Unsere Lesetipps

empfohlen von Rahel Buchter

Michael Hugentobler: Feuerland

Dies ist die unglaubliche, aber auf Tatsachen beruhende Biografie eines Wörterbuchs. Farbig und mit grosser Fabulierlust erzählt.
Thomas Bridges wuchs Mitte des 19. Jahrhunderts als Adoptivsohn eines englischen Missionars im südlichsten Zipfel Patagoniens auf und übernahm später dessen Stelle. Bereits als Kind faszinierten ihn die dort ansässigen Yamanas, deren Sprache einen reichen Wortschatz und eine komplexe Grammatik aufwies. Er verbrachte jede freie Minute bei diesen Menschen und erstellte im Laufe der Jahre systematisch ein über tausendseitiges Wörterbuch. Nach seinem Tod gelangte dieses auf verworrenen Wegen in die Hände eines deutschen Völkerkundlers, der damit in die Schweiz floh, um es vor der Vernichtung durch die Nazis zu retten.
Der letztjährig für den Schweizer Buchpreis nominierte Autor hat alle Schauplätze des Buches selber bereist, was in den bildhaften, detailgetreuen Beschrieben gut spürbar ist.
Das Volk der Yamana existiert nicht mehr. Es wurde von diversen Seuchen heimgesucht, welche durch Goldgräber, Abenteurer und Missionare eingeschleppt wurden. Ihre Sprache hat in diesem Wörterbuch überlebt. Das Original kann in der British Library in London bewundert werden. 

Kenneth Branagh: Belfast (DVD)

Belfast, 1969: Im schwelenden Nordirlandkonflikt eskaliert die Gewalt und verändert das Leben des 9-jährigen Buddy von Grund auf.
Von einem Tag auf den anderen wird das gewohnt freundliche Nebeneinander der Katholiken und Protestanten im Wohnquartier zu einem bedrohlichen Alltag inmitten von Strassenkämpfen. Seine Familie sieht sich gezwungen, nach neuen Zukunftsperspektiven zu suchen und Buddy findet derweil Wärme bei seinen leicht skurrilen, liebenswerten Grosseltern. Ausserdem beglücken ihn Filme und Comics und er nährt seine Fantasie mit Bildern aus Kino, Theater und Fernsehen.
Da aus kindlicher Sichtweise dargestellt, bleibt das politische Geschehen passenderweise weitgehend unkommentiert und kulissenhaft, was durch das Schwarz-Weiss des Films noch unterstrichen wird.
Der bekannte Regisseur und Schauspieler Kenneth Branagh lässt einen mit diesem Werk an seinen eigenen Kindheitserinnerungen teilhaben. Ausserdem ist "Belfast" eine Hommage an die Film- und Theaterwelt sowie eine Liebeserklärung an die Hauptstadt Nordirlands und ihre Bewohner.
Die Hauptrollen sind alle wunderbar besetzt und es wird ein schönes, breites Irisch gesprochen.

Lea Ypi: Erwachsenwerden am Ende der Geschichte

Die Autorin ist Professorin für politische Philosophie und hat ihre Kindheit im kommunistischen, streng abgeschotteten Albanien der 80er-Jahre verbracht. In ihrem Buch erzählt sie vom Zusammenbruch dieser für sie damals vermeintlich heilen Welt und der anspruchsvollen Zeit danach. Sie war elf Jahre alt, als die Statue des diktatorischen Staatschefs Enver Hoxha gestürzt und damit der Weg zu einem Mehrparteiensystem mit freien Wahlen geebnet wurde.
Lea Ypi erzählt klug und lakonisch, wirft Fragen auf und lädt zum Mitdenken ein.
Ist es möglich, sich auch in einem unterdrückenden politischen System eine Art innere, moralische Freiheit zu bewahren? Ist die Demokratie ein Garant für die Freiheit? Was genau ist eigentlich Freiheit?