Kinder- und Jugendbuchempfehlungen von Simone Eutebach

Literaturpädagogin Simone Eutebach hat sich durch die Frühjahrs-Neuerscheinungen 2020 gelesen und die schönsten, spannendsten und unterhaltsamsten Kinder- und Jugendbücher für Sie zusammengetragen. Ihre Empfehlungen und viele Kreativtipps können Sie hier als PDF herunterladen.

Unsere Lesetipps

empfohlen von Colette Fehlmann

Alexander Granach: Da geht ein Mensch

Die ukrainische Lyrikerin Halyna Petrosanyak hat uns anlässlich ihrer Lesung in der Regionalbibliothek auf dieses Buch hingewiesen, das sie ins Ukrainische übersetzt hat: Ich beneide Sie alle – und nach einer Kunstpause – dass Sie diese Lektüre noch vor sich haben! Das gab sie uns mit, und was für ein Glücksfall ist dieses Buch tatsächlich.

In seinem autobiographischen Roman erzählt der späterhin in Deutschland und in den USA gefeierte Schauspieler Alexander Granach (1890-1945) von seiner Herkunft aus einem galizischen Dorf, das «Wierzbowce auf Polnisch, Werbowitz auf Jiddisch und Werbiwizi auf Ukrainisch» hiess. Er ist fest verankert in der jüdischen Frömmigkeit seiner Familie, die sich in materieller Not in feindlicher Umgebung behaupten muss. Schon mit sechs Jahren steht er in der Bäckerei seines Vaters. Als er aber mit vierzehn Jahren seine erste Theateraufführung in Lemberg erlebt, hält ihn nichts mehr davon zurück, Schauspieler zu werden. Auch nicht der Erste Weltkrieg und nicht die abenteuerliche Flucht aus der Kriegsgefangenschaft.

Mit bezaubernder Erzählkunst, mit Witz und grosser Nähe zu den Menschen, denen er begegnet, hinterlässt er in den LeserInnen einen unvergesslichen Eindruck.

In der Tat: Glücklich, wer diese Lektüre noch vor sich hat.

Katharina Hagena: Herzkraft. Ein Buch über das Singen

Während der Arbeit an ihrem Buch bestimmte Corona grosse Teile des Lebens der Autorin und beraubte sie, die passionierte Chorsängerin, wie Tausende andere auch, des Singens.

So erkundet sie die ‘Herzkraft’, die im Singen liegt. Singen lässt einen fliegen und doch sind wir dabei geerdet wie nie. Jedem Abschnitt steht ein Gedicht vor. Wie dieses ist das Singen dem Atem, der Luft verbunden, es macht stark und verletzlich, denn es geht darum, die eigene Stimme zu finden, und wie beim Schreiben tritt dabei unser Inneres nach aussen.

Noch Vieles mehr erfahren wir über die Physiologie der Stimme, die verschiedenen Stimmlagen, verschiedene Atemtypen sogar. Sie erzählt Kulturgeschichtliches über die antiken Nymphen und Sirenen oder über die Traumpfade, die Songlines der Aborigines, wo ein überliefertes Lied als Kompass und Karte durch das Landesinnere des Kontinents führte. Unzählige Widerstandslieder gibt es, aber auch die Vereinnahmung des Gesangs durch autoritäre Regimes. Eine Fülle von Erinnerungen an ihre eigene «singende Familie» lädt ein zur Nachahmung - Singen hilft gegen Übelkeit im Auto! Und besonders schön beschreibt sie, wieso es so wichtig ist, beim Singen aus der Stille zu beginnen.

Durchgehend behält Katharina Hagena auch einen vergnüglich-scharfen feministischen Blick darauf, wie Frauen seit jeher um ihre Stimme kämpfen mussten.

Sergej Gerassimow: Feuerpanorama. Ein ukrainisches Kriegstagebuch

Dies sei ein schnell geschriebenes Buch, unter fallenden Bomben und fliegenden Granaten müsse man schnell schreiben, so Gerassimow im Vorwort zu seinem Kriegstagebuch. Dafür gewinne es an Ehrlichkeit, was das unmittelbare Erleben betrifft, das nicht im Nachhinein verstellt werden kann. Die Aufzeichnungen beginnen am 24. Februar 2022 um 5:07 Uhr morgens, als ihn die unheimlichen Geräusche des begonnenen Krieges wecken. Sie enden vorerst mit dem 18. April 2022. Sie zeigen uns die Konkretheit des Krieges im Alltag der Bevölkerung von Charkiw, die von Beginn an ständig unter Beschuss ist. Er erzählt vom tagelangen Schlangestehen der Menschen vor Apotheken und leeren Lebensmittelläden bei bis zu minus 20 Grad Celsius, von fehlenden Medikamenten und fehlendem Wasser, von halsbrecherischen Ausflügen in den zerstörtesten Stadtteil, in dem seine Eltern gewohnt haben. Mit scharfem Sarkasmus übergiesst Gerassimow die russischen Angreifer und die Propagandamaschinerie aus dem Kreml, die weismachen will, dass die Ukrainer ihre eigenen Häuser und Städte zerstörten. Als studierter Psychologe reflektiert er aber auch über die Psychologie der Täter und ebenso differenziert über Patriotismus, toxischen Nationalismus und über universelle Grundwerte, die zu verteidigen sind.

Das Nebeneinander von erschütternden Beschreibungen, Reflexionen und Erinnerungen macht das Tagebuch so eindringlich. «Charkiw ist eine Schönheit. Ich meine, war.» Aus Liebe zu den vertrauten Dingen und Orten will er die Stadt nicht verlassen, obwohl sie seit Wochen immer leerer wird. Inzwischen hat Gerassimow die Aufzeichnungen, die als Serie in der NZZ erscheinen, nach einer längeren Pause wieder aufgenommen.