empfohlen von Rahel Buchter

Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt

Wie unvermittelt und einschneidend sich das Leben doch verändern kann… Während der Renovationsarbeiten ihrer ersten gemeinsamen Wohnung fällt Ulrike Edschmids Lebensgefährte von einer Leiter und ist seither querschnittgelähmt. Die Geschichte beginnt im Jahr 1986 in Berlin-Charlottenburg. Sie wird in knappem, verdichtetem Stil erzählt, und geht einem beim Lesen wohl gerade darum so unter die Haut, weil sie ohne jegliche Sentimentalitäten auskommt. Wir fiebern mit dem Protagonisten mit, wenn er seine ersten schmerzhaften Schritte tut. Staunen, mit welcher Willenskraft er unter grösster Kraftanstrengung Treppen bewältigt, nach diversen Stürzen immer wieder aufsteht und weitergeht. Allmählich wächst er in seine Krankheit hinein, wie in eine zweite Haut. ‚Zuweilen erstaune es ihn, schreibt er, dass er bei der erzwungenen Verzögerung seiner Schritte auf eine innere, längst vorhandene Langsamkeit stosse, die er früher hinter einer zum Lebensstil gewordenen Eile habe verschwinden lassen.‘ Währenddessen geht das Weltgeschehen weiter, die Mauer fällt und in der grossen Stadt brodelt es. Ein lebendiges Buch. Und eine grosse Liebesgeschichte.

Graham Swift: Ein Festtag. Novelle

Die Geschichte der Jane Fairchild, Findelkind, Dienstmädchen und schliesslich Schriftstellerin. Eine Begebenheit wird besonders ausführlich erzählt. Sie spielt sich am Muttertag des Jahres 1924 in einem englischen Herrenhaus ab. Die Besitzer sind ausgeflogen und sämtliche Bedienstete wurden für einen Besuch bei ihren Müttern freigestellt. Jane trifft sich mit Paul, dem Sohn des Hauses nach langjährigen heimlichen Treffen zum ersten und letzten Mal in dessen Schlafzimmer, später wird er mit seiner standesgemässen Verlobten zu Mittag essen, welche er in zwei Wochen ehelichen soll… Der Autor versteht es meisterhaft, verschiedene zeitliche Ebenen kunstvoll und elegant miteinander zu verweben. So befinden wir Leser uns zeitweise bei der bald hundertjährigen, schalkhaften Autorin, dann wieder voller Spannung bei der jungen Jane, die nach Pauls Weggang nackt und lustvoll langsam durchs fremde Haus wandelt und dabei ihre Gedanken schweifen lässt, während das Drama unweigerlich seinen Lauf nimmt. Eine wunderbare Frauenfigur - mutig, sinnlich, Abenteuerromane liebend, feinfühlig, klug und ihrer inneren Stimme folgend. Besonders schön: die feinen Beobachtungen und Gedanken über Bedienstete und Herrschaften. Ich habe dieses Buch mit grosser Bewunderung für den Autor und dessen sorgsamen Umgang mit Sprache gelesen. Elegant, philosophisch, sinnlich. Es hat mich bezaubert.

Joseph Conrad: Die Schattenlinie. Ein Bekenntnis. Zwei kommentierte Erzählungen

Dieses Jahr neu aufgelegt in wunderschöner Ausstattung: zwei Seefahrer-Romane vom Feinsten! In der autobiografisch gefärbten Titelgeschichte übernimmt ein junger Kapitän in Bangkok sein erstes Kommando und sieht sich auf dem Schiff sogleich widrigen Umständen gegenüber: Die Hälfte der Mannschaft ist an einem Tropenfieber erkrankt und der Wind bleibt aus. Wie wird er diese Herausforderung meistern? Und wird er dabei die SCHATTENLINIE, den Grat zwischen Jugend und Erwachsensein überschreiten? Was für ein Genuss, sich lesender weise auf hohe See zu begeben und in wilde Abenteuer zu stürzen!

Christopher Papakaliatis: Worlds Apart. Die Liebe in drei Generationen (DVD)

Drei einzelne Liebesgeschichten, mitten aus dem pochenden Leben von Athen. In der ersten Episode wird eine junge Frau überfallen und von einem syrischen Flüchtling gerettet. Unvergesslich romantisch die Liebesszene in einem Flugzeug des stillgelegten Flughafens, wo sich Flüchtlinge versteckt halten und auf ihre Weiterreise warten. Leider ebenso unvergesslich: Der Hass einiger griechischer Landsleute auf die unerwünschten Einwanderer. In der zweiten Episode geht es nebst leidenschaftlicher Liebe um wirtschaftliche Umstrukturierung und um Angst vor Verlust der Arbeitsstelle. Und im dritten Teil schliesslich finden zwei ältere Menschen, eine Griechin und ein Deutscher, zusammen. Einerseits ist dies ein Film über die wirtschaftlichen und politischen Probleme, mit denen Griechenland zur Zeit zu kämpfen hat, andererseits eine Hymne an die Kraft der Liebe. Erst zum Schluss erfährt man die verblüffende Verbindung der drei Geschichten. Ein berührender Film. In Griechenland ein Grosserfolg.