wie ein Krimi und faszinierend in der Beschreibung der Erinnerungen, die fragmentarisch, aber ganz unmittelbar und sinnlich vor ihm und vor uns erstehen. Zauberhafte Bilder etwa aus der Kindheit im vorrevolutionären Russland.

Innokenti Platonow erfährt eine Zeitreise, als er, Jahrgang 1900, bei seinem Erwachen ins Jahr 1999 katapultiert wird. Was das mit seiner Deportation in die Straflager der Solowki-Inseln unter Stalin zu tun hat, sei hier nicht verraten.

Der zweite Teil widmet sich vor allem der gegenwärtigen Zeit und wird abwechselnd aus drei Perspektiven erzählt. Das geht nicht ohne satirisch-melancholische Schlaglichter auf die nachsowjetische Gesellschaft.

Es wäre kein russischer Roman, wenn nicht in philosophischen, auch selbstironisch-witzigen Dialogen zwischen dem «Patienten» Innokenti und seinem Arzt die russische Leidensgeschichte des 20. Jahrhunderts, das Verhältnis von Kunst und Erinnerung, von Wissenschaft und Religion, von Recht und Unrecht, das Glück und die Verlorenheit des Menschen verhandelt würden.

Jessica Braun: Atmen

Atmen ist eine Vitalfunkion – aber auch viel mehr! Es passiert nicht nur nebenbei, wir können den Atem variieren und nutzen und ihn und damit uns selbst unterschiedlich erfahren. Die Journalistin und Autorin Jessica Braun nimmt uns mit auf eine einzigartige Erkundungstour: Was passiert beim ersten Atemzug eines Neugeborenen? Wie kam der Sauerstoff evolutionsgeschichtlich überhaupt auf die Erde? Wie reagiert der Körper, wenn auf dem Mount Everest die Luft zu dünn wird? Wie wirkt Meditation, was verrät unsere Atemluft über unseren Gesundheitszustand und wie wird aus Atem das Wunderwerk Stimme? Der Schluss widmet sich sehr berührend auch unserem letzten Atemzug.

Bei allem Pathos, das das Thema in sich hat, und aller Menge an wissenschaftlichen Fakten schreibt die Autorin mit einer wohltuenden Portion Ironie, sehr locker und mit viel Sprachwitz. Die Atemübungen im Anhang laden dazu ein, das Gelesene an sich selber zu erproben.

Rose Ausländer: Wirf deine Angst in die Luft

Der Atem spielt eine zentrale Rolle auch im Werk von Rose Ausländer, der grossen jüdisch-deutschen Lyrikerin. Mein Atem heisst jetzt und Im Atemhaus wohnen heissen zwei ihrer Gedichtbände. Wie Paul Celan, dem sie einige Gedichte gewidmet hat, ist sie in Czernowitz in der Bukowina geboren. Als eine der wenigen ihrer Familie hat sie Ghetto und Deportation überlebt – als Nomadin zwischen Amerika und Europa und viele Jahre bis zu ihrem Tod 1988 in Deutschland.

Zum 20. Todestag ist dieses Hörbuch entstanden. Es verbindet ihre Lyrik mit Musik von Jan Rohlfing. Von Klezmer bis zu jazzigen Klängen begleiten und spiegeln Klarinette, Klavier, Schlagzeug, Cello u.a. die Gedichte wunderbar. Dazwischen hören wir Rose Ausländer im Originalton, wie sie ihre Lyrik und andere Texte liest. Sie handeln von Verlust und Trauer, aber auch von Liebe und Glück.

Ein Glück ist es auch, ihren Worten zu lauschen.